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Die Welt · 1912-04-12 · 15 (12.4.1912) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
15 (12.4.1912)
Date
1912-04-12
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 15 ELT 453 unvermutet, da gegen die Juden in Russisch-Polen bis vor kurzem die Beschränkungen, wie sie in den die Juden aus den Dörfern ausschließenden Maigesetzen enthalten sind, nicht angewandt wurden. Zu Mandelstamms Tod Kiew, den 21. März 1912. Es ist ein feuchter, windiger Vorfrühlingstag, dieser Donnerstag, den man schon seit einigen Wochen mit Spannung erwartet. Kolossa Rschi — Kornährentag — heißt er, und der Erlös aus den Tausenden von Aehren und Kornblumen, die von jungen Mädchen und Studenten verkauft werden, soll den Hungernden in den östlichen Gebieten zugute kommen. Wohl die Hälfte dieser freiwilligen Straßenverkäufer sind Juden. Mich, den Ausländer, dessen Haß gegen die Unterdrücker noch nicht durch Gewohnheit abgestumpft ist, hat dies frappiert. Im Grunde aber ist die Seelengröße der russischen Juden zu bewundern; sie fragen und grübeln nicht — sie helfen, wo es die Menschlichkeit verlangt. Einzige Gegner dieser Veranstaltung waren nur die Hooligans, die in ihren Blättern diese von „Sozialdemokraten und Juden" eingeleitete Hilfsaktion verhöhnten. Vertränken die Bauern ihr Geld nicht, dann brauchten sie nicht zu hungern4' — damit ist für diese Stützen der Gesellschaft der Fall erledigt. Es sind aber noch viele da, die gerne nach ihren Kräften zur Linderung der Not beisteuern, und die Büchsen der Verkäufer füllen sich. Aber das fröhliche Leben und Treiben, das ich an solchen Tagen in der Heimat zu sehen gewohnt war, stellt sich nicht ein. lieber dem Ganzen liegt eine schwere, gedrückte Stimmung, die Mienen sind ernst, oft traurig und an vielen Stellen bilden sich Grippen, aus denen man den Namen „Mandelstamm" heraushören kann. Ja, die unerwartete Nachricht vom Tode dieses allgemein geliebten, seltenen Menschen hat sich wie ein Blitz in der Stadt verbreitet und die Trauer ist allgemein. Man wußte, was man an ihm hatte, man verehrte und schätzte ihn, aber jetzt erst kam jedem der Wert dieses unersetzlichen Menschen klar zum Bewußtsein. Die jüdischen Vereinigungen traten zusammen, um zu beraten, wie das Andenken des Verewigten zu ehren sei, die von ihm gegründeten oder unterstützten Schulen schlössen den Unterricht, die Kiewer Haupt-Tageszeitung brachte sein Bild mit einem fünf Spalten langen Nekrolog. Und dies ist ■■- wohlverstanden — ein russisches, kein jüdisches Blatt. Heute war Mandelstamms Beerdigung. Niemand, der ihr beigewohnt hat, wird diese imposante Kundgebung je vergessen. In die Trauer mischte sich ein Gefühl des [Stolzes: Diese Tausende (man schätzt die Zahl der Leidtragenden auf 30 000) sind Juden, die einen der Ihrigen, der sie liebte, ehren wollen. Unabsehbar, unzählbar war die Menge, die dem Sarg folgte, Männer und Frauen, Vertreter der ersten Aristokratie und jüdische Arbeiter, jüdische Soldaten, Studenten in sehr großer Zahl, die Schüler der Glieder und die Zöglinge der Waisenhäuser. Jüdischen Studenten gelang es in musterhafter Weise, den Zug aufzustellen und die Ordnung aufrechtzuerhalten. Auf Kreschtschatik, der Hauptstraße, stockte jeder Verkehr. Die Trambahnen hielten, Wagen und Autos mußten stehen bleiben. Die jüdischen Läden waren geschlossen, überall brannten die elektrischen Lampen. So bewegte sich der Zug zum Friedhof, der weit, weit hinter der Stadt liegt. Ein kleiner Teil nur konnte der Trauerfeier am Grab beiwohnen. Es gibt in der ganzen Stadt kein jüdisches Haus, in dem Heute nicht Trauer herrscht. Jeder erzählt seine Erinnerungen, Gespräche, die man mit ihm geführt hat, Züge aus meinem Leben. Mir aber haben diese Tage wieder gezeigt, daß es noch ein jüdisches Volk gibt, jüdische Zusammengehörigkeit, jüdische Dankbarkeit und Liebe. M. A. M. Massenausweisung von Juden in Russisch-Polen In Dombrowo, Kreis B e n d i n , dem Zentrum der polnischen Bergwerke, werden die Juden von einer schweren Katastrophe betroffen. Siebenhundert