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Die Welt · 1912-01-19 · 3 (19.1.1912) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
16 (1912)
Issue
3 (19.1.1912)
Date
1912-01-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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68 DIE] Wfcnn man bedenkt, daß beinahe die Hälfte aller Alliancetnitglieder in Deutschland wohnt, so müßte es ja an sich möglich sein, der Willkür des Zentralkomitees entgegenzutreten. Aber dazu wäre ein Maß von Interesse nötig, das sich bisher unter den Mitgliedern der Alliance nicht fand. Wird es sich jetzt wecken lassen? Wenn nicht, so wird noch irgendeine Konferenz sich zu „geharnischtem Protest" zusammenfinden und dann wird man nach Hause gehen und die Herren in Paris nicht wieder zu stören versuchen. Denn schließlich und endlich: wer hat das Geld? Die lächerlichen Vorgänge, die sich bei der Amtsentsetzung der Deutschen Konferenzgemeinschaft abgespielt haben, zeigen deutlich den Uebermut und die Siegesgewißheit des Zentralkomitees. Es hat den Lokalkomitees ganz einfach mitgeteilt, daß das Deutsche Bureau der Alliance von jetzt an ausschließlich dem Pariser Zentralkomitee untersteht, und daß die Beamten sich nur den Weisungen aus Paris zu fügen haben. Die Leitung der Konferenzgemeinschaft verfügt weder über die Kassen noch über die Akten der von ihr geleiteten „Organisation", sie ist aufs Pflaster gesetzt, hinausgeworfen wie ein Angestellter, der beim Stehlen ertappt wurde. Dies alles haben sich die deutschen Mitglieder der Alliance Israelite Universelle gefallen lassen. Es ist nun ganz und gar ihre Sache, ob sie sich dabei beruhigen wollen oder nicht. Wir Zionisten haben uns zu einer Auffassung jüdischer Politik durchgerungen, die einen unüberbrückbaren Gegensatz zu den Grundsätzen der Alliance bildet. Dennoch begrüßen wir es mit Sympathie, daß sich in dieser Alliance einige Männer gefunden haben, die, von den besten Absichten erfüllt, ihrer sterbenden Organisation durch Annäherung an eine modernere Auffassung der jüdischen Fragen neues Leben einzuflößen versuchen. Mit ihnen empören wir uns gegen den Uebermut einer unwissenden Clique, die im Namen der Judenheit sprechen will und dabei den Geist des Fortschritts und der Erneuerung, der im Judentum wieder zu blühen beginnt, verächtlich ignoriert. Wir sind noch schwach, wir sind noch im Stadium der mühsamen Anfänge, wir haben noch nicht einmal 33 Millionen — aber wir wollen Gott danken, daß wir arm sind im Sinne der Pariser Alliancemänner und reich in einem Sinne, den diese nie begreifen werden. * * * Die Deutsche Conferenz-Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle versendet folgendes Zirkular: Berlin, 16. Januar 1912. Das Pariser Central-Comite hat am 3. Januar 1912 beschlüsse gefaßt, welche den fortdauernden Provokationen, die von Paris aus gegen die deutschen Mitglieder der A. I. U. gerichtet worden sind, die Krone aufsetzen. Schon einmal — im November 1910 — hat man von Paris aus versucht, die D. C. G.