Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 8 (23.2.1912)
- Date
- 1912-02-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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240 DIEX&ELT Nr. 8 Vereine gegründet worden, und es gibt in Kanada keine einzige jüdische Gemeinde ohne Zionisten. Montreal. Eine der bestbesuchten Versammlungen, die je von einem jüdischen Verein in Montreal ausging, fand am 21. Januar in dem Baron de Hirsch - Institut von dem B'nai U'Bnoth Zion Kadimah statt. Der Vizepräsident, Mr. M. Gelbman, führte den neuen Präsidenten, Mr. Maxwell Lighttute, ein. Mr. Clarence I. de Sola, der Führer der kanadischen Zionisten, sprach über die praktische Arbeit, welche das Baron de Hirsch - Institut durchgeführt hat. Dasselbe gewährt verfolgten Juden aus Rußland oder anderen Ländern Schutz und Unterstützung, und es ist besonders stolz darauf, dab es in Kanada keine jüdischen Bettler gibt. Die nächste Versammlung der B'nai U'Bnoth Zion Kadimah wird am 4. Februar stattfinden, wobei Mr. Leon Goldman eine Ansprache halten wird. Am 28. Januar fand der erste jährliche Unterhaltungsabend der Saison von der Agudath Zion Society von Montreal statt. Ein neuer Frauen-Verband wurde mit Erfolg am letzten Sonntag bei einer Versammlung von Subskribenten gebildet. Der Name desselben ist „Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina". Er ist hervorgegangen aus der weltumfassenden Bewegung zur Verbesserung der Lage in Palästina, und bildet einen Zweigverein des Berliner Hauptverbandes. Kingston. Am 14. Januar gab der Young Zionist Literary Club sein erstes Konzert in der Beth Israel Synagoge. Der Erfolg war sowohl in künstlerischer als auch in materieller Hinsicht ein großer. Montreal. In der Daughters of Zion Society fand am 7. Januar eine Versammlung statt, in welcher Dr. H. A b r a - m o \v i t z eine sehr interessante Ansprache hielt, in deren Verlaut er der Notwendigkeit Ausdruck verlieh, daß die jüdischen Eltern die Moral und den jüdischen Charakter ihrer Kinder leiten und entwickeln. Miß A. Goldblatt verlas einen von Mrs. Felix Harris verfaßten Aufsatz über die „Schekolim". Südafrika Herr M. L. G e n u s s o w aus Barkly West, Cape Province, Südafrika, Mitglied der Südafrikanischen zionistischen Föderation und ein Pionier der zionistischen Bewegung in seinem Lande, hat am 7. Februar Südafrika verlassen, um eine ausgedehnte Tour um die Welt zu machen. Er beabsichtigt, Australien, Neu-Seeland, die verschiedenen Südsee-Inseln, China und Japan, Britisch-Columbia und Kalifornien zu besuchen, dann via New York, West-Europa, Palästina und Ostküste von Afrika nach Südafrika zurückzukehren. Wo immer es ihm möglich sein wird, besonders in abgelegeneren Teilen der Welt, die er besuchen wird, wird er sich nach Kräften bemühen, für den Zionismus Propaganda zu machen. Australien Sydney. Am 8. Januar d. J. fand eine Komitee-Sitzung des Zionistischen Vereins von Sydney statt. Mr. S. Pechter wurde nach seiner Rückkehr von Palästina und Europa befrüßt, wohin er als Delegierter des Vereins von Sydney zum ionistenkongreß gereist war, und es wurde beschlossen, daß er einen ausführlichen Bericht über seine Eindrücke bei der Jahresversammlung am 29. Januar erstatten soll. Man beschloß, einen Betrag an die Jüdische Kolonialbank für verschiedene zionistische Zwecke zu senden, und Mr. S. Pechter übergab die Summe von 8 £, welche nach seinem Wunsch verschiedenen Instituten überwiesen werden sollen, unter anderem für Anteile der Palestine Land Development Co. Einige andere Mitglieder zeichneten auch für Anteile der Company. Mr. Charles S. Browne gab seinen Rücktritt als Schriftführer bekannt. Es wurde ferner beschlossen, bei der Jahresversammlung eine Vermehrung der Mitglieder des Komitees zu beantragen. Dem Vorschlag des Präsidenten und des Schriftführers, Herrn F. E. Jaffa Solomon ein Diplom für seine unermüdlichen Bemühungen für den National-Fonds zu senden, wurde zugestimmt. Ballarat. Zur Feier von Chanukah machte die Ballarat Zionist League am 25. Dezember einen Ausflug naoh