Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 41 (11.10.1912)
- Date
- 1912-10-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1270 DIEÄELT; Der sechste Parteitag der Poale-Zion Oesterreichs Am 3., 4. und 5. Oktober fand in Lemberg im großen „Jad CharuzinV'-Saale der sechste Parteitag der poalezionistischen Arbeiterpartei in Oesterreich statt. Anwesend waren über 120 Delegierte der einzelnen Organisationen, Mitglieder des Exekutivkomitees, der Parteileitung und der Kontrollkommission und Vertreter des Zentralkomitees der Vereine jugendlicher Arbeiter. Den Parteitag eröffnete der bisherige Vorsitzende der Parteileitung, Ing. S. Kaplansky-Kaplan (Wien). Er verwies auf den großen Aufschwung der poalezionistischen Bewegung in Oesterreich in den letzten zwei Jahren. Die Tätigkeit der Partei umfasse alle Gebiete und Probleme des jüdischen Lebens. Sie kämpfe für die sozialen und nationalen Interessen der jüdischen Massen in den Ländern der Diaspora und für die Schaffung einer gesunden jüdischen Wirtschafts¬ und Kulturgemeinschaft in Palästina. Darin liegt kein Widerspruch. Das Grundmotiv aller unserer Arbeiten und Bestrebungen ist dasselbe, der Wille zur Befreiung des jüdischen Proletariats, das Ringen nach autonomen Formen des jüdischen Lebens. Die letzten Jahre waren sehr reich an solchen Kämpfen. Redner erinnert an die glorreichen Tage der Volkszählung, an die Wahlen von 1911, die uns die Blutopfer von Drohobycz gebracht haben (der Parteitag erhebt sich) und den Kampf um die Rechte der jüdischen Massen bei der Wahlreform für den galizischen Landtag. Die jüdischen Massen haben gezeigt, daß sie im Kampfe für ihre nationale Gleichberechtigung zu den größten Opfern bereit sind. Im übrigen verlangen wir ja nichts Neues. Es ist ein historisches Rätsel, daß uns das geknechtete und seiner nationalen Selbständigkeit beraubte polnische Volk nicht diejenigen Rechte zuerkennen will, die uns das freie Polen vor Jahrhunderten gewährt hat, zu seinem eigenen Nutzen. Der „Waad Arba Arazoth", die autonome Vertretung der Juden in Polen, war eine Stütze des polnischen Staates. Im Kampfe für die Anerkennung und Autonomie des jüdischen Volkes in Oesterreich schöpfen wir Mut und Ausdauer auch aus den großen Erfolgen unserer Arbeit in Palästina, wo eine neue, auf normalen Grundlagen aufgebaute jüdische Gesellschaft im Entstehen und Wachsen begriffen ist. Im Lande der großen jüdischen Vergangenheit ringen jetzt jüdische Arbeiter um neue Formen menschlichen Zusammenlebens Die erste Probe genossenschaftlicher Kolonisation nach den Prinzipien O p p e n h e i ni e r s ist erst ein Jahr alt und das Resultat läßt sich nicht voraussagen. Aber schon der Gedanke ist erhebend, daß das altehrwürdige Tal Jesreel vielleicht die Geburtsstätte einer neuen sozialistischen Gemeinschaft werden soll. Die Arbeiterbewegung in Palästina befindet sich im Zustande kräftiger Entwicklung, der „Haachduth" erscheint regelmäßig. Der poalezionistische Verband hat in Palästina bereits sein Arbeitsamt errichtet und das Informationsbureau des Palästina-Arbeiterfonds in Jaffa hat in den letzten Wochen seine Arbeiten begonnen. Redner schließt mit dem Wunsche, daß der Parteitag für alle Seiten unseres Befreiungskampfes ersprießliche Arbeit leisten möge. Es folgten hierauf die Begrüßungen. Für die Lemberger Lokalorganisation sprach Herz, für den jüdischen Handelsangestclltenverband Fels, für die Verwaltung des Palästinaarbeiterfonds K r u m h o l z , für das Zentralkomitee „Jugend'4 T u n i s. Schriftliche und telegraphische Begrüßungen waren u. a. eingelangt: vom Engeren Actions-Comite, vom aliweltlichen jüd.-soz. Arbeiterverband ,,Poale-Zion", von der ausländischen Liga der zionistisch-sozialistischen Arbeiterpartei (S. S.), vom ausländischen Bureau der jüdisch-sozialistischen Arbeiterpartei „Serp", von den Bruderparteien in Palästina, Rußland, Amerika, England und Belgien usw. Ins Präsidium wurden gewählt: Kaplansky (Wien) und Herz (Lemberg) als Vorsitzende, Dr. Rosenfeld (Drohobycz) und Steinmetz (Czernowitz) als Stellvertreter, F i s c h (Rzeszow), Dr. 1 m i (Stanislau), Schlaf (Przemysl) und Luchs (Krakau) als Sekretäre. Außerdem wurden eingesetzt: ein Legitimationsausschuß, eine Finanz- und politische Kommission. Hierauf erstattete Red. B. Locker (Lemberg) namens des Exekutivkomitees den Bericht für die verflossene Periode (November 1910 bis Oktober 1912). Aus dem gedruckten Bericht Nr. 41 und den ergänzenden Bemerkungen des Referenten