Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 43 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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1336 DIE2 1 den Mitteln des Pakistina-Arbeiter-Fonds ein Informationsbureau zu errichten. Der Referent begab sich im Auftrage des Verbandsbureaus nach Palästina, um die Verhältnisse kennen zu lernen und die Streitfragen zu ordnen. Es wurden in den letzten Wochen sowohl das Arbeitssekretariat als auch das Informationsbureau gegründet. Das Arbeitssekretariat hat die Aufgabe, die Beschlüsse der Weltkonferenz durchzuführen und einen Arbeitsplan für die nächste Periode auszuarbeiten. Das Informationsbureau soll den Einwanderern mit Informationen dienen und neue Arbeitsmöglichkeiten zu finden bestrebt sein. Hierauf wandte sich der Referent der Arbeiterfrage Palästinas zu. In den Städten — erklärte er — ist die Lage der Arbeiter verhältnismäßig gut. jüdische Arbeiter dringen in die Industrie ein. Eines der wichtigsten Probleme der jüdischen Kolonisationspolitik ist jedoch die jüdische Landarbeiterfrage. Die arabische Konkurrenz ist vorläufig das Haupthindernis für die Entstehung einer großen jüdischen Landarbeiterschaft. In der letzten Zeit sind hier zwar gewisse üegentendenzen zu bemerken. Der Fellache geht schließlich zu intensiver Wirtschaft über, seine Bedürfnisse wachsen, die Lohndifferenz gegenüber dem jüdischen Arbeiter wird kleiner. Dazu kommt, daß der Fellache auch selbst Kolonist ist und ein gewisser Konkurrenzneid zwischen ihm und dem jüdischen Kolonisten besteht. All diese Momente lassen für später ein zahlreicheres Eindringen jüdischer Arbeiter in die Kolonien erwarten. Vorläufig aber ist die ausschließliche Verwendung jüdischer Arbeitskräfte mit wenigen Ausnahmen bloß in den Betrieben des Nationalfonds (Kinereth, Lydda, Hulda, Merchawja) und anderer Gesellschaften (Migdal, Porija) zu finden. Nun ist aber die Entstehung einer großen Landarbeiterschaft die wichtigste Vorbedingung für die Heranziehung eines wirklichen jüdischen Bauernstandes. Die heutigen jüdischen Kolonisten in Palästina sind — mit gewissen Ausnahmen in Galiläa — keine richtigen Bauern, sondern kleinere oder größere Grundbesitzer. Der Krämer von gestern kann nicht im Handumdrehen Bauer werden. Er muß sich zuerst den neuen Lebensbedingungen anpassen, und das kann geschehen, wenn er eine gewisse Zeit hindurch als Arbeiter beschäftigt wird. Hier liegt der tiefe Zusammenhang der Bauernfrage mit der Landarbeiterfrage, der die letztere zu einer Lebensfrage der Kolonisation macht. Vorläufig ist das Haupfmittel zur Schaffung eines jüdischen Landarbeiterelementes das G e - nossenschaftssystc m, sei es in der Form der adrninistratiouslosen freien Arbeitergruppen, sei es als Oppen- Ii e i mersche Sied 1 ungsgenossenschaft. Auf diese Weise kommen wir zu folgenden Konsequenzen: 1. Die N.-F.-Betriebe müssen gesichert und vergrößert werden. Die Oelbaumspende sollte in einen Pflanzimgsfonds verwandelt werden. 2. Der Nationalfonds sollte dem Prinzipe der Nationalisierung des Bodens treu bleiben und sich nicht mit der Schaffung größeren oder kleineren Bodenbesitzes beschäftigen. Dadurch würde für lange Zeit die Heranziehung einer jüdischen Landarbeiterschaft und damit einer wirklichen jüdischen Bauernklasse verhindert, was doch nicht der Zweck des N.-F. sein kann. Im Sinne seiner Ausführungen beantragte der Referent die Annahme einer Resolution, wonach der Parteitag im N.-F. eines der wichtigstem Instrumente nationaler Kolonisation erblickt, das geeignet ist, die Schaffung einer Bauernklasse in Palästina, sei es auf genossenschaftlicher Grundlage, sei es als selbstwirtschaftende Bauern, zu erleichtern. Der Parteitag erwarte, daß die Delegation auf dem XL Kongreß die nötigen Schritte unternehmen werde, um das Prinzip der Nationalisierung des Bodens, durch welches der N.