Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1912-11-08 · 45 (8.11.1912) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
45 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316514-3316559--56709-3350662
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

1404 Nr. 45 DIESqKELT Hymnus gesungen: die Geschichte von dem Melammed lind seiner Ziege. Wie der Melammed seine Ziege liebt und liebt und immer nur liebt, lind sie statt mit Gras und Heu mit Liebe und Schwärmerei füttert, bis sie zugrunde geht. Sollten gewisse Verehrer des Hebräischen mit jenem Melammed und seiner gar zu platonischen Liebe gemeint sein? . . . Diese gereimten Feuilletons Frischmanns bilden den Abschluß des neuesten (fünften) Bandes seiner Schriften, die soeben im Verlage „Safruth“ in Warschau erscheinen. Jakob Fichmann hat den Band mit einem Essai über Frischmann eingeleitet, der ein liebevolles Bild der vielseitigen Arbeit des Dichters entwirft. Fichmann will die Meinung zerstören, daß Frischmann bloß ein glänzender Stilist und witziger Feuilletonist sei; er will die große Künstlernatur zeigen, die sich in ihren Schriften mehr verbirgt als offenbart, den Aristokraten, der absichtlich jedes starke, pathetische Wort unterdrückt, weil das Pathos in seiner Gilde gar so billig geworden ist. So kämpft er um der Feiertagsstimmung willen für Wochentäglichkeit. ,,!ch hasse jene Zwerge, die sich zu Riesen blähen, die Strohfeuer entzünden und rufend künden ,,Blitze!“, so heißt es in dem Gedicht, das Frischmann wie ein Bekenntnis und eine Selbstcharakteristik seinen Gedichten vorangestallt hat. Die Gedichte, die hier vereinigt sind, sind nicht gleichwertig. Sie sind wohl eine Auslese aus langjähriger Arbeit. (Leider sind die Entstehungszeiten nicht angegeben. Bei dem Einfluß, den Frisch man ns Gedichte auf andere gehabt haben, wäre eine Orientierung hierüber recht belehrend gewesen.) Frischmann war einer der ersten, der den hebräischen Dichtern in der Volksüberlieferung, der Sage, eine unerschöpfliche Quelle der Poesie gezeigt hat. Er tat dies in einigen theoretischen Aufsätzen, er schrieb aber auch einige tiefe Gedichte, deren Stoff dem Schaffen des Volkes entnommen war. Die Ballade von der Seele des Messias (Bisch’wil liamaschiach, S. 27) —- wie mir scheint, das schönste Gedicht der Sammlung - - verwendet die alte jüdische Heberzeugung, daß der Mensch die Welt erlösen muß, zu einem großartigen Bilde. Wir werden in die Schmiede geführt, wo in kraftvoller, fröhlich fortschreitender Arbeit die Hufe für das Roß des Messias geschmiedet werden. Ein Weber jenseits des Jordans webt — hei! wie das Schiffchen fliegt! -- des Messias Gewand. Schon ist auch seine Fahne gestickt — alles ist vorbereitet; nur noch eines fehlt: die Seele des Messias. Sie wird im Himmel bereitet und ihr Stoff sind all die guten Taten, die von der Erde aufwärtsdringen. Aber während anderswo die Arbeit fröhlich vorwärtsschreitet, stockt hier alles Tun. Die Menschen liefern dem Werke kein Material . . . Frischmann hat mit souveräner Sprachbcherrscluing die Arbeit des Schmiedes, des Webers, des Stickers geschildert und mit einem selbst in der melodiösen hebräischen Sprache unerhörten Klangreichtum die dichterische Wirkung verstärkt. Fröhlich wiederholt jede Strophe das „Hedad, Hedad! für den Messias!“ bis dann am Schluß das Hedad durch eine „Wehe, wehe!