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Die Welt · 1912-11-08 · 45 (8.11.1912) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
45 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 45 DIE3^ELT 1403 bezüglicher Aufruf erlassen. Man hofft, daß 'dieses Beispiel die anderen Vereine Australiens zur Nachahmung anspornen wird. Kanada Mcnlrea:. Am 15. September wurde für ganz Kanada ein allgemeiner Nationalfondstag veranstaltet, und in jedem jüdischen Bezirk wurden Gruppen von Personen bestimmt, Sammlungen mit Nationalfondsbüchsen ~ vorzunehmen. Eine große Menge junger Leute besuchten mit diesen Büchsen die Häuser und Arbeitsstätten von Juden, und allein in Montreal wurden 2000 M. auf diese Art gesammelt. Heber die Gründung einer „Achuzah“ (Palästina-Landerwerbsgesellschaft) wurde in zionistischen Kreisen in letzter Zeit besonders viel diskutiert. Mehrere Herren haben sich zur Zahlung von großen Beträgen verpflichtet. Man hat sich mit den maßgebenden Stellen in Palästina in Verbindung gesetzt. Eine größere Anzahl hebräischer und Jargon-Bücher sind in der Volksbibliothek in Toronto angeschafft worden, was den Bemühungen der zionistischen Vereine dieser Stadt zu verdanken ist. □□□□□□ FEUILLETON □□□□□□ ==x Q O O David Frischmanns Gedichte Von Dr. Hugo Bergmann, Prag Wenn einmal die Geschichte des neuesten hebräischen Schrifttums geschrieben werden wird, dann wird sie mit einem eigenartigen Kapitel eingeleitet werden müssen: „Der Kampf um die Europäisierung“ wird es heißen. Was anderen jungen Literaturen fehlte: die literarische Tradition, ein Schatz an geprägten Worten und Bildern, das hatte unser Schrifttum, als es sich im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts zu neuem Leben regte, in aller Fülle. Und es war eben diese Fülle, welche es bedrängte und zum Ersticken drückte. Alle schöpferischen Kräfte schienen versiegen zu müssen, weil sie keinen Platz für ihre Betätigung fanden. Alles Neuschaffen war vielmehr ein Kombinieren alter Formen. Befreite sich die Sprache von diesen Fesseln nicht, dann mußte sie für den Ausdruck modernen Lebens untauglich bleiben. Heute, wo dieser Befreiungskampf siegreich durchgeführt ist, wo die hebräische Literatur so europäisch und so „unheilig“ geworden ist, daß wir manchmal nicht ohne Angst daran denken, ob dieses europäische (manchmal fast schon amerikanische) Hebräisch noch Ausdruck einer jüdischen Seele sein kann, — heute weiß man gar nicht mehr das Verdienst jener Mariner zu schätzen, welche diese Entwicklung herbeigeführt haben. Und doch sollte man ihnen dankbar sein. Alle Sentimentalität hilft hier nichts. Der moderne Mensch kann auch zum Allerheiligsten doch nur vom Leben unserer Tage, von seinem eigenen Leben aus Vordringen, und besser, er steigt für eine Zeit ganz auf den Markt herab, als daß er in hohen Himmeln schwebend ein fremdes Leben führt. In hohen Himmeln schweben und dabei ein fremdes, von andern Menschen für andere Zeiten geschaffenes Leben führen — das war der Charakter des jüdischen Batlanuth. Und unter denen, welche durch den Kampf gegen den Batlan die Selbstemanzipation des Juden vorbereiteten, ist David Frisch mann in erster Linie zu nennen. Sein Kampf war ein sehr ernst geführter, obwohl der Witz und die Satire seine wuchtigen Waffen waren. Er verfolgte das Batlanuth unbarmherzig. Er sah es nicht nur, wo es auch andere leicht wahrnahmen, in den Kreisen weltfremder Grübler talmudischer Schulen. Er sah den Batlan auch in der politischen Versammlung, am Vorstandstisch des Vereins, auf der Rednertribüne, in der Redaktionsstube der hebräischen Zeitung. Und er verfolgte ihn allüberall. Vielleicht entsinnen sich auch manche von denen, welche Frischnianns Schriften im Original nicht lesen können, jener vor etlichen Jahren in deutscher Uebersetzung erschienenen Erzählung aus Che Im, dem jüdischen Schilda, welche „Butter“ überschrieben war. Wie da die durch den Butterhandel reich gewordenen Chelmcr beschließen, der Kälte in ihren Wohnungen ein Ende zu bereiten und Oefen zu hauen. Da sie aber keine andern Materialien zur Hand haben, Butter dagegen in Menge, so bauen sie Oefen aus Butter. Zwar sind nicht alle mit dem Plane einverstanden und manche verweisen sogar darauf, daß Oefen aus Butter schmelzen müssen; aber: ,,Wollen Sie unsere Bürger erfrieren lassen? Der Mensch muß etwas tun, das Nichtstun wird uns nicht weiterbringen . . . Und so wird denn etwas „getan“, die Oefen gebaut. Was liegt auch daran, daß sie beim ersten Feuer schmelzen; man hat doch getan, was man konnte. „Und darin bestellt das Unglück der Juden, daß sie alles butterig machen. Alle unsere Projekte, alle unsere Unternehmungen, all unser Tun und Lassen ist butterig. Alle Kulturinstitutionen, alle Vereine, unsere Existenzmittel, ja unsere ganze Lebensweise — nichts als Butter. Wir tun alles nur, um uns selbst zu täuschen, um uns einzubilden, daß wir etwas getan hätten . . . „Und sie aßen“, heißt es in der Bibel von den Engeln, die uriserm Stammvater Abraham erschienen, wozu die Kommentatoren die Erklärung geben: „Und sie taten so, als würden sie essen.“ Auch wir tun so, als würden wir essen; wir bewegen den Mund, damit wir uns selbst einbilden, daß wir essen. Kann uns eine solche Einbildung sättigen?“ „Kann uns eine solche Einbildung sättigen?“ — in diesen Worten ist Frischmanns ganze Stellung im jüdischen Lehen gekennzeichnet. Ihm war es immer um die Echtheit unseres Lebens zu tun, und darum erklärte er der Lüge und Heuchelei, und vor allem der Selbsttäuschung, den Krieg. Ob er im einzelnen immer das Richtige traf, darauf kommt es nicht an. Daß seine Hiebe immer gut saßen und meist auch gute Ziele trafen, daran ist nicht zu zweifeln. Frischmann begnügte sieh nicht damit, die Butterbaumeister in der glänzenden Prosa seiner Feuilletons zu desavouieren. Er schrieb auch gereimte Feuilletons, die eine Reihe von Jahren in den Almanachs des Verlages Achiasaph erschienen sind. Da kam der Dichter als Kalendermann und wußte alle Jahre zu erzählen, wie und wo in den Gauen Israels neue Butterbauten entstanden waren. Vor kurzem erst hat Frischmann den Freunden der hebräischen Sprache einen sonderbaren

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