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Die Welt · 1912-05-03 · 18 (3.5.1912) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
18 (3.5.1912)
Date
1912-05-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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in den großen Geistern und Persönlichkeiten repräsentiert sich die Geistesart eines Volkes? Sombart charakterisiert die jüdische Religion wie den Juden überhaupt als abstrakt von Anfang her. Keine Anschaulichkeit, alles kritisch, zersetzend. Auch so in Bibel und Talmud. Ich blättere von ungefähr in dem interessanten Büchlein „Judentaufen'*, in dem allerlei Autoritäten ihre Meinung über dieses Thema abgeben und lese, Seite 57, was Karl Jentsch (Neisse) sagt. Da steht: „In der Bibel, die doch wohl als das vornehmste Erzeugnis des Judengeistes anerkannt wird, ist von der vorherrschenden Abstraktion, dem einseitigen Intellektualismus, dem Mangel an Sinn fürs Lebendige, die Charakterziige dieses Geistes sein sollen, nichts zu spüren; die historischen Teile zeichnen sich durch Drastik und durch plastische Anschaulichkeit aus liefern sie doch den Malern eine unerschöpfliche Fülle von Stoffen und die Psalmen sind voll von gemütlich e ii Sch i 1 derungen.'1 Hier wird also das genaue Gegenteil dessen gesagt, was Sombart behauptet und zu beweisen sucht. Und es ließen sich unschwer eine Unmenge von urteilsfähigen Männern und eine Unmenge von beweiskräftigen Beispielen für das Gegenteil dessen, was Sombart jüdische Eigenart nennt, anführen. Die Behauptung Sombarts z. B., das Judentum kenne keine Mystik, wird durch den Chassidismus, dessen üppig wuchernde Mystik und Schwärmerei Martin Buber auch den Fernstehenden aufgezeigt hat, ohne weiteres widerlegt. Neben dem rechnerisch kühlen Juden hat es zu allen Zeiten den schwärmerisch-idealistischen Juden gegeben. Der messianische Glaube, der fern ist jeder Rationalität, ist jüdisches Gewächs. Wenn es wahr ist, daß die Juden die Schöpfer des Kapitalismus sind, so ist es ebenso wahr, daß sie Schöpfer des Sozialismus sind, der die Vernichtung und Ueberwindung des Kapitalismus will. Sombart verkennt die Latitude der jüdischen Seele, wenn er sie restlos aus der rationalistischen Geistesrichtung erklären will und die unterirdisch, aber nicht minder starken Wurzeln des jüdischen Volkes unbeachtet läßt, weil sie seinen Beweis von der ungeheuren Bedeutung der Juden für das moderne Wirtschaftsleben hätten stören müssen. Das jüdische Problem ist kein eindeutiges, sondern immer und überall vom Gegensatz erfüllt, ein polares Phänomen. Sombart hat nur die eine Seite des jüdischen Problems erforscht, diese allerdings mit genialer Deutlichkeit und Gründlichkeit. Aber jene gleichgewichtfremde, flachwurzelnde, gleichsam außerorganische Intellektualität ist daran groß geworden, daß die Juden jahrhundertelang kein gesundes, gebundenes, vom Rhythmus der Natur bestimmtes Leben kannten und daher entarteten. Aber wie im Leben des Einzelnen eine grundstürzende Erneuerung denkbar und möglich, so auch im Leben eines Volkes. Denn nicht das äußere Schicksal ist das entscheidende, das Blut ist es, das letzten Endes das Wesen bestimmt und gestaltet. Das Judentum müßte unfehlbar untergehen, wenn es im innersten so wäre, wie es Sombart geschaut und gezeichnet hat und wie es ganz gewiß auch nach außen sich kundgibt. Aber wie ein Beweis für die Lebenskraft und Zukunftsmöglichkeit des Judentums sind die Erneuerungstendenzen, die seit und vor Herzl im Judentum sich wieder geltend machen. Wenn Sombart in