“ abgelöst wird. Der Messias-Stoff liegt auch dem großen Gedichte „Hamaschiach“ zugrunde: Der mit goldenen Banden an den Thron des Höchsten gekettete Messias schreit zu Gott auf, flehend, daß die Stunde kommen möge, wo er, die Welt erlösend, sich selbst erlösen würde. Aber die Stunde ist noch nicht gekommen. Und während der König Messias in ohnmächtigem Ringen an seinen goldenen Ketten zerrt, erklingt wie ein fernes Echo das Klirren eiserner Ketten von einem Ende der Erde bis zum andern . . . leb nenne noch von den andern Balladen Erischmanns die vom geschenkten Leben (S. 77), das liebenswürdige Märchen vom Selbstmord der verliebten Mücke im Tau der angebeteten Lilie (S. 38) und die Erzählung vom Fluche des Don Josef ben Eder bei der Vertreibung der Juden aus Spanien (S. 55). Manchmal, so dünkt mich, leidet das Dichterische bei Frischmann unter der Ironie des Feuilletonisten. So, wenn er den sterbenden Moses seinem Schüler Josua den Opportunismus predigen läßt, mit dem sich das gelobte Land eher erreichen lassen wird, als mit der rücksichtslosen Strenge des Eiferers. Das heißt den Spott denn doch zu weit treiben. Frischmann ist bekanntlich auch als Uebersetzer fruchtbar tätig. Die vorliegende Sammlung enthält Gedichte von Maeterlinck, Zangwill, Reisner. Fichmann nennt die Uebersetzungen unseres Dichters die einzigen klassischen, die wir in der hebräischen Literatur besitzen. Frischmann hat vor allem in seiner Hebersetzung von „Also sprach Zarathustra“ ein Werk von dauernder Bedeutung geschaffen. Kürzlich ist der tschechische Dichter V rc h 1 i k y gestorben, der seinem Volke fast die ganze Weltliteratur übersetzt hat und so ein Unendliches dazu beigetragen hat, daß dieses junge Volk seine eigene Kultur begründen konnte lind ein eigenes Leben führen kann, ohne deshalb aus Europa ausgeschlossen zu sein. Seine Landsleute machten ihn, obwohl er nicht einmal Doktor war, zum Universitätsprofessor und gaben ihm so Möglichkeit und Muße, seiner großen Arbeit zu leben. Frischmann aber lebt als Journalist und verbraucht seine Kraft daran, Artikel für den Tag zu schreiben . . . NACHRICHTEN Studienreise eines französischen Romanciers (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Ein namhaftes Mitglied der jüngeren französischen Schriftstellergarde, Monsieur Jean T h a r a u d , der bereits zusammen mit seinem Bruder Jerome Tharaud mit dem Goncourt- Preis ausgezeichnet wurde, arbeitet jetzt an einem Roman, in welchem die Juden frage Ungarns eingehend behandelt wird. Monsieur Tharaud wirkte vor einigen Jahren als Lektor der französischen Sprache lind Literatur an der Universität Budapest Die sozialen und konfessionellen Verhältnisse des Landes regten sein Interesse an, er studierte dieselben eingehend und gewann allmählich für die Judenfrage besonderes Interesse. ln Osteuropa und auf dgr Balkanhalbinsel verfolgte er hauptsächlich das Schicksal und die geistige Entwicklung der Juden. Seine gesammelten Eindrücke beabsichtigt er jetzt in einem Roman zu veröffentlichen, dessen Held ein jüdischer Jüngling ist, der seine Jugendjahre in einem altkonservativen Ghettomilieu verlebt, im 18. Lebensjahr aus dem Ghetto herausgerissen wird, sich ganz den weltlichen Wissenschaften hingibt, von Stufe zu Stufe sich in das magyarisch-assimilatorische Judentum hineinarbeitet und endlich selbst eine führende Persönlichkeit dieses sogenannten Judentums wird. Als der Held aus dem Ghetto heraustritt und mit der christlichen Gesellschaft in Berührung kommt, beginnt in ihm der Kampf zweier Weltanschauungen. Die Schilderung dieses inneren Kampfes ist das eigentliche Thema des Werkes, das zugleich eine Charakteristik des ganzen Judentums in Ungarn bietet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.