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Die Welt · 1912-06-14 · 24 (14.6.1912) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
24 (14.6.1912)
Date
1912-06-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. W ERSCHEINT 1EDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 14. Juni 1912 WIlW y'Dnn 'X }VO tfhll Nr. 24. WIR UND DIE ANDEREN Zur F r a g e zionistischer Taktik Die Frage der von uns bei der Propaganda unserer Sache einzuschlagenden Taktik ist immer wieder Gegenstand der Erörterungin unserer Mitte gewesen, ohne daß sie jemals systematisch behandelt und vollständig geklärt worden wäre; jeder einzelne Zionist vertrat unsere Ideen den Nichtzjonisten gegenüber, so wie es ihm st ine individuelle Lage eingab, bestenfalls so wie es ihm im Hinblick auf die Persönlichkeit, auf die er wirken wollte, angebracht erschien; eine einheitliche Methode, nach der innerhalb einer ganzen Landsmannschaft oder gar innerhalb der Qesarntbewcgung gearbeitet worden wäre, fehlte. Nun ist ohne weiteres klar, daß man Hafenarbeitern in Odessa, Kleinhändlern in Wilna, arabischen Juden in Kairo, Studenten in Deutschland und Bankiers in Wien, Petersburg oder London den Zionismus nicht auf die gleiche Weise nahebringen kann, daß die Agitationsmethode nach dem Lande, der Intensität der Judenentrechtung und dem sozialen Milieu abgestuft sein muß. Aber der Orundzug muß überall der gleiche sein, nämlich der der nationalen Wiedergeburt des Volkes in Palästina, und die Taktik muß insoweit einheitlich sein, daß die Propaganda bei der einen Schicht nicht die Propaganda bei dem anderen Bevölkerungselement durchkreuzt oder gar unmöglich macht. Gegen diese selbstverständliche Voraussetzung alles zweckmäßigen, propagandistischen Arbeitens ist leider vielfach unbewußt verstoßen worden, und was noch mehr zAii bedauern ist, die Träger der Propaganda innerhalb der verschiedenen Schichten, jeder einzelne von ihnen ein Vollzionist von glühendem Eifer für unsere Sache, sie hörten infolge der Verschiedenheit ihrer Charakteranlage und sozialen Stellung, die verschärft wurde durch die Spezialisierung auf das vom einzelnen gewählte Arbeitsgebiet, auf, einander zu verstehen, jeder betrachtete seine Methode als die einzig richtige und seinen Propagandakreis als den einzig wichtigen, und der nach anderen Richtungen hin arbeitende Gesinnungsgenosse erschien nicht mehr als Freund, als Kollege vom anderen Ressort, sondern je nach Temperament und Lage als Lärmmacher, Feind oder Verräter. Sind die großen Gliederungen innerhalb unserer Organisation nach der prinzipiellen Stellung zum Tempo der Palästinaarbeit bzw. zur Lehre des traditionellen Judentums an sich gesund und für das geistige Leben innerhalb der Bewegung fruchtbringend, solange nicht vergessen wird, daß Partciungen innerhalb einer freiwilligen Organisation im Gegensatz zum Parteileben innerhalb der Zwangsorganisation des Staates stets mit einem Kompromiß, nie aber mit Vernichtung der anderen Richtung enden dürfen, so sind die Differenzen über die Taktik durchaus schädlich, und wir kennen alle eine ganze Reihe von Fällen, in denen sie bereits einzelnen Teilen unserer Organisation den schwersten Schaden zugefügt haben, um so mehr, als sie gewöhnlich mit den prinzipiellen Parteiungen verquickt wurden, und durch die Hineintragung des persönlichen Elementes, das mit taktischen Differenzen stets verbunden ist, auch diese sachlichen Unterschiede zu vergiften drohten. Welcher Schaden ist in Wien durch die taktischen Differenzen bezüglich der Reichsrats- und Genieindcwahk'ii entstanden, wie schwer ist unsere Berliner Arbeit durch die verschiedenen Auffassungen bezüglich des taktischen Verhaltens beeinträchtigt worden. Hoff entlieh bleiben unserer holländischen Organisation ähnliche trübe Erfahrungen erspart. In Westeuropa drehte sich seit dem Tode Herzls und der Ablehnung des Ugandaprojektes der taktische Streit hauptsächlich um die Frage, ob es wichtiger wäre, die breiten Schichten der jüdischen Großstadtbevölkerung stramm national zu organisieren und aus ihr auch die finanziellen Kräfte für die Kolonisation Palästinas zu ziehen, oder ob es zweckdienlicher wäre, durch vorsichtiges Lavieren in den „maßgebenden" Kreisen moralische Eroberungen für den Gedanken der Palästinaarbeit zu machen und möglichst auch ihre materielle Hilfe zu gewinnen. Im Anschluß an den deutschen Delegierten tag in Breslau im Jahre 1908 haben in der Berliner Ortsgruppe mündliche und dann in der ,,Jüdischen Rundschau" schriftliche Diskussionen stattgefunden, in denen der Unterzeichnete eifrig die Taktik der Versöhnung und des Lavierens verfochten hat, und zwar um Geld für Palästina zu bekommen. Seit Jahren hat er eingesehen, daß er damals unrecht hatte, und er hält es jetzt für notwendig, darzulegen, warum er unrecht hatte, damit man an

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