Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 36 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 ist, dann soll dort wie in allen modernen Betrieben eine Arbeitsordnung existieren; es existiert angeblich auch eine solche, aber sie ist den Arbeitern nie bekanntgegeben worden. Wenn das A.-C. sich des Bezalel so annimmt, so bitte ich, daß es auch da energisch eingreift. Ich habe die Verpflichtung, dem A.-C. mitzuteilen, daß in palästinensischen Städten, wie S a f e d und T i b e r i a s , stürmisch verlangt wird, daß der Bezalel Filialen in diesen Städten eröffne und so Arbeitsgelegenheit für die jüdische Bevölkerung in diesen Städten schafft. Wir haben uns mit dem Problem der städtischen Bevölkerung Palästinas zu wenig befaßt, aber es ist eine Tatsache, daß aus diesen Städten eine große Zahl Chalukkajuden jährlich auswandert. Es ist nun die Frage zu lösen, ob wir diese Elemente nicht durch Arbeitsgelegenheiten festhalten könnten. Ueberall herrscht eine Meinung, daß der Bezalel berufen ist, da einzugreifen. Die Benschemen-Kolonie des Bezalel wird sehr gelobt. Bei der Werkstätte mag das stimmen. Was aber schmerzlich berührt, ist die Tatsache, daß die Bodenstücke, die den Arbeitern überlassen werden, völlig brach liegen. Ich komme zum zweiten Punkt, zur P. L. D. C. Ich war immer ihr überzeugter Anhänger als einer großen Land- und Parzellierungsgesellschaft und habe nie gezweifelt, daß sie berufen ist, auf diesem Gebiete vorbildlich zu wirken. Aus diesem Grunde kann ich die Angriffe nicht begreifen. Sie hat gewiß Verluste, solche Verluste sind aber unausbleiblich. Die Verhältnisse des Landes bringen das mit sich. Ein Vorwurf, den ich gegen die P. L. D. C. erheben muß, ist der, daß sie auf einer abnormalen Grundlage arbeitet. Ein normales Geschäft arbeitet nicht mit geborgtem Gelde. Daran ist aber nicht das Actions-Comite schuld, sondern die Organisation. Es liegt ein Beschluß des letzten Kongresses vor, wonach alle Kräfte der Organisation aufgeboten werden sollten, um der P. L. D. C. die nötigen Mittel zu beschaffen. Ich glaube, daß zur Ausführung dieses Beschlusses nicht die nötige Aktion eingeleitet worden ist. Ich sehe aber nicht ein, warum man, trotzdem man sich über einen Kongreßbeschluß hinwegsetzt, plötzlich für den Bezalel einen Aufruf erläßt, in dem man einen Betriebsfonds von 200 000 Frcs. verlangt. Die P. L. D. C. hat an der Lehrfarm Kinereth Geld verloren. Ich bin der Ansicht, daß eine solche Lehrfarm eine Notwendigkeit war, und die Arbeiterschaft in Kinereth hat nachgewiesen, daß die Verluste keineswegs auf den Streik zurückzuführen sind, der dort vorgekommen ist. Ich möchte auch einiges über die Verhältnisse in Kinereth sagen. Der frühere Leiter von Kinereth, Agronom Bermann, hat die Kühnheit gehabt, den Arbeitern für die Ueberführung der Leiche eines Arbeitskollegen die leihweise Ueberlassung eines Wagens zu verweigern. In seinem jetzigen Tätigkeitsgebiet hat Herr Bermann eine geradezu pathologische Abneigung gegen die Anstellung jüdischer Arbeiter, und er führt dies auch in konsequenter Weise gemeinsam mit Herrn Aronsohn durch. Ich habe mit Interesse aus einem Artikel des Herrn Böhm in der letzten Nummer der Zeitschrift „Palästina4* entnommen, daß diese Versuchsstation dem Nationalfonds ihre Existenz verdankt. Die Versuchsstation ist kein Unternehmen, das verpflichtet ist, rentabel zu sein, und schon aus diesem Grunde wäre die Verwendung jüdischer Arbeiter möglich und ist eine Selbstverständlichkeit. Es ist möglich, daß der Nationalfonds auf die Versuchsstation keinen Einfluß hat, und ich möchte noch einmal hervorheben, daß jüdische Arbeiter heute dort keinen Zutritt haben. Bezüglich der Oelbaumspende bemerke