jüdische Familien sind plötzlich der Ausweisung verfallen, weil Dombrowo eine Dorfgemeinde ist. Unter denen, die ausgewiesen worden sind, befinden sich viele, die schon 20—30 Jahre •n Dombrowo wohnen. Eine jüdische Deputation begab sich /.um Gouverneur nach Petrikau, um die Erlaubnis zum weiteren Aufenthalt zu erwirken, allein dieser Schritt blieb ohne jeden Erfolg. Die Ausweisungen kamen den Betroffenen ganz Generalversammlung der palästinensischen Winzergenossenschaft Vor kurzem fand in Rischon Lezion die 5. Generalversammlung der palästinensischen Winzergenossenschaft statt, an der Delegierte aus den Kolonien Rischon, Rechoboth, Sichron- Jakob, Katra und W %d i - C h a n i n , ferner zahlreiche Gäste teilnahmen. Es wurde über die Absatzverhältnisse des palästinensischen Weiaies in den verschiedenen Ländern, über die Reorganisation des Vertriebs und über die Aend-erung des Vertrags der Winzergenossenschaft mit der Ica Bericht erstattet. Die Generalversammlung faßte eine Reihe wichtiger Beschlüsse, die für die zukünftige Entwicklung der Genossenschaft von tiefgreifender Bedeutung sein dürften. Die Proteste gegen die Kiewer Ritual mordhetze und ihre Wirkung in Rußland Auch eine Anzahl der angesehensten französischen Gelehrten, Politiker, Künstler und Schriftsteller hat eine ähnliche Protesterklärung gegen den Ritualmordwahn veröffentlicht, wie sie die Männer des öffentlichen Lebens in Deutschland erlassen hatten. Auch in Oesterreich und Dänemark veröffentlicht die dortige Presse Kundgebungen gleichen Inhalts. Die „echtrussischen" Zeitungen scheuen sich natürlich nicht, über die Unterzeichner der Proteste in der unflätigsten Weise herzufallen und die Wirkung der Kundgebungen dadurch abzuschwächen, daß sie behaupten, die protestierenden Intellektuellen des -Auslandes seien samt und sonders Juden und Freimaurer. Trotzdem haben diese Kundgebungen, die von sämtlichen großen russischen Zeitungen wörtlich oder im Auszug abgedruckt werden, ihre Wirkung nicht verfehlt. Wenn die Protesterklärungen nur, wie man hoffen kann, die Folge haben werden, die schamlose Pogromhetze, die jetzt um die Osterzeit in Kiew und anderen Städten Rußlands in gewissenlosester Weise geschürt wird, ein wenig einzudämmen und neue Juden.metzeleieri zu verhüten, so werden sie ihren Zweck vollkommen erfüllt haben. Palästina-Reise-Gesellschaft e.V. in Hamburg Am 7. April fand die Generalversammlung statt, in der die Verlosung vom kgl. Notar Dr. V i c t o r - Hamburg-Wandsbek vorgenommen wurde. Der G e w i n n von 500 M. f i e 1 auf Dr. S t a h 1 - T a r n o w i t z. Den Mitgliedern wird das notarielle Protokoll in Abschrift sogleich nach Ausfertigung zugesandt werden. Gesinnungsgenossen! Nur eine Verlosung konnten wir diesmal vornehmen. An euch liegt es, daß wir in der nächsten Verlosung eine recht große Zahl Juden nach Palästina schicken können! P a I ä s t i n a - R e i s e - G e s e l 1 s c h a f t e. V. Der geschäftsführende Ausschuß. 1. A.: Dr. Chwolles. Haniburg-Bahrenfeld, Mozartstr. 34. Die Parteiblätter werden um frdl. Nachdruck gebeten. Ica-Bank Am 1. Januar a. c. wurde über Initiative des „Volksrates'4 unter der Firma: ,,B u k o w. Zentralkreditgenossenschaft für Kleinhandel und Kleingewerbe" von der Ica, welche bekanntlich in Galizien bereits mehrere solcher Banken gegründet hat, eine Bank in Czernowitz ins Leben gerufen. Zweck dieses Institutes ist, den jüdischen Kleinhändlern und Kleingewerbetreibenden gegen geringe Zinsen und unter günstigen Rückzahiungsbedingiingen Wochenabzahlungen billigen und bequemen Kredit zugänglich zu machen. Aus den über die Tätigkeit in den Monaten Januar und Februar veröffentlichten Berichten geht hervor, daß die Bank relativ sehr zahlreich in Anspruch genommen wurde. Das kleinste Darlehen betrug K. 50.—, das größte K. 600.—. Die Ica-Bank erfreut sich trotz der kurzen Zeit ihres Bestandes einer ausgesprochenen Beliebtheit, zumal sie keineswegs parteipolitische Prinzipien beobachtet, worunter man früher zu leiden hatte.

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