Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 45 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ß' ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG b XVI. JAHRQ. BERLIN, 8. November 1912 T'Dnn 'S yiBTns rV'D Nr. 45 KRIEGSGLÜCK Nach jeder ernsten Schicksalswendungfinden sich die bekannten klugen Leute, die alles vorher gewußt haben. Für diese klugen Leute war auch der Zusammenbruch der türkischen Herrschaft^ schon lange nur noch eine Frage der Zeit und sie wußten bereits seit Monaten, daß der Moment der Aufteilung gekommen sei. Gleich den Raben, die sich nach der Schlacht ihre Beute holen, sammeln sich diese Propheten der Vergangenheit auf dem großen Leichenfelde, wetzen ihre Schnäbel und putzen ihre Federn. In Wahrheit ist ganz Europa mit Einschluß aller politischen und militärischen Kanzleien von dem folgenschweren Siege des bulgarischen Heeres völlig überrascht worden. Alle „Kenner der Türkei“ waren noch vor einem Monat der Ansicht, die türkische Armee sei für die Balkanstaaten ein übermächtiger Gegner. Auch die kriegführenden Parteien selber ahnten nicht, wie rasch und wie eindeutig die Entscheidung fallen würde. Die zögernde Haltung der Balkanstaaten kurz vor Ausbruch des Krieges, insbesondere das Zaudern König Ferdinands, weist darauf hin, daß man die militärische Stärke der Türkei sehr hoch einschätzte. Die Türken waren von ihrer eigenen Ueberlegenheit völlig durchdrungen. In diesem Bewußtsein der Ueberlegenheit fühlten sie sich ganz geborgen und rechneten gar nicht mit der Möglichkeit eines Balkankrieges. Es sind noch nicht vier Wochen vergangen, seit die leitenden Staatsmänner der Türkei in privaten Gesprächen äußerten, ihre einzige Sorge sei das Zustandekommen des Friedens mit Italien; dagegen bildeten die Unruhen auf dem Balkan für sie keinen Grund zu ernsten Befürchtungen. Wahrscheinlich ist diese Sorglosigkeit und nicht die vielgenannte „innere Zerrüttung“ der Hauptgrund der türkischen Niederlagen geworden. Es läßt sich freilich nicht leugnen, daß die politische Betätigung vieler Offiziere, der Kampf zwischen der Komiteepartei und der Entente liberale, auch die Armee beeinflußt hat. Viele Offiziersstellen wurden infolge dieser innerpolitischen Kämpfe neu besetzt und manch wichtiges Amt mag nach dem Rücktritt des Kriegsministers Mahmud Schewket Pascha mehr nach parteipolitischen als nach militärtechnischen Gesichtspunkten vergeben worden sein. Doch reicht diese Erklärung bei weitem nicht aus. Im Kampf gegen die j christlichen Balkan Völker mußten alle Parteigegensätze - sofort verschwinden und das Heer, das im Jahre 1878 , den Russen so lange widerstand, mußte sich in seiner/ alten Kriegstüchtigkeit zeigen. Wenn die Ereignisse dieser Erwartung Unrecht gaben, so lag dies einfach an dem Mangel an Vorbereitung. Der moderne Krieg verlangt nicht nur tapfere Truppen und entschlossene Führung, sondern auch ein sehr kompliziertes System techriischor- Einrichtungen. Auf türkischer Seite scheint weder der Nachrichtendienst noch die Oberleitung, weder die Verpflegung noch die Munitionsbeschaffung rechtzeitig organisiert worden zu sein. Die türkischen Truppen haben sich an den meisten Punkten mit verzweifelter Tapferkeit gewehrt, aber die organisatorischen Mängel machten alle ihre Anstrengungen zunichte, und so ging ein ganzes Reich durch Schlamperei verloren. Denn hieran ist nicht zu zweifeln: Mit den Schlachten von Kirkkilissa und Lüle-Burgas hat die Türkei den; größten Teil ihres europäischen Besitzes und den Rang;; einer europäischen Großmacht verloren. -J. Nach den ernsten Anstrengungen, die alle patriotisch ~ gesinnten Osmanen seit der Absetzung Abdul Hamids gemacht hatten, um ihr Vaterland zu reformieren, mutet dieser Ausgang wahrhaft tragisch an. Die Türken sind ein tapferes, stolzes Volk, das wahrlich ein besseres Schicksal verdient hätte, als ihm in diesen Tagen beschienen ward. Wir müssen daher die schwere Niederlage beklagen, die die aufsteigende Entwicklung des türkischen Reiches jählings abschneidet und viele Zukunftshoffnungen begräbt. Die allzu wandelbare öffentliche Meinung hat sich rasch entschlossen von der Türkei | abgewandt und jubelt dem siegreichen Bulgarenheere \ zu. Es wäre gewiß unangebracht und vom zionistischen Standpunkt wenig logisch, die Bravour der bulgarischen Trupppen herabsetzen zu wollen. Sie haben mit größter Hingebung für ihr Vaterland gestritten, sie haben sich für die Idee ihrer Nation geopfert und sind durch diese Idee zu raschem Siege geführt worden. Es ist aber ein Gebot der Gerechtigkeit, die türkischen Mißerfolge aus ihren natürlichen, höchst äußerlichen Ursachen zu erklären und nicht aus dem Geiste der Nation. Ueber die zukünftige Gestaltung der Türkei läßt sich in diesem Augenblick keine Vermutung aufstellen. Sie