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Die Welt · 1912-01-19 · 3 (19.1.1912) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 3 DIE% Brief aus Wien (Von unserem Berichterstatter.) Ein Vortrag Dr. Zollschan's Verflossenen Donnerstag hielt Gg. Dr. Ignaz Zollschan, der Verfasser des Buches „Das Rassenproblem", das nunmehr in dritter Auflage erscheint, einen Vortrag über den „ W ert der jüdischen Rass e", der sehr bemerkenswert war. Nicht nur wegen des Inhaltes und der zwingenden zionistischen Schlüsse, die er aus der gegenwärtigen Lage des Judentums zog, sondern auch wegen des Milieus, in welchem der Vortrag gehalten wurde. Er fand nämlich aut Aulforderung des Vorstandes des Wiener isralitischen Kultus Vorstandes statt und war von den Kreisen, die dem Zionismus ferne stehen oder ihn gar bekämpfen, so zahlreich besucht, daß die Saaltüren wegen UeberfüIIung lange vor Beginn geschlossen werden mußten. Was an den diesmaligen Ausführungen Zollschans besonders dankenswert war, sind die strengen Forderungen, die er an jene W e s t j u d e n stellt, die sich zu ihrem Volke bekennen wollen. Interessenahme und großstilige Mitarbeit am Kolonisationswerke genüge nicht. Es müsse unbedingt die Wiedererweckung des Stammesgefühls, also des Nationalbewußtseins bei allen Juden des Westens erzielt werden. Nach einer Begrüßungsansprache des Vizepräsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeiacle, Herrn Dr. Gustav Kohn, in welcher er die Bedeutung c^s Vortragenden und seines Werkes hervorhob, führte Z o 11 s c h a n die Hauptgedankengänge seines bekannten Werkes aus. Der Vortrag schloß mit einer interessanten Darlegung des Zusammenhanges zwischen dem zionistischen Streben und der allgemeinen Weltentwicklung: „Das Streben nach einer mittels des ungeheuren Rohmaterials an Begabung unter Anlehnung an die großen Perioden des Altertums zu schaffenden Renaissance der jüdischen Kultur und Rasse tritt in fruchtbare Vereinigung mit der unter allen fortschreitenden Völkern vorhandenen Auflehnung gegen die tradierten Ideen, mit dem Streben nach Befreiung des Ursprünglichen aus den Fesseln des Konservativismus." Der Vortrag fand reichsten Beifall und hat hoffentlich die zahlreichen gegnerischen Zuhörer zum Nachdenken über die Judenfrage und zu einer Revision ihrer antizionistischen Anschauungen angeregt. » Vom jüdischen Handlungsgehilfenverband Das Gründungsfest des jüdischen Handlungsgehilfenverbandes in Wien, das dieser Tage unter überaus zahlreicher Beteiligung gefeiert wurde, gibt Anlaß, über den Wert und den erfreulichen Aufschwung der nationalen Bewegung unter den jüdischen Handelsangestellten zu berichten. In keinem Berufszweig sind die Juden so zahlreich vertreten wie im Handelstande und nirgends tritt der antisemitische Boykott so scharf zutage. Nichtjüdische Chefs, die Juden anstellen, kann man an den Fingern abzählen. Dazu kommt die häßliche Erscheinung, daß auch jüdische Geschäftsherren mit der famosen Begründung, sie müßten aut den christlichen Kunden Rücksicht nehmen, dem jüdischen Gehilfen die Türe weisen. Neben diesem wirtschaftlichen Zwang zum Zusammenschluß und zur Wahrung ihrer spezifischen Interessen, wirkt nicht minder stark die jungjüdische Emanation in dieser großen Schar hart ringender, vielfach hochintelligenter und gut vorgebildeter Juden, die den Gegensatz zwischen ihrem modernen nationalen Empfinden und dem würdelosen Renegatum eines großen Teils der jüdischen Bourgoisie um so härter empfinden, als sie von diesen Kreisen abhängig sind. Schon Theodor HerzI erkannte die Notwendigkeit einer bewrußtjüdischen Organisierung der Handlungsgehilfen und nahm daher an einer Konferenz, die im Juni 1900 zu Wien stattfand, persönlich teil. Aber in Wien nahm erst vor drei Jahren, mit der Gründung des neuen Verbandes, die Organisation konkrete Formen an und gedieh dann rasch. Heute sind im Wiener Verbände 600 Handlungsgehilfen organisiert. Der Verband gibt ein eigenes, gut geleitetes Organ heraus, erhält ein Verbandsheim mit einer Lesehalle und verfügt gegenwärtig schon über einen