einer kleinen persönlich gehaltenen Broschüre „Die Zukunft des Judentums*4 (Verlag Duncker und Humblot) diese .Erneuerungstendenzen - allerdings mehr aus Rationalismus denn aus innerstem Verstehen - willkommen heißt, so macht er damit deutlich genug den Vorwurf zunichte, den Kurzsicht und Unverstand ihm gemacht, er sei ein Antisemit. Tatsächlich gehört das, was Sombart in seinem großen Werk über die Juden geschrieben hat, trotz seiner Einseitigkeit zu dem Besten, was je ein Nichtjude über das „ewige Volk" gesagt. Zur politischen Konferenz in Wien Von Dr. H. Kadisch Pfingsten soll in Wien die auf dem III. Westösterreichischen Zionistentage einstimmig beschlossene jüdisch-politische Konferenz tagen, deren wichtigste Aufgabe der Ausbau der jüdisch nationalen R e i c h s o r g a n i s a t i o n , sowie eine gründliche Erörterung der politischen Lage der Juden Oesterreichs und ihrer Stellung zu den übrigen Reichsvölkern ist. Diese Konferenz wird sich also von den früheren Tagungen und insbesondere von den seinerzeitigen Beratungen des Krakauer Parteitages im Jahre 1906 wesentlich dadurch unterscheiden, daß nicht mehr die Frage, o b die Zionisten sich politisch betätigen sollen, sowie die aus ihrer Bejahung sich ergebende zweite Frage der Regelung des Verhältnisses der gesamtzionistischen zur politischen Organisation, zur Erörterung gelangen werden. Beide Fragen hat der 3. Westösterreichische Zionistentag g e 1 ö s t. In zwei einstimmig angenommenen Resolutionen wurden in Brünn die national-politische Betätigung der österreichischen Juden sowie ihr politischer Zusammenschluß als ein wicht i g e s M i 11 e 1 zur Er r e i c h u n g des zionistisch e n Endzieles aufs wärmste begrüßt, und die österreichischen Zionisten, welche sich innerpolitisch betätigen wollen, aufgefordert, in U e b e r e i n s t i m m u n g m i t de in ,,J ü - d i s c h e n Nationalvereine'4 vorzugehen und i h n aufs kräftigste zu f ö r d e r n. Damit ist die Frage der jüdisch-politischen Betätigung in Oesterreich in ein neues Stadium getreten, Die Erkenntnis von der Notwendigkeit der Nationalisierung der jüdischen Volksmassen mittels einer jüdischen Volkspolitik als Vorbedingung erfolgreicher zionistischer Propaganda hat auf der ganzen Linie gesiegt. Um dies zu begreifen, muß man die spezifisch österreichischen Verhältnisse verstehen, die durch einen maß- und ziellosen Nationalitätenhader charakterisiert werden, der automatisch immer von neuem auch den Antisemitismus erzeugt und der alle österreichischen Völker, somit auch die österreichischen Juden, zu einer nationalen Stellungnahme zwingt. Unter solchen Umständen können auch die Anhänger der z i oji i s t i sc h e n Bewegung, deren Hauptziel die Erhaltung sowie Erneuerung des jüdischen üesamtvolkes ist, nicht passiv bleiben, insbesondere in einem Momente, in dem die Beziehungen der einzelnen Reichsvölker zueinander und zum österreichischen Gesamtreiche eine Revision der Reichsverfassung der Monarchie im national-autonomistischen Sinne immer notwendiger machen. In einem solchen Zeitpunkte, in welchem die deutschtschechischen sowie polnisch-ruthenischen Ausgieichsverhandlungen immer näher rücken, müssen auch die Juden über ihre Stellung als Volk /u den anderen Völkern und zu deren Postulaten, sowie über i h r e e i g e n e n n a t i o n a 1 e n Forderungen sich klar werden, da sonst beide Ausgleiche ohne und gegen sie zustande kommen könnten. In Galizien liegen sogar Anzeichen dieser Gefahr bereits vor! — -

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