Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 28 (12.7.1912)
- Date
- 1912-07-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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844 D i E 3§KE LT Nr. 28 Institutionen getan, werden sie auch für dieses tun. Zeigen wir unseren Reichen dieses große Ziel: sie werden es fördern. 3. Was die Frage der Genehmigung anbetrifft, bin ich vollständig inkompetent. Doch dürfte, glaube ich, was für das Technikum möglich war, auch für eine medizinische Fakultät erreichbar sein. 4. Zur Frage, ob wir Kräfte finden werden, die in hebräischer Sprache unterrichten können: In diesem Augenblicke wohl kaum. Aber ist das wirklich das Wichtigste? Meines Erachtens handelt es sich wohl jetzt darum, gut jüdische Kräfte zu finden. Das halte ich für möglich. Wollen wir warten, bis wir Lehrer finden, die von vornherein Medizin in hebräischer Sprache lehren können, dann wird das wohl noch allzu lange dauern, vielleicht gerade so lange, bis wir uns entschließen werden, eine jüdische medizinische Fakultät zu errichten. Es werden eben die Lehrer auch Lernende sein müssen, ebenso wie etwa beim Gymnasium. Wir brauchen nur zu sehen, wie es andere Völker machen. Wie mir z. B. gelegentlich von einem jungen japanischen Arzte mitgeteilt wurde, wird in Japan an der medizinischen Fakultät in deutscher Sprache unterrichtet, und es ist die Kenntnis der deutschen Sprache für den Besuch derselben obligatorisch. In Rumänien gab und gibt es bis jetzt noch kaum ein medizinisches Lehrbuch in rumänischer Sprache. Es werden nur französische Lehrbücher benutzt. Auch wird an jungen Universitäten ganz aus Fremdem geschöpft. Wir hätten den Vorteil, daß viele unserer Lehrer #us Eigenem schöpfen könnten, und wenn sie im Anfang in fremden Sprachen werden lehren müssen, wird das eben eine Uebergangsperiode sein, eine unvermeidliche und voraussichtlich nicht allzu lange. 5. Was endlich den Sitz der Fakultät anbetrifft, halte ich Jerusalem für den geeignetsten Ort. Eine medizinische Fakultät muß doch immerhin über ein größeres Krankenmaterial verfügen können, und das ist am ehesten in Jerusalem der Fall. Auch würde das Bestehen einer solchen Schule in Jerusalem das Ansehen dieser Stadt heben und ihre ganze Entwicklung in sehr günstigem Sinne beeinflussen. Das ist um so wichtiger, als doch etwa die Hälfte aller jüdischen Einwohner Erez- Israels heute in Jerusalem wohnt. Eine wichtige Frage ist noch die des notwendigen Materials für das Studium der Anatomie. Ich kenne die diesbezüglichen Gesetze und Gebräuche nicht. Man müßte die Verhältnisse in Beirut und Konstantinopel studieren, um diese Frage lösen zu können. Manch andere Frage bleibt noch zu erörtern, aber vorerst handelt es sich doch wohl nur darum, ob man diejenigen in ihrer Arbeit ermutigen soll, die die Errichtung einer jüdischen medizinischen Fakultät in Palästina erstreben. Darauf antworte ich unbedingt: Ja!4' Anders ist die Stellung des Dr. S e g a 11, des Leiters des Rothschild-Hospitals in Jerusalem. Er schreibt: „Ad 1. Es ist kein Zweifel, daß es keine reale Notwendigkeit zu einer medizinischen Fakultät in Palästina gibt. Zieht man die Lage und Zahl der Einwohner, sowie Lage und Zahl der im Lande vorhandenen Aerzte in Betracht, berücksichtigt man ferner die beiden Beiruter Anstalten selbst abgesehen Jvon den Konstantinopeler Schulen und von den aus Europa kommenden Aerzten — so wird man zweifeln, ob selbst e i n Absolvent einer solchen Fakultät im Lande selbst eine ersprießliche Tätigkeit finden wird, ohne einem Kollegen, die zumeist nicht an Ueberfluß