Buninyong, der, von gutem Wetter begünstigt, einen guten Verlaut nalhm. Brief aus Wien (Von unserem Berichterstatter.) Ein Hazardspiel In der Markgrafschaft Mähren tobt seit Jahr und Tag ein leidenschaftlicher Kampf zwischen Deutschen und Tschechen um die Vorherrschaft. Die Entscheidung des Kampfes bei den jeweiligen Wahlen liegt — bei den Juden. Da wird nun von hüben und drüben mit allen Mitteln darauflos agitiert, geschmeichelt, gewarnt oder unverblümt mit Boykott gedroht, um das „Zünglein an der Wage" auf die eine oder andere Seite zu ziehen. Da nun in beiden Lagern eine stattliche Anzahl deutschnationaler beziehungsweise tschechischnationaler Juden steht, wird der Endkampf um die jüdischen Stimmen natürlich von diesen Kombattanten der gegnerischen Heerlager ausgetragen. Es ist ein Hazardspiel der verderblichsten und verwerflichsten Art, das — in wessen Hände auch immer der Sieg fällt — mit Judennot bezahlt wird. Gegenwärtig trat die traurige Erscheinung, daß führende, gutsituierte Juden,, die für ihre Person nichts zu fürchten haben,, durch ihr unverantwortliches Treiben die jüdischen Massen gefährden, anläßlich der Handelskammerwahlen in Olmütz wieder kraß zutage. Uns liegt ein Aufruf tschechischnationaler Juden aus allen Teilen der Sudetenländer vor, in welchem den jüdischen Wählern dieser Stadt ans Herz gelegt wird, unbedingt nur tschechisch zu wählen, wobei alle glatten Künste der Ueberredung nicht minder angewendet werden, als häßliche Drohungen und vieledle Brusttöne tschechisch-völkischer Ueberzeugung. Der deutschnationale Chauvinismus der jüdischen Heloten auf der Gegenseite ist viel zu bekannt, als daß man ihn in seinen diesmaligen glutheißen Aeußerungen wiedergeben müßte. Es gibt nur einen vernünftigen und würdigen Standpunkt der Juden in diesem Kampfe: Absolute Neutralität, zumal sie dem tatsächlichen Empfinden der breiten jüdischen Bevölkerung, die utraquistisch bis in die Knochen ist, am besten entspricht. Nur darf der Neutralitätsgedanke nicht in so plumpe Hände geraten, wie es im Jahre 1896 anläßlich der mährischen Landtagswahlen geschah. Damals beschloß eine Delegiertenversammlung der mährischen Judengemeinden eine Resolution, in welcher den jüdischen Gemeinden innerhalb der sieben mährischen Wahlbezirke, um deren Erlangung der Hauptkampf zwischen Deutschen und Tschechen tobte, eine identische Drohnote an die deutsch-mährischen Abgeordneten empfohlen wurde. In dieser „Drohnote" sollte in entschiedener Weise „eine andere Haltung gegenüber dem Antisemitismus verlangt werden, da sonst in diesen Bezirken Wahlenthaltung proklamiert und ausnahmsols durchgeführt werden müßte". Es war natürlich ein Schlag ins Wasser. Wahlenthaltung als Retorsionsmaßnahme gegen die schlimmen, antisemitischen Deutschen, Neutralitäts androhung sind ebenso unvernünftige als verwerfliche Wahlmanöver. Neutralität hingegen als Bekundung unbedingter Objektivität den Landes Völkern gegenüber als Ausfluß national jüdischer Gesinnung ist die einzig gesunde und moralische Politik und das einzige Mittel, um die für den kleinen jüdischen Mann so gefährliche Verschleierung des tatsächlichen Kräfteverhältnisses durch jüdische Stimmen hintanzuhalten. Freilich muß diesem Postulate eine großzügige Aufklärungsarbeit vorangehen. Solange es möglich ist, daß jüdische Bürgermeister den Aufruf zu deutschnationalen Trutzfesten in stark tschechischem Gebiete mitunterzeichnen, solange der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde in der Landeshauptstadt Brünn, Herr Dr. Fischer, eine führende Rolle im deutschen Lager spielt, solange in Proßnitz und Olmütz jüdische Deutschnationale, Exaltados, die Judenschaft führen, solange auf der Gegenseite der Judenstämmling Dr. S t r a n s k y sein Unwesen treibt und der israelitische Nationaltscheche Dr. Lederer von Ort zu Ort reist und die Juden mit den traurigsten Mitteln zum tschechischen Kampf gegen die Deutschen haranguiert, — solange bleibt der Appell an die mährische Judenschaft, sich an dem Nationalitätenkampfe in keiner Form zu beteiligen, ein frommer Wunsch.