Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 48 (29.11.1912)
- Date
- 1912-11-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIEÄELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG — ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRO. BERLIN, 29. November 1912 T'tann 'X 'ti"’ Nr. 48. Ist das wirklich Liberalismus? II. Die protestantische Theologie der Reformationszeit, die das alte Christentum zerstören und ein neues Christentum an dessen Stelle setzen wollte, mußte die herrschende kirchliche Autorität, den Papst, beseitigen. Aber wenn sie nicht aufhören wollte, überhaupt christlich zu sein, mußte sie eine neue Autorität an dessen Stelle setzen. Der „papierene Papst“, das Schriftwort, nahm nunmehr diesen Platz ein. Man kam zu der Lehre, daß die Bibel, das geschriebene Wort Gottes, das nunmehr die unerschütterliche Basis alles Glaubens werden sollte, in b u c h s t ä b 1 i c h c m S i n n e Gottes Wort sei. Dabei traten die Evangelien an die erste Stelle des Glaubens. Man stellte fest, daß sie von Gott selbst geschrieben seien, und daß der Evangelist durch V e r b a 1 i n s p i r a - tion dieses Wort Gottes empfangen habe, das er als c a I a in u s d e i (als Schreibrohr der Gottheit) gewirkt habe. Die Folgerung, daß das Griechisch der Evangelien ein besseres Griechisch als das Platos sein müßte, war in diesem Gedankenkreis selbstverständlich. Denn der Heilige Geist mußte doch ein besseres Griechisch schreiben als ein Heide, von dem man bestenfalls sagen konnte, daß er das Christentum in seiner Art schon vorgeahnt hätte. Dieses protestantische Dogma ist also im bewußten Gegensatz zur katholischen Kirchenlehre geschaffen worden und hat im Judentum niemals Platz gehabt. Da aber die sich liberal nennende Richtung moderner Rabbiner ganz und gar in den Fußtapfen des Protestantismus und seiner Richtungen schreitet, so wundert es uns gar nicht, wenn ihre Wortführer sich ebenso wie die liberalen evangelischen Geistlichen gegen diese Lehre wenden, die in solchem Sinne im Judentum nie vorhanden war. Daher wären Dr. H. Vogelsteins Worte auf der Posener liberalen Tagung nicht in einer jüdischen, sondern in einer protestantischen Theologen Versammlung am Platze gewesen: ,,Wir lehnen“, so rief er aus, ,,die Auffassung der Vcrbalinspiration ab, d. h. wir sind nicht der Meinung, daß jedes Wort der Bibel gleichsam nach göttlichem Diktat niedergeschrieben und darum auch in naturwissenschaftlichen, politischen und dergleichen Fragen unverbrüchlich ist, daß wir also unsere wissenschaftlichen Anschauungen nach dem Buchstaben der Bibel zu modeln und ihm zu unterwerfen haben.“ Gewiß lehnen wir das ab. Aber es war nicht nötig, das zu sagen, denn dergleichen ist nie jüdische Lehre gewesen. Wir lehnen ja auch die Lehre von der jungfräulichen Geburt, von der Transsubstantation und die Ohrenbeichte ab. Mit gleichem Recht hätte auf dem Posener Konzil Stellung gegen diese Lehren und Einrichtungen der Kirche genommen werden können. Die zur Posener Tagung versammelten Rabbiner und Gemeindemitglieder haben nun als siebenten Punkt ihrer neuen Glaubensartikel den Satz aufgestellt: „Glaubensvorstcllungen, welche die Reinheit der jüdischen Gotteslehre trüben, sind aus dem Lehrinhalt der jüdischen Religion auszuscheiden.“ Kein anderer Glaubenspunkt als dieser und der der Offenbarung am Sinai sind auf dem Konzil irgendwie behandelt worden, und die siebente „Richtlinie“ — Artikel heißt cs in Luthers Katechismus -- kann sich also nur auf die Inspirationslehre und den Offenbarungsglaüben beziehen. „Freilich, wie der Vorgang der Offenbarung sich abspielt, das zu wissen maßen wir uns nicht an.“ Diese Bescheidenheit ist erfreulich, nur hätte man sich auch davor hüten sollen, sich das Wissen anzumaßen, wie die Offenbarung nicht vor sich gegangen ist. Auf dem Posener Konzil wurde ferner festgestellt, daß „die Heilige Schrift um ihres ewig-göttlichen Inhalts willen als Offenbarungsurkunde kat exochen zu bezeichnen“ ist. Das ist sehr schön gesagt, aber nur gesagt. Denn wenn es sich1 nach ihrer Auffassung wirklich um eine Offenbarung handelte, so würden die Herren sich der göttlichen Autorität fügen müssen. Sie denken aber gar nicht daran. Sie halten die Berichte über die sinaitische Offenbarung für nicht authentisch. Sie erachten sie für späte Sagen und Legenden. Sie halten sie bestenfalls für herrliche religiöse Dichtungen, denen aber der historische Untergrund fehlt. Das ist eine Auffassung, die man teilen oder nicht teilen kann. Aber damit fällt doch absolut, daß die Bibel die Offenbarungsurkunde kat exochen, ja überhaupt eine Offenbarungsurkunde ist.