leiden, die Existenz zu erschweren. Die Beiruter Anstalten sind durchaus, trotzdem sie noch nicht auf erwünschter Höhe stehen, als ernstliche Konkurrenten zu betrachten. Denn zweifellos wird eine lange Zeit vergehen, bis unsere Anstalt, selbst unter den günstigsten Umständen, ihnen gleichkommen wird. Diese Anstalten haben sich nämlich in vielen Jahren (das amerikanische College in mehr als 50 Jahren) entwickelt und erfahren alljährlich weitere Ausgestaltung, es kommen immer neue Laboratorien hinzu, der Lehrplan wird erweitert, neue Lehrkräfte werden engagiert usw. Bei uns kommen noch die Schwierigkeiten der Sprache und der Lehrbücher hinzu, die jene Anstalten nicht kennen Ich räume jedoch ohne weiteres ein, daß wir ein ideales^ Interesse an der Errichtung einer solchen Anstalt haben. Das jüdische Volk hat stets erstklassige Aerzte hervorgebracht und müßte zumindest für diese ihm so nahestehende Wissenschaft eine eigene Anstalt in seiner Sprache haben. Wir sehen auch, daß alle Nationen nach eigenen Universitäten streben und dafür die größten Opfer bringen. So haben auch die Republiken Zentral- und Südamerikas eigene medizinische Fakultäten, obwohl ihre Söhne viel billiger an den benachbarten Schulen studieren könnten. Selbst Kuba hat eine eigene medizinische Fakultät! Wir brauchen eine medizinische Anstalt, die nicht Aerzte „fabrizieren", sondern in der Hauptsache der wissenschaftlichen Forschung gewidmet sein soll. Werden uns dann Männer wie Ehrlich und Marmorek zuteil, so werden sie dem jüdischen Volke zugezählt werden. Es ist klar, daß der sanitäre Zustand Palästinas dabei nur gewinnen wird. Ad 2. Ueber die Beschaffung der Mittel kann ich nichts Bestimmtes voraussagen. Soviel muß ich aber bemerken, daß es sehr großer Mittel bedürfen wird. Wir weiden hier nicht wie bei der Gründung der Gymnasien verfahren dürfen. Denn hier geht es um Menschenleben. Für diese Anstalt gilt es schlechterdings to bc or not to be, aber es wäre unverantwortlich und ein kaum je gut zu machender Irrtum, hier ein Kompromiß mit unzureichenden Verhältnissen schließen zu wollen. Ad 3. Wenn wir die Genehmigung der türkischen Regierung nachsuchen werden, wird sie vielleicht die türkische Unterrichtssprache fordern. Ad 4. Ich zweifle, ob die Professoren, die wir werden haben wollen, zu uns kommen werden. Wir werden wohl junge begabte Aerzte, die auch des Hebräischen kundig sind, für unseren Zweck ausbilden lassen müssen. Ad 5. Gewiß kommt für eine solche Anstalt nur Jerusalem als Hauptstadt des Landes in Betracht. Wenn bei dem Technikum technische Gründe für Haifa sprachen, so sind diese gewiß nicht auf die medizinische Anstalt anwendbar. * * * Zuletzt will ich noch die Ansicht des Herrn Dr. Aaron M a s i e mitteilen, der bereits 22 Jahre im Lande als Arzt tätig ist und auf eine sehr reiche medizinische Erfahrung in Dorf und Stadt zurückblicken kann. Dr. Masie konstatiert zunächst, daß man es in Palästina fast durchweg mit anderen Krankheiten als in Europa zu tun hat. Während Krankheiten, die draußen unausgesetzt die Aerzte beschäftigen, hier fast ganz fehlen (so ist z. B. Dr. M. in seiner langjährigen Praxis nicht ein einziger Fall von Syphilis bei Juden vorgekommen), gibt es mehrere Krankheiten, wie alle Arten der Malaria, Dysenterie, Trachom usw., die hier heimisch sind. Mit einem Worte: wir haben es hier mit einer exotischen Pathologie zu tun, für deren Behandlung man in Hamburg und Liverpool geeignete Institute geschaffen hat. Während es aber den genannten Instituten wegen ihrer Entfernung von den tropischen Ländern an Material mangelt,