Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 16 (1912)
- Issue
- 3 (19.1.1912)
- Date
- 1912-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIESE LT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. \W ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVI. JAHRG. BERLIN, 19. Januar 1912 unte X'nnn 'X rQU tt'O ,]'bl2 Nr. 3 PARISER Das Pariser Zentralkomitee der Alliance Israelitc Universelle will uns das Erstaunen abgewöhnen, und man muß sagen, daß es dabei mit aller Gründlichkeit verfährt. Kaum hat es die Wahlen abgeschafft und das System der Kooptation eingeführt, so fügt es seinem Siegerkranze ein neues Lorbeerblatt ein: Durch Beschluß vom 3. Januar ist die Deutsche Konferenzgemeinschaft der Alliance, die bisher die Interessen der deutschen Aliiancemitglieder zu vertreten hatte, ihres Amtes enthoben w o r d e n. Sie kann, wenn sie Lust dazu hat, auch fernerhin bestehen bleiben, aber sie hat nichts mehr zu sagen und nichts mehr zu tun. Sie repräsentiert nicht mehr die Gesamtheit der deutschen Lokalkomitees, die von jetzt an direkt mit dein Zentralkomitee zu korrespondieren und ihm die eingehenden Beiträge zu überweisen haben. Gegeben zu Paris .... Man wird zugeben, daß dieses Verfahren, den lästigen Einfluß der Deutschen Konferenzgemeinschaft zu beseitigen, einfach und praktisch ist. . Wenn wir uns dennoch zu einiger Verwunderung geneigt fühlen, so rührt dies nur daher, daß wir uns noch immer nicht genügend darüber klar sind, daß die Grundsätze der Alliancemänner mit den Grundsätzen jüdischer Volkspolitik, wie wir sie verstehen, nicht das geringste zu tun haben. Warum soll denn die Deutsche Konferenzgemeinschaft Recht, das Pariser Zentralkomitee aber Unrecht haben? Wer hat denn die 33 Millionen Alliancevermögen in der Hand? Etwa die Konferenzgemeinschaft? Nein, die Pariser Herren verfügen über diese angenehmen Summen, und da ist die Frage, auf welcher Seite das Recht ist, wahrlieh bloße Prinzipienreiterei. Die Abschaffung der Wahlen schlägt allen demokratischen Forderungen ins Gesicht, sie vernichtet den Einheitsgedanken der Alliance, sie beseitigt jede Einflußnahme und damit auch jedes Interesse von Seiten derjenigen Aliiancemitglieder, die nicht der kleinen Clique in Paris angehören. Sehr wahr! Aber wenn die Allianceleitung sich nun einmal aus den demokratischen Forderungen, aus dem Einheitsgedanken und aus dem Interesse ihrer Mitglieder absolut nichts macht? DEKRET Soll sie sich diesen schönen Ideen zuliebe selbst Schwierigkeiten in den Weg legen, deren Forträumung doch so leicht ist? Nein, so sentimental, so ganz und gar unpraktisch denken die Herren in Paris nicht. Sie schaffen die Wahlen ab und stellen mit Befriedigung fest, daß die 33 Millionen Allianceverrnögeii sich dadurch nicht vermindert haben. Nun existiert noch diese Deutsche Konterenzgcnieinschaft, die sich in den ietxten Jahren wiederholt unangenehm bemerkbar gemacht hat. Sie hat die Vermehrung des hebräischen Unterrichts in den Schