Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 35 (30.8.1912)
- Date
- 1912-08-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316514-3316549--56397-3350275- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1058 DIE2 der Leitung, hat in allen zionistischen Kreisen zu der Frage Veranlassung gegeben: Wie wird sich die neue Leitung bewähren, wird sie sich ihrem großen Aufgaben gewachsen zeigen? Ein abschließendes Urteil hierüber wäre verfrüht, denn die Ereignisse des letzten Jahres haben zu manchen Plänen und Arbeiten geführt, die sich noch im Stadium der Vorbereitung befinden. Aber schon zeigen sich die Richtlinien, in denen sich die Arbeit der Leitung bewegt, und das Zentralkomitee wird durchaus in der Lage sein, die allgemeine Politik des Actions-Comites kritisch zu beurteilen. Wenn auch über Fragen rein politischer Natur nur andeutungsweise verhandelt werden kann, so wird sich doch ergeben, daß das Actions-Comite ein „politisches" ist, daß es — allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz — die Bedeutung der weltpolitischen Vorgänge für unsere Bewegung wohl erkannt hat und seine Maßnahmen danach trifft. Die Leitung unserer Bewegung verfährt in ihrer Politik nach dem Grundsatz, daß alles überflüssige Geräusch zu vermeiden und die unsystematische Prestigepolitik, die sich in gelegentlichen Aktionen und Empfängen erschöpft, zu verwerfen ist. Die Leitung ist bemüht, in allen Ländern und in allen Kreisen Beziehungen zu schaffen, denn wir benötigen das Wohlwollen der öffentlichen Meinung und das Interesse politischer Kreise. Diese mühsame Arbeit, die einen vorwiegend informatorischen und aufklärenden Charakter hat, kann naturgemäß nur langsam und diskret betrieben werden. Die Einzelheiten müssen der engeren Leitung vorbehalten bleiben und sollen nicht zu diplomatischen Erfolgen aufgebauscht werden. Es ist nicht schwer, Unterredungen mit Staatsmännern herbeizuführen, aber es bedeutet eine Irreführung der zionistischen Oeffentlichkeit, derartige Schritte, die einzeln betrachtet, meist wenig oder gar nichts bedeuten, in ihrer Gesamtheit aber durchaus nötig sind und für die Zukunft entscheidend sein können, als politische „Erfolge" hinzustellen. Ernste Politik muß nüchtern sein und sich von jeder Art Effekthascherei fernhalten. Neben dieser ständigen informatorisch-politischen Tätigkeit, deren Anbahnung bei dem bisherigen Mangel an Beziehungen nicht leicht ist, muß es naturgemäß die Aufgabe der Leitung sein, in Berücksichtigung der politischen Verhältnisse alle Schritte zu unternehmen, die geeignet sind, unsere Sache zu fördern, oder Hindernisse zu beseitigen. Hiermit ist die Auffassung gekennzeichnet, die unsere Leitung von dem Werte politischer Tätigkeit hat, es sei aber hinzugefügt, daß alle politischen Aktionen organisch mit unserer eigentlichen Aufgabe, der Kolonisation Palästinas, verbunden sein müssen. Die rein politische Tätigkeit kann keine stürmischen Entwicklungen herbeiführen. Der ,,große Moment", von dem an sich alles ändern soll, ist eine Chimäre. Daher ist es oberster politischer Grundsatz unserer Leitung, die Palästina-Arbeit in den Vordergrund zu stellen, denn von der Ausdehnung dieser Arbeit hängt die Größe der möglichen politischen Erfolge ab. Die Weltgeschichte arbeitet nicht mit Tricks, sondern mit Entwicklungen. Das Maß von Interesse, Wohlwollen und Förderung, das wir erlangen können, steht im direkten Verhältnis zu unserer nationalen Energie, unseren Mitteln und positiven