Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 5 (2.2.1912)
- Date
- 1912-02-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SACHSISCHE STR. 8. ZENTRALORGÄN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 2. Februar 1912 .UrYlkl? rann 'N unt&> /pHa Nr. 5. Zur Entwicklung des zionistischen Gedankens (Eine Rundfrage.) Die Geschichte der modernen zionistischen Bewegung ist noch recht kurz, aber in den 15 Jahren seit ihrem Entstehen war sie doch manchen Aenderungen unterworfen. Daß die Taktik der Organisation nicht stets die gleiche bleiben konnte, ist ja beinahe selbstverständlich. Durch heiße Meinungskämpfe hat sich die Tat ihren Weg gebahnt und rückwirkend die Gedanken befruchtet. Neue Gesichtspunkte zur theoretischen Begründung des Zionismus sind aufgetaucht, und wer allen diesen Wandlungen mit offenem Blick und wachem Ohr gefolgt ist, strebt heute zur Synthese des Gegensätzlichen, zur Ausscheidung des Ueberlebten, zur Einordnung alles Wertvollen.! Dieses Blatt, das den Titel des Zentralorgans der zionistischen Bewegung führt, ist in erster Linie berufen, die Stimmen der Zeit getreulich wiederzugeben. Wir haben uns daher an eine Reihe hervorragender Gesinnungsgenossen mit dem Ersuchen gewandt, die beiden folgenden Fragen zu beantworten: 1. Haben sich seit den ersten Jahren nach der Begründung der zionistischen Organisation in der theoretischen Fundamentierung des Zionismus Aenderungen vollzogen, d. h. werden die grundlegenden Prinzipien des Zionismus heute anders verstanden als in jener früheren Zeit? Haben sich nur unwesentliche Teile des zionistischen Gedankenbaues geändert, oder betreffen die Verschiebungen in der Auffassung wesentliche Teile desselben? 2. Welches sind die wichtigsten Aufgaben unserer Organisation bezüglich der Palästina-Arbeit in der Zukunft? Wir veröffentlichen die uns zugegangenen Antworten in der Reihenfolge, wie sie bei uns eingetroffen sind. Die Veröffentlichung wird in den nächsten Nummern fortgesetzt. J. H. Kann: Im Besitze Ihres Geehrten vom 8. ct. möchte ich Ihre Fragen folgendermaßen beantworten: Sub 1. Palästina soll die Heimat sein für das jüdische Volk: das war und ist das grundlegende Prinzip des Zionismus. Allein dieses Prinzip wird heute gewiß anders verstanden als in der früheren Zeit. Damals, als der politische Zionismus mehr im Vordergrund stand, hat man keinen besonderen Nachdruck auf die kolonisatorische Tätigkeit in Palästina gelegt. Später hat man mit Recht eingesehen, daß diese Tätigkeit eines der wichtigsten Mittel des politischen Zionismus ist. Aber seit einiger Zeit sieht es danach aus, als ob nach der allgemeinen Auffassung dieses Mittel zum Zweck geworden ist. Ihre Frage, ob diese Verschiebung in der Auffassung wesentliche Teile des zionistischen Gedankenbaues betrifft, muß ich bejahend beantworten. Nach meiner Meinung ist diese Verschiebung gefährlich und müssen wir hoffen, daß bald die Zeit kommen wird, wo eine richtigere Wertschätzung von Zweck und Mittel Gemeingut aller Zionisten sein wird. Sub 2. Für die Beantwortung der Frage, welches die wichtigsten Aufgaben unserer Organisation bezüglich der Palästina arbeit in der nächsten Zukunft sind, beziehe ich mich auf meinen Brief an den Baseler Kongreß vom August 1911. Meine Meinung hat sich in keiner Hinsicht geändert, und ich habe nichts Neues hinzuzufügen. Adolf Stand: Ad 1. Das grundlegende Prinzip des Zionismus ist der erste Satz des Baseler Programms: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Ich verstehe diesen Satz nicht anders, als ihn der Kongreß am 30. August 1897 verstanden hat, als er ihn unter großer Begeisterung einstimmig angenoimmen hat. Man hat im Laufe der fünfzehn Jahre an diesem Prinzip stark gerüttelt, es befand sich während der Ugandakrise in Gefahr, aber alle diese Stürme konnten es nicht schwächen. Es gilt heute wie an dem denkwürdigen Augusttage, an dem es angenommen wurde, als unser oberster Grundsatz, der uns unbedingt verpflichtet. Etwas hat sich nur in der Methode geändert. Während die Leitung unserer Partei zur Erreichung unseres Endzieles in den ersten Jahren ausschließlich und später einen großen Teil ihrer Kräfte dem im Absatz IV unseres Baseler Programms („Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmungen, die nötig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen") enthaltenen Mittel gewidmet hat,