sei folgendes mitgeteilt. Die Bedingungen, in denen die Partei in den letzten zwei Jahren arbeiten mußte, waren ziemlich ungünstig. Auf ökonomischem Gebiete hat sich die Lage der jüdischen Massen eher verschlechtert als verbessert. Es läßt sich eine fortwährende Verdrängung der Juden aus mehreren wirtschaftlichen Positionen bemerken. Zu der ökonomischen Rückständigkeit Galiziens auf dem Gebiete der Industrie und des Handels kommt die kulturelle Rückständigkeit und die politische Unreife der jüdischen Massen. Das Bürgertum besitzt keine einzige geschlossene Partei. Im proletarischen Lager hat sich die Spaltung dank der „Vereinigung" der jüdischen sozialdemokratischen Partei mit der jüd. Sektion der polnischen Sozialdemokratie noch vertieft. Nichtsdestoweniger ist die Summe der geleisteten politischen Arbeit eine sehr bedeutende. Die Partei hat in der großen Volkszählungsbewegung eine bedeutende Rolle gespielt. Die Partei hat bei dieser großen Volksaktion die Koordinierung aller Kräfte angestrebt und in vielen Punkten auch durchgeführt. Bei den Parlamentswahlen 1911 hat sie die Assimilation aufs allerschärfste bekämpft. Sie hat der jüdischen Wählerschaft ein klares programmatisches Wort gegeben in der populären Schrift „Was fordern wir vom zweiten Volkshaus die in Tausenden von Exemplaren verbreitet wurde. Während des Wahlkampfes ist zwischen der jüdischen sozialdemokratischen Partei (Z. P. S.) und der jüdischen Sektion der P. P. S. D. (polnische Sozialdemokratie) eine Vereinigung zustandegekommen. Dabei hat die jüdische Sozialdemokratie auf ihre eigene politische Selbständigkeit und Aktionsfreiheit verzichtet. Um die jüdischen Arbeiter über diesen Prinzipienverrat aufzuklären, haben die Poale Zion eine große Preß- und Versammlungskampagne eingeleitet, die einen sehr guten Erfolg zu verzeichnen hatte. Gegenwärtig steht die Partei in einem sehr energischen Kampfe um die Berücksichtigung der jüdischen Massen bei der Wahlreform für den galizischen Landtag. Auch auf gewerkschaftlichem Gebiete sind große Erfolge zu verzeichnen.1 Der von der Partei ins Leben gerufene „Verband der jüdischen Handelsangestellten und Privatbeamten44 zählt über 1200 Mitglieder, hat mehrere Lohnkämpfe durchgeführt, ein eigenes Stellenvermittlungsbureau errichtet und für die Durchführung der 8-Uhr-Sperre und der anderen Angestelltenschutzgesetze erfolgreich gekämpft. Der Verband gibt ein eigenes Organ, „Der jüd. Handelsangestellte", heraus, das das erste gewerkschaftliche Organ in jüdischer Sprache in Oesterreich ist. Auch bei den anderen Arbeiterschichten sind trotz der Schwierigkeiten seitens der Wiener Zentralverbände ansehnliche gewerkschaftliche Erfolge erzielt worden. Der Verband jugendlicher Arbeiter und Handelspraktikanten „Jugend" zählt gegen 2000 Mitglieder und gibt ein Monatsblatt „Die jüdische Arbeiterjugend" heraus. Die poalezionistische studierende Jugend hat an Stelle der polnischen „Nasze Haslau ein Blatt in jüdischer Sprache unter dem Titel „Der neuer Dor" (Die neue Generation) begründet. Es ist das erste rein wissenschaftliche Organ des jüdischen Sozialismus in Oesterreich. Außer den erwähnten Blättern erscheint in jüdischer Sprache das Zentralorgan der Partei „Der jüdische Arbeiter" im neunten Jahrgang, die tschechisch sprechenden Genossen besitzen eii: Monatsblatt „Zjdovsky lidovy list" (Jüd. Volksblatt). Zur Palästinaarbeit übergehend, erklärt der Berichterstatter, daß die Partei trotz der großen Kraftanstrengungen au allen Gebieten der Gegenwartsarbeit immer bestrebt war, ihrer rein zionistischen Pflichten nachzukommen. Die Partei schicke ihre Vertreter zum X. Zionistenkongreß und zur III. poalezionistischen Weltkonferenz. Durch energische Sammlungei für den Palästinaarbeiterfonds hat die Partei die Schaffuni des Jaffaer Arbeitsinformationsbureaus gefördert. Eine großen Anzahl von Parteigenossen ist zum dauernden Aufenthalt nacl Palästina ausgewandert. Aus dem reichhaltigen statistischen Material sei folgendeerwähnt: Von den mehr als 50 Organisationen in Galizien Bukowina, Böhmen und Wien haben 27 genaue Berichte ein geschickt. Diese 27 Organisationen sind um 429 Mitglieds, gewachsen. Es wurde eine größere Anzahl neuer Verein^ gegründet, darunter einige Frauenvereine. Die Organisationen verfügen über 22 Bibliotheken, darunte einige größere Volksbibliotheken. Der Bericht wurde mit großem Beifall aufgenommen uru nach einer längeren Debatte der Exekutive und der Partei leitung das Absolutorium erteilt.