Leistungen. Sobald wir mehr verlangen oder versprechen, als unseren wirklichen Leistungen oder einer kühlen Wahr- [ELT - -- Nr. 35 scheinlichkeitsrechnung entspricht, ist unser politisches Kreditkonto überzogen. Aus dieser Erkenntnis geht zugleich hervor, welche Bedeutung die Leitung unserer Organisation der Stärkung unserer Positionen in Palästina und der Vermehrung unserer moralischen und finanziellen Kräfte in der ganzen Welt vom politischen Standpunkt beimißt. Und damit kommen wir auf jene Tätigkeitsgebiete, die neben der politischen Arbeit die wichtigsten sind: Kolonisation und Propaganda. Die Palästina-Arbeit schreitet sicher vorwärts, und unsere Leitung sucht nach Kräften das Interesse daran zu beleben. Aber es muß gesagt werden, daß diese Arbeit noch bei weitem nicht die Ausdehnung erlangt hat, die wir wünschen. Die Gründe hierfür sind uns allen wohlbekannt: Die ungünstigen verwaltungsrechtlichen Verhältnisse, das Fehlen des Agrarkredits, die geringen Mittel unserer Fonds — all das hemmt uns und macht ein großzügiges Vorgehen unmöglich. Immerhin können wir mit Genugtuung feststellen, daß uns die letzten Jahre manchen Fortschritt gebracht haben. Die hingebungsvolle Arbeit Dr. Ruppins hat uns eine Reihe neuer Positionen geschaffen, der Nationalfonds verwendet seine steigenden Einnahmen in immer höherem Maße in Palästina, die aus unseren Kreisen hervorgegangenen privaten Gesellschaften haben mit Erfolg gearbeitet und — was das wichtigste ist — die Zionisten, auch die westeuropäischen, betrachten die Palästina-Arbeit mehr und mehr als ihre eigene Angelegenheit, sie begreifen, daß nicht Fonds und Gesellschaften, sondern die von nationalen Empfindungen geleitete Privatinitiative uns die entscheidenden Erfolge bringen muß. Die jetzige Leitung steht durchaus auf diesem Standpunkt, und wünscht alles zu tun, was in dieser Richtung möglich ist. Leider aber muß hier ein Mangel konstatiert werden, der baldigst beseitigt werden sollte. Es ist nämlich die seltsame Tatsache festzustellen, daß die Leitung unserer Bewegung auf die Gestaltung unserer Palästina-Arbeit eigentlich gar keinen Einfluß hat. Unsere Institutionen (Banken, Nationalfonds und Privatgesellschaften) haben ihre besonderen Direktorien, die ganz unabhängig vom Actions-Comite arbeiten und über die Verwendung ihrer Gelder, Wahl ihrer Beamten usw. völlig selbständig beschließen. Dieser Zustand ist auf die Dauer nicht haltbar, denn er führt zu Systemlosigkeit und Kompetenzkonflikten. Ein Gebiet der Palästina-Arbeit ist dagegen dem Actions-Comite überlassen, und auf diesem wird es hoffentlich — wenn das Zentralkomitee seine diesbezüglichen Anträge billigt — bald Erfolge zu verzeichnen haben. Wir meinen das weite Gebiet kultureller Arbeit, das endlich die gebührende Berücksichtigung finden muß. In den Etat für das nächste Jahr hat das E. A. C. bereits eine Reihe von Positionen eingestellt, die diese Tätigkeit anbahnen sollen. Was auf kulturellem Gebiet geleistet werden wird, hängt davorn ab, ob unsere Gesinnungsgenossen sich in Zukunft mit erhöhtem Eifer der Agitation für den Zentralfonds annehmen werden. Das E. A. C. ist der Ansicht, daß die laufendem Ausgaben der Zentrale, einschließlich der Ausgaben für Propaganda, aus den Schekelgeldern bestritten werden müssen, daß dagegen der Zentralfonds die politischen und kulturellen Ausgaben decken muß. Wir hoffen, daß diese Trennung, die im neuen Etatsentwurf vorgesehen ist, die Opferwilligkeit für den Zentralfonds steigern wird.