Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 7 (16.2.1912)
- Date
- 1912-02-16
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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216 DIEEaEELT: Nr. 7 plätzchen durchgewunden, das mir so benagte, daß ich die Rufe des Schaffners und das Pusten der Maschine überhörte und zurückblieb. Erst das letzte Signal des abfahrenden Zuges weckte mich aus meinem traumähnlichen Zustand. Ich sah nur noch die zwei feurigen Punkte, und dann finstere Nacht . . . Es stürmte und tobte drau!3en. Der Wind heulte, pfiff und raste. Und ich fühlte mich in meiner Ecke heimlich und wohl, trotz des Aergers über die Verspätung. Ich zog die Reisedecke höher und war bald wieder im Wirrsal meiner Gedanken eingesponnen. Ein Bahnbediensteter kam geräuschvoll herein, hielt kurz Umschau und ging dann, laut mit den derben Stiefelabsätzen aufstampfend, zur entgegengesetzten Türe, die er nicht zuklinkte, so daß sie der Windstoß hin und her bewegte. Mit einem Seufzer stand ich auf und schloß sie. Der nächste Zug ging erst in früher Morgenstunde ab, und ich versuchte zu schlummern. Doch es schien, als wären heute alle guten üeister des Schlafs auf der Flucht vor mir. Es mochte ungefähr eine Stunde nach Mitternacht gewesen sein, als mich ein scharfer Luftzug und das Knarren der Türe weckte. Ich blieb verdrossen sitzen, ohne mir die Mühe zu nehmen, die offengebliebene Türe zu schließen. Ich hüllte mich noch fester in meinen Mantel und sah nun hinaus in das Dunkel der Nacht. Die Lampe flackerte trübe, und die Stille um mich hatte etwas Unheimliches, Schmerzhaftes. Doch zu meinem Erstaunen vernahm ich plötzlich eine Frauenstimme in der gegenüberliegenden Ecke des Wartesaales. Leise und zärtlich redete eine Mutter auf ihr Kind ein: „Sei fein brav, mein Kind, und schlaf\" — Für eine Weile wurde es still, dann schluchzte in abgebrochenen Lauten die Stimme eines Kindes: „Mutter, ich furcht' mich, sie kommen, sie packen uns. Wo ist der Vater geblieben." ,,Schweig, frag nicht viel," war die Antwort. „Dann sing', Mutter, so wie zu Hause, ich möc'ht' schlafen." Und eine rührende, ängstliche, furchtdurchzitterte, alte Melodie irrt durch die nächtliche Stille: Schlaf, Leibele, schlaf, dein Vater ist ein Graf, dein' Mutter ist ein Fürstenkind," das letzte Wort ein Aufschluchzen, so daß das Kind erschrocken in lautes Weinen ausbricht. Ich bin mächtig erregt, denn ohne eine Frage zu stellen, weiß ich, wer die Unglücklichen sind, weiß, woher sie kommen, weiß, welcher ungewissen nebelhaften Zukunft sie entgegengehen. Schaudernd packt es mich. Mit einem Male fühle ich mich um viele Jahrzehnte zurückversetzt und sehe mich selber auf den schwankenden Armen einer verjagten, entwurzelten, heimatlosen Mutter, und die alten, vernarbt geglaubten Wunden beginnen frisch zu bluten, das alte tausendjährige Weh meines Volkes nagt an meinem Herzen, bohrt sich mir ins Hirn. . . . Türen werden auf- und zugeschlagen. Das Wartezimmer füllt sich rasch. Gestalten des Jammers drücken und winden sich scheu und lautlos, als wären sie Schatten, an die Wände, die einen kleine Kinder, die anderemi in flüchtiger Hast ergriffene formlose Bündel an sich pressend. Ein Bild namenlosen Elends — Golus . . . Der Sturm da draußen hatte ausgetobt, und im Osten begann es mählich zu tagen. . . Das von dein Verein „Emunah" in Czernowitz herausgegebene Sammelwerk „Heimkehr" enthält u. a. folgende Beiträge, die in der vorigen Nummer nicht richtig mitgeteilt wurden: Dr. Samuel Rappaport, Lemberg: „Hasmonäerfest und Channuka"; Dr. Ignatz Schipper, Lemberg: ,,Der Anteil der Juden am europäischen Großhandel mit dem Orient"; Dr. Maier Balaban, Lemberg: „Italienische und spanische Apotheker und Aerzte im 16. und 17. Jahrhundert in Krakau"; Dr. Martin Buber, Berlin: „Die Mythen des Chasidismus". Die Geschichte von der Königin Esther. Die Bearbeitung der Megillach Esther scheint jetzt anläßlich des herannahenden Purimfestes in der Luft zu liegen, denn außer der Von uns angekündigten Herausgabe des illustrierten Werkchens „Die Geschichte der Königiii Esther" erscheint demnächst auch von Heinrich Grünau ein heiteres Purinispiel in Versen für Klein und Groß, das sich „Esther" betitelt und in Begleitung von lebenden Bildern gelegentlich des nächsten Kinder-Purhnfestes in Antwerpen zum Vortrage gelangt. Schluß des redaktionellen Teiles r v Meine Verlobung mit Fräulein Margarete Rehfeld aus Allenstein zeige ich ergebenst an Beuthen C.-Schl. Rechtsai 1 inwait Dr. Dobrzynski Eingegangen bei der Administration der „Welt": Für das Technikum in Haifa: Dr. A. Neufeld, Warschau, zu Ehren seines am IS. Schebat 5669 verstorbenen Vaters Isaak . . . . 0 . . A.k 216.— Bei dem Jewish Colonial Trust, London sind eingegangen: Für den Bezalel: per Jewish National Fund Bureau for Amerika . , $ 2.— Ein Volksnahrungsmitte! von immer wachsender Bedeutung ist jetzt auch in Deutschland die Marmelade geworden. Als Ersatz für Butter oder mit dieser auf Brot genossen, als Füllung und Sauce sowie Kompott hat sie sich in jedes gut geführte Haus Eingang verschafft. Daß bei der Auswahl eines namentlich auch Kindern verabreichten Nahrungsmittels die größte Vorsicht geboten ist, bedarf keines weiteren Beweises. Wir empfehlen daher den Leserinnen den Gebrauch der erprobten, allseitig anerkannten Marmelade „Aprikosa", die von der Firma L. C. Oetker in Bahrenfeld in den Handel gebracht ist, als für die Kinderernährung besonders geeignet. Sie ist schmackhaft, wohlbekömmlich und gelangt in überaus praktischer Verpackung zum Versand. Dieser erfolgt direkt von der Fabrik an Private, wodurch sich der billige Preis dieses erstklassigen Fabrikates erklärt und die Frische der Ware gewährleistet. KONFITÜREN S-i PACKUNG für Pralinös, Katzenzungen, Mokkabonnen Ueberau zu haben SCHOKOLADEN M— N —V Milch Nuss Vanille Die Drei Neuen Edelsohokoladen BERLIN Dresden 1911: Kgl. Sächs. Staats preis