-F. die breiten Volksmassen gewonnen hat, zu wahren. Ferner schlug der Referent noch folgende Resolutionen vor: Der Parteitag stimmt den Beschlüssen der III. Weltkonferenz in Wien in bezug auf die Palästinaarbeit und die Verwaltung des Palästina-Arbeiter-Fonds zu. Der Parteitag begrüßt die Gründung des Arbeitssekretariates und des Informationsbureaus in Jaffa und spricht die Erwartung aus, daß alle Genossen das Arbeitsbureau unterstützen und für die Sicherung unserer Palästinainstitutionen eintreten werden. Der Parteitag erwartet, daß das Verbandsbureau die nötigen Schritte unternehmen wird, um die Zahl der Arbeitervertreter im Aufsichtsrat des Genossenschaftsfonds zu vergrößern. Das glänzende Referat wurde mit großem Beifall aufgenommen. [ELT - Nr. 43 Die Vormittagssitzung des zweiten Tages war ganz der Palästinadebatte gewidmet. Eine Gruppe von Delegierten hatte den Antrag eingebracht, daß die österreichische Delegation auf der Weltkonferenz gegen die Anteilnahme am Zionistenkongreß stimmen solle. Schließlich wurde dieser Antrag mit großer Majorität abgelehnt und die Anträge Kaplansky gelangten zur Annahme. Nachmittags referierte Dr. M. Rosenfeld (Drohobycz) zum Punkte: „Der Kampf für die nationale Autonomie der Juden in Oesterreich". Ferner referierte B. Locker über: „Unser Verhältnis zu den anderen politischen Parteien des Landes". Am Abend fand ein vom poale-zionistischen akademischen Verein „Chejruthu zu Ehren des Herrn Kaplansky, der zum dauernden Aufenthalt nach Palästina übersiedelt, veranstaltete!' Festkommers statt, der einen glänzenden Verlauf nahm. Herr Herz machte im Namen des Exekutivkomitees die Mitteilung, daß demnächst ein Herrn Kaplansky gewidmetes Sammelwerk über die Probleme des Zionismus und jüdischen Sozialismus erscheinen wird. In der Vormittagssitzung des dritten Tages referierte M. M eis eis (Drohobycz) über den „Kampf um die Wahlreform für den galizischen Landtag4'. Nachmittags referierte Dr. j. Schipper (Tarnow) über: „Kultur und Bildimgsarbeit". Seine nach einem glänzenden Referate vorgelegten Vorschläge wurden wegen der vorgerückten Zeit der Exekutive überwiesen. Hierauf wurden die Wahlen vorgenommen, die folgendes Resultat ergaben: Exekutivkomitee: Dr. M. Rosenfeld, Dr. S. S o k a 1, M. K a n d e 1 , S. H e r z u. A. R e i ß. Alle Mitglieder des Exekutivkomitees werden in Lemberg wohnen. Parteileitung: Dr. E. Wattenberg (Stanislau), Dr. A. Händel (Jaroslau), B. Locker (Lemberg), M. Meiseis (Drohobycz), N. Biruhack (Krakau), S. Epstein (Stanislau), A. L. Schu ß h e i m (Stanislau), J. Wae h m a n n (Wien), L. Steinmetz (Czernowitz), O. Klein (Prag). Kontroll-Kommission: H. Horowitz (Stanislau), Dr. J. Schipper (Tarnow), Ch. Kraft (Czernowitz). Nachdem noch ein Budget für die Exekutive und für das Zentralorgan bestimmt worden war, wurde nach begeisterten Schlußreden der Parteitag geschlossen. Deutschland Hamburg. Am 10. Oktober hielt Herr Berlin, der Generalsekretär der Föderation Misrachi, im Logenhaus einen Vortrag über: „Das Wesen des Zionismus und des Misrachi". Der Redner führte aus, daß der Zionismus keine Partei sei, denn die Grenzen einer Partei seien stets enggezogene; vielmehr sei der Zionismus eine Angelegenheit, die die ganze Judenheit angeht, also eine Volkssache. Der Zionismus ist nur eine neue Form für einen alten Gedanken, der so alt ist wie das Judentum selbst, denn der Nationalitätsgedanke ist unzertrennbar mit dem Judentum verbunden. Der Zionismus ist also eine Organisation, die die Aufgabe der Zentralisierung hat und in unseren Tagen unbedingt notwendig ist, um unser nationales Ziel verwirklichen zu helfen, während der nationale Gedanke selbst etwas dauerndes, ewiges und ebenso unvergänglich ist wie das Judentum selbst. Die Aufgabe des Misrachi ist es nun im besonderen, darüber zu wachen, daß der jüdische Gedanke, so wie wir ihn von unseren Vätern übernommen haben, unverfälscht erhalten bleibe, denn im Judentum vereinigt sich nationales und religiöses Prinzip zu einem unauflösbaren Ganzen. Gerade dem religiösen Juden ist die Kolonisation Palästinas aus Herz gewachsen, da nur in Palästina die Möglichkeit vorhanden ist, sämtliche Religionsgesef^e zu beobachten, und selbst die Beobachtung von Geboten, deren Erfüllung auch im Golus möglich ist, erhält erst auf dem Boden Palästinas ihre rechte Weihe. Oesterreich Dr. Schernarja Levin in Prag (Von unserem Berichterstatter.) P r a g. Am 17. d. M. fand in Prag eine zionistische Massenversammlung statt, wie sie bisher in unserer Stadt noch nie da war. Der große Saal der Produktenbörse, der größte