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Die Welt · 1912-06-14 · 24 (14.6.1912) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
24 (14.6.1912)
Date
1912-06-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 24 I D1E3 Eine zionistische Massenversammlung in Prag (Von unserem Berichterstatter.) Anläßlich der Sitzung des westösterreichischen Zentralkomitees hat das böhmische Distriktskomitee in die Produktenbörse eine öffentliche Versammlung einberufen, zu der gegen 1000 Zuhörer kamen. Die Versammlung war eine imposante Manifestation für die Kraft der zionistischen Idee. Die Redner besprachen die Judenfrage von verschiedenen Gesichtspunkten, ihre Reden waren streng sachlich und fesselten das Publikum außerordentlich. Es kam zu stürmischen Zustimmungskundgebungen, und in der ganzen tausendköpfigen Versammlung regte sich nicht der geringste Widerspruch, als jeder der Redner in seinem Gedankengange dazu kam, den Zionismus als die einzige Lösung der Judenfrage zu verkünden, und alle anderen Lösungsversuche als schädliche Halbheiten abzulehnen. Alle Redner appellierten an das reine jüdischnationale Bewußtsein der Anwesenden, der Zionismus, der auf reiner nationaler Grundlage aufgebaut ist, zeigte sich fähig, den jubelnden Beifall einer Bevölkerung zu finden, für die nur der nationale Zionismus die Rettung vor der absoluten Assimilation sein kann. Der erste Redner, Dr. Ludwig Singer, der Obmann des zionistischen Distriktskomitees, hielt eine tschechische Rede, in der er die innere Gemeinschaft der Juden als die Begründung des Zionismus darstellte. Diese innere Gemeinschaft ist das Wesentliche, sie zum Entscheidenden in unserem Leben zu machen, ist eine Forderung der Ehrlichkeit. Die Assimilationsbewegung kann die innere Gemeinschaft leugnen, aber nicht aufheben. Nur der Zionismus kann die Judenfrage lösen, weil er allein sie als Ganzes lösen will. Als zweiter Redner sprach Adolf Böhm, Wien, Präsident des westösterreichischen Zentralkomitees. Er führte zunächst aus, daß die Assimilation absolut nicht imstande sei, die Judenfrage zu erklären. Ihre Theoretiker machen auch immer mehr Konzessionen, sie leugnen nicht mehr, daß die Juden ein Volk seien, meinen aber, wie Otto Bauer, daß die äußeren Verhältnisse es ihnen unmöglich machen müssen, ein Volk zu bleiben. Doch baut sich der Geist den Körper, und die Juden haben immer gezeigt, daß sie unter allen äußeren Umständen ihre Eigenart zu bewahren wissen. Nun kommt es bei der Stellung zum Judentum nicht auf Theorien an, sondern auf den Willen zum Leben oder zum Tode des Judentums. Und der Wille wird wenig durch Ueberlegungen beeinflußt. Der Wille zur Assimilation ist hervorgegangen aus dem Instinkt, daß das heutige Judentum der Fortexistenz unwürdig sei. Das Märchen von der Inferiorität des Judentums stammt von den wissenschaftlichen Antisemiten, die die Juden ob ihrer Inferiorität ausschließen wollen. Gerade um der „jüdischen Inferiorität" willen aber wollen die Assimilanten sich vermischen. Dies wäre notwendiger w e i s e eine Unsittlichkeit. Heute sind allerdings auch die Grundlagen des Glaubens an die Minderwertigkeit des Judentums zerstört. Das Judentum, sagen die Assimilanten, habe keine Existenzberechtigung. Welches Judentum denn? Allerdings das kleinliche, materialistische, assimilatorische Judentum hat der Welt wenig zu sagen. Aber das ist nicht das Judentum, das charakterisiert ist durch die großartige theoretische Gemeinschaftsidee, die höher steht, als alle europäischmodernen Vorstellungen vom nationalen Leben; keiner einzigen modernen Weltbewegung stehen die im Judentum verkörperten Ideen nach. Das heutige Judentum zeigt ein ganz bestimmtes Krankheitsbild: das der Hysterie. Sein Leben wird durch fixe Vorstellungen regiert, denen jede wahre Beziehung zu den Tatsachen fehlt. Die einzig mögliche Heilung ist iene, die die natürliche Gesundung herbeiführen will, der Zionismus, die Auslösung der inneren jüdischen Kräfte. Generalsekretär Blumen f e 1 d sprach darüber, daß es das Ideal der gebildeten modernen Juden ist, eine kultivierte Objektivität zu erringen, sie verlieren die Fähigkeit der Entscheidung, der Hingebung, der Parteinahme. In Zeiten des Kampfes kann es aber kein Recht zur Passivität geben. Deshalb gibt' es für die Zukunft des Judentums keinen gefährlicheren Feind als die sogenannten „guten Juden", die sich ein Minimalprogramm zurechtlegen. Die Zionisten wollen aber in allen Juden die Liebe und den Willen zur jüdischen Lebensgemeinschaft