ansehnlichen Konditionslosenfonds. Ein großer Prozentsatz der Mitglieder dieser rein gewerkschaftlichen Organisation ist in unserer Poale Zion, zum Teil auch in bürgerlichen Vereinen zionistisch organisiert. :E LT 81 Die Leitung ist ausgezeichnet, und so ist zu hoffen, daß der Verband gedeihen und in der bewußtjüdischen Bewegung eine wichtige Rolle spielen wird. Brief aus Holland (Von unserem Berichterstatter.) Vorträge des Herrn Dr. A. Klee Ende Dezember hatten wir holländischen Zionisten die große Freude, Herrn Di. A. Klee in unserer Mitte begrüßen zu dürfen. Im Haag, Rotterdam und Amsterdam fanden seine ernsten, überzeugenden Worte großen Anklang und eine Anzahl neuer Gesinnungsgenossen trat unserer Organisation bei. Dr. Klee sprach hier über das westeuropäische Judentum. Er rief seinen Zuhörern den Prozeß Wolff-Metternich-Wertheini ins Gedächtnis zurück, diesen Prozeß, der in Deutschland und besonders in Berlin ein so großes Autsehen erregte und uns einen Einblick in gewisse jüdische Kreise gewährte. Die Degeneration der Juden in Berlin schreitet unaufhaltsam weiter, ein sehr großer Teil des Berliner Judentums sucht sich zu assimilieren, 10o/o der von Juden in Berlin geschlossenen Ehen sind Mischehen. Fünfzig oder sechzig Jahre zuvor gab es in Deutschland noch eine jüdische Generation, welche dem jüdischen Ideal treu war, die nächste Generation war schon weniger jüdisch, sie verleugnete aber ihre Herkunft nicht. Die dritte Generation fühlte sehr wenig für ihr Judentum, wollte aber dennoch aus Pietät für den Vater oder Großvater die Tradition hochhalten. Und jetzt lebt in Deutschland die vierte, die jetzige Generation, die sich gänzlich assimiliert hat. Der holländische Jude, der sich assimiliert, wird sich meistens nicht taufen lassen, der deutsche Jude aber meint, daß die Taufe für seine Zukunft von großem Nutzen sei; beide glauben ihren Kindern das Leben angenehmer zu gestalten und erziehen sie daher unjüdisch. Man will dem Kinde die Freiheit lassen, seine Lebensrichtung später selbst zu wählen. Der Redner glaubt, daß dies ein Unrecht sei. Er betrachtet es als die Pflicht der Eltern, ihren Kindern den Weg zu zeigen, den sie zu gehen haben. Zum Schluß erklärte der Redner, daß der Zionismus kein philanthropischer Hilfsverein sein wolle, sondern das edle Bestreben eines Volkes, seine Freiheit zu erringen. Der Zionismus hat geistig Heimatlose zu bewußten Juden erzogen, welche ihre Energie und ihren Idealismus einem großen, jüdischen Ziel zuwenden. Das ist vielleicht das Höchste, das Beste, was der Zionismus bis jetzt errungen hat. Der Zionismus will die Juden ihrem Vaterlande nicht entfremden, aber dennoch sollen sie wissen, daß es eine Heimat gibt, wo sie sich als Juden frei aussieben können. Dr. Klee schloß seine glänzende Rede mit den berühmten Worten Herzls: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen/4 Brief aus Rußland (Von unserem (Berichterstatter.) Wiederum „Nationalisierung des Handels" Unsere nationalistischen Politikmacher wollen trotz wiederholter mißlungener Versuche keineswegs darauf verzichten, ihre im allgemeinen siegreichen Prinzipien auch auf das Gebiet des wirtschaftlichen Lebens auszudehnen. Mit echt russischer Ungeniertheit setzt man sich dabei über das ablehnende Verhalten der maßgebenden kaufmännischen und industriellen Kreise den nationalistischen Aspirationen gegenüber hinweg. Die Interessen des Handels iund der Industrie werden großmütig der „nationalen Idee" zum Opfer gebracht. Die Standhaftigkeit der unbeugsamen Patrioten wurde schließlich dieser Tage reichlich belohnt. Der Herr Minister des Innern entschloß sich zu einer patriotischen Haupt- und Staatsaktion, die ihm sämtliche echtrussischen Herzen im Sturm erobern wird. Diesmal gilt es, das heilige Rußland jenseits der Grenzpfähle des Ansiedlungsrayons vor dem unheilvollen Einflüsse jüdischer Kaufleute erster und zweiter Gilde zu retten. Bekanntlich haben jüdische Kaufleute erster und zweiter Gilde, ebenso ihre Vertreter, das Recht, sechs

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