} welche bisher die Gesamtheit der deutschen Mitglieder der A. I. U. in der Art des in Artikel IS des Statuts der A. I. U. vorgesehenen Landescomites vertreten hat, aufzulösen. Wir sind deshalb in Deutschland diesem unberechtigten Verlangen energisch entgegengetreten^ und unter der Wucht der im Dezember 1910 von der D. C. G. gefaßten Beschlüsse hat das Pariser Central-Comite nachgegeben und ausdrücklich erklärt, daß man die 1). C. G. nicht habe [ELT Nr. 3 auflösen wollen, und daß man auch garnicht befugt sei, sie aufzulösen. Darauf ist im Herbst 1911 ein neuer Gewaltakt gegen uns vorgenommen worden. Man hat das allgemeine Wahlrecht, dessen sich die Mitglieder der A. I. U. zum Segen dieser Institution seit 50 Jahren bedient hatten, vernichtet und an seine Stelle eine Kooptation gesetzt, welche vollzogen wird durch die in der Wahlsitzung in Paris jeweils anwesenden Mitglieder des Central-Comites. Damit ist die Ernennung der zu Kooptierenden vollkommen in die Hand der Pariser Mitglieder des Central-Comites gegeben; in Deutschland hat man lediglich zu zahlen und zu gehorchen. Aber auch das hat den Herren in Paris nicht genügt. Man hat es unternommen, die Versuche aus dem November 1910 zu wiederholen und hat nunmehr der D. C. G. die Vertretung der Alliance Israelite Universelle in Deutschiland entzogen und das Deutsche Bureau wie das Organ „Ost und West" unter die direkte Kontrolle des Central-Comites gestellt. Die Absicht, die man in Paris verfolgt, ist klar. Man will es nicht mehr mit der gesamten bisher in der D. C. G. zusammengefaßten Macht der deutschen Mitglieder der A. I. U. zu tun haben; Deutschland soll zersplittert werden in eine Anzahl machtloser Lokal-Comites, welche verpflichtet sein sollen, ihre Anweisungen lediglich von Paris zu empfangen und ihre Gelder nach Paris zu senden. Dann meint man in Paris sicher zu sein, daß von Deutschland her gegen die aus der Mitte der D. C. G. häufig gerügten Mißbräuche in der Leitung und in der Verwaltung der A. I. U. kein Widerspruch mehr erhoben werden würde. Man will den deutschen Juden jeden Einfluß auf die Leitung der A. I. U. und auf die Verwendung der großen ihr zufließenden Summen nehmen. Dieser Absicht muß entgegengetreten werden. Die Beschlüsse vom 3. Januar enthalten aber auch eine flagrante Verletzung der Statuten und der bestehenden Verträge. Verletzt ist der Artikel 18 des Statuts der A. I. U., wonach die Regional-Comites — und als ein solches war die D. C. G. anerkannt —- ihre Angelegenheiten selbständig und unter eigener Verantwortung zu führen haben. Verletzt ist aber auch der § 6 der Statuten der D. C. G., die unter ausdrücklicher Billigung der A. I. U. erlassen sind, und nach welchen das Deutsche Bureau der Leitung des Vorsitzenden der D. C. G. untersteht. Verletzt ist der Vertrag mit dem Verlag von „Ost und West", wonach der Vorsitzende der D. C. G. allein die Kontrolle über den Inhalt dieser Zeitschrift zu führen hat. Auch dieser Vertrag ist ausdrücklich vom Central-Comite genehmigt worden. So setzt man sich in Paris über Satzungen und Verträge hinweg. Die 13 000 Mitglieder der A. I. U. in Deutschland werden das nicht dulden. Sie werden energisch der Vergewaltigung, die ihnen von Paris droht, entgegentreten müssen. Dazu wird notwendig sein, daß sie sich noch enger als bisher zusammenschließen. War die D. C. G., eine Vereinigung aller deutschen Mitglieder des Central-Comites, schon bisher bemüht, die Gesamtheit der Deutschen gegenüber den Pariser Angriffen zu vertreten, so war sie doch eben dadurch, daß ihre Mitglieder gleichzeitig im Pariser Central-Comite sitzen mußten, von Paris abhängig. Hier muß Wandel geschafft werden. Die Deutschen müssen ein Deutsches Landes-Comite erwählen. Die Mitglieder desselben .werden von den Lokal- Comites gewählt. Wieviel Mitglieder die einzelnen Lokal- Comites zu stellen haben, wird in der konstituierenden Versammlung festgesetzt werden. Die Lokal-Comites korrespondieren ausschließlich durch dieses Landes-Comite mit Paris.

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