ich, daß der Streit, ob mein Oelbaum in einem Hain 6 M. oder mehr kostet, mir gleich ist. Es kommt mir aber merkwürdig vor, daß Herr 1109 Professor Warburg einen wichtigen Punkt in dem Berichte des Herrn Bodenheimer über die Oelbaumspende übergeht. Wir brauchen ohne Zweifel Pflanzungen, vor allem auf den Bergen. Da kommen außer dem Oelbaum noch in dem feuchtigkeitsarmen Lande Feigenbäume und andere in Betracht. Diese Bäume aber sollen billiger sein, als der Oelbaum, und da glaube ich, daß wir einen Baum- oder Pflanzungsfonds brauchen. Dieser gibt uns Gelegenheit, den Boden zu bepflanzen und dadurch ständige Arbeitsgelegenheit zu schaffen. Ich bin nun der Ansicht, daß man dem nächsten Kongreß den Antrag unterbreiten soll, die Oelbaumspende in einen solchen Pflanzungsfonds zu verwandeln und glaube, daß der Kongreß dieser Aenderung zustimmen wird. Was den Betrieb der Oelbaumspende in unseren Pflanzungen betrifft, so ist bemerkt worden, daß er zu teuer ist, weil der jüdische Arbeiter teuer sei und weil die Administration den Betrieb verteuert. Herr Kann befindet sich aber im Irrtum, wenn er die Administration mit der Rothschildschen identifiziert. Ich bin sogar der Ansicht, daß auch die jetzige ICA-Administration es nicht verdient, mit der alten ICA-Administration verglichen zu werden. Sie besteht fast durchweg aus trefflichen Leuten, die ehrlich und mit Begeisterung arbeiten. Nicht jede Administration ist schlecht. Sie ist sogar notwendig dort, wo es gilt, Männer und Frauen zur Landwirtschaft zu erziehen und so als wissenschaftliche und wirtschaftliche Leitung zu funktionieren. Ich habe von den Kolonisten nicht klagen gehört, daß die Administration besteht, sondern daß sie zu selten eingreift . und ihnen keine wissenschaftliche Anleitung gibt. Ueber die Arbeiterhäuser habe ich folgendes zu sagen: Arbeiterhäuser werden als Heime für ledige Arbeiter erbaut und als Einzelhäuser. In bezug auf die Einzelhäuser glaube ich, daß man die Wolffsohnstiftung nicht richtig verwendet hat. Es kann nicht im Sinne des Beschlusses sein, daß 15 Arbeiterhäuser und 15 Arbeiterfamilien, die meistens nicht Landarbeiter sind, monopolisiert werden. Die Arbeiterhäuser haben nur einen Sinn, wenn sie so eingerichtet werden, wie jetzt die geplanten Jemenitenhäuser. Da haben sie einen Zweck. Bei kleinen Mitteln und wenigen Häusern sind eben Ledigenheime vorzuziehen. Herr Dr. Tschlenow hat ein merkwürdiges Verlangen gestellt, nämlich daß die zionistische Organisation den ,,Haschomer44 unter ihre Aufsicht bringe. Ich glaube, es wäre wünschenswert, daß die zionistische Organisation sich bemüht, in einen Betrieb wie die Versuchsstation einzugreifen. Denn die Versuchsstation ist eine Institution, die mit der zionistischen Organisation in gewisser Fühlung steht. Der „Haschomer" aber hat keinen Grund, sich diese Kontrolle gefallen zu lassen. Der parteilose Charakter dieser Organisation muß gewahrt bleiben. Die wichtigste Frage aber ist die Boden- und Agrarkreditfrage. Es liegt uns ein Bericht vor, wonach man 2 Vi? Millionen Francs vom Nationalfonds für Häuserbau und Agrarkredit hergeben soll. Ich sehe darin eine Gefahr, und um meinen Widerspruch gegen diesen Vorschlag genau zu begründen, werde ich meine Rede morgen früh fortsetzen. Schluß der Sitzung SV i Uhr. * S i t z u n g v o in Montag, den 2. S e p t e m b e r. Dr. Bodenheimer, der Vorsitzende des Direktoriums des Jüdischen Nationalfonds, erstattet einen Bericht über die Tätigkeit dieser Institution. Er teilt mit, daß das Vermögen des Nationalfonds drei Millionen Mark überschritten habe, und daß die Einnahmen ständig wachsen. Wir werden das vollständige Referat Dr. Bodenheimers in der nächsten Nummer der „Welt" abdrucken.