wecken. Deshalb haben sie das Recht, Parteinahme zu verlangen. Die Schlußrede hielt Dr. Emil Marguli es, Leitmeritz, der daran erinnerte, wie oft schon die zionistische Organisation die Prager Judenschaft zusammenberufen habe, und um wieviel verständlicher und sympathischer den breiten Massen jener zionistische Idealismus geworden sei, den man früher [ELT - 721 hat für Verrücktheit ausgeben wollen. Der Zionismus hat die Jugend wieder jüdisch gemacht, er hat die Schaffenskraft des jüdischen Volkes ausgelöst, er hat der jüdischen Fahnenflucht Halt geboten und vor allem in Palästina eine neue Zukunft begonnen. Alle Reden wurden mit stürmischem, immer wieder einsetzendem Beifall aufgenommen. Die Wirkung der Versammlung dürfte ungewöhnlich nachhaltig sein, und es liegt an der Rührigkeit der einzelnen Organisationen, in ihren Kreisen die Werbewirkung solcher Versammlungen auszunützen. Organisations-Tournee des Dr. Korngrün (Von unserem Berichterstatter.) Czernowitz. Wie wir bereits berichtet haben, hat der Sekretär des E. A. C, Dr. Ph. Korngrün, nach der Abhaltung der zionistischen Landeskonferenz in Czernowitz eine Organisations- Tournee durch die Bukowina unternommen., um die zionistischen Verhältnisse an Ort und Stelle kennen zu lernen und in Uebereinstimmung mit den auf der zionistischen Landeskonferenz gefaßten Beschlüssen die etwa notwendige Reorganisierung durchzuführen. Dienstag, den 28. Mai, sprach Dr. Korngrün in Nowo- S i e 1 i t z a. An dem Vortrag nahm fast die gesamte J u d e n h e i t des Ortes teil, die Herrn Dr. Korngrün auch einen herzlichen Empfang am Bahnhofe bereitet hatte. Nach dem Vortrage wurden ungefähr 100 K. zugunsten der Erstarkung der B u k o w i n a e r Organisation, und namhafte Beträge für die Oelbaum spende gesammelt. Schließlich wurde ein Arbeitskomitee gebildet. Mittwoch, den 29. Mai, hielt Herr Dr. Korngrün in B o j a n eine längere mehrstündige Besprechung mit den dortigen Zionisten ab, um die Verhältnisse kennenzulernen und ein Arbeitskomitee ins Leben zu rufen. Mit Hilfe des Advokaten Herrn Dr. Fleischer, welcher mehrere Jahre hindurch Mitglied des Bukowinaer zionistischen Landeskomitees war, wurde hier ein arbeitsfreudiges Lokalkomitee gebildet. Donnerstag, den 30. Mai, begab sich Dr. Korngrün nach K i m p o 1 u n g . Unterwegs empfingen ihn die beorderten Vertrauensleute aus Oura-Hunior a, informierten ihn über die zionistische Lage in ihrer Ortschaft, wo hierauf dank der energischen Arbeit unseres Vertrauensmannes, Herrn Oberpostmeisters Josef N o e , die dortige Organisation entsprechend verbessert wurde. In K i m p o 1 u n g selbst fand am 30. abends in der großen Synagoge eine Versammlung statt, die vom Rabbiner Dr. Michel eröffnet wurde und sehr stark von Damen und Herren besucht war. Dr. Korngrün sprach über „Zionistische Palästinaarb ei t", und gab in seinem Vortrage ein möglichst getreues Bild der gegenwärtigen Lage im Zionismus und unserer palästinensischen Kolonisation. Die mehr als einstündige Rede wurde mit lebhaftem Beifall aufgenommen. An den Vortrag reihte sich eine freundschaftliche Zusammenkunft, welche dazu beitrug, die aus den früheren Jahren stammenden D i f f e - r e n z e n zu beheben und ein harmonisches Zusammenwirken unserer Oesinnungsgenossen zu ermöglichen. Freitag, den 31. Mai, und Sonnabend, den 1. Juni, weilte Dr. Korngrün im Kurort Dorna -Watra, wo er aus der Mitte der dortigen Zionisten ein Arbeitskomitee ins Leben rief. Die Arbeit des Sekretärs in Dorna-Watra ist um so wichtiger, weil dieser Ort von vielen russischen und rumänischen Kurgästen besucht wird und Dr. Korngrün das lokale Arbeitskomitee in der Richtung organisierte und instruierte, für den laufenden Sommer in Dorna-Watra und in Dorna-Kandreny, welcher Ort eine Deputation abgeschickt hatte, und ebenso in Solka Bezalel-Ausstellungen zu arrangieren. Ueberdies haben sich in anerkennenswerter Weise Kaufleute in Dorna-Watra bereit erklärt,, die Waren des Bezalel für die Dauer der Saison in ihren Geschäften zu verkaufen. Ferner verlangten die dortigen Gesinnungsgenossen eine Verkaufsstelle für unser Zentralorgan „Die W e 11" und für die Bücher des Jüdischen Verlages. Nach dem Vortrage des Dr. Korngrün, welcher im Hotel Habsburg" ein zahlreiches Publikum vereinte, fand eine Parteibesprechung statt, bei der einzelne Anregungen und Wünsche an das Czernowitzer Landeskomitee, wie auch an die Berliner Zentral- 1 e i t u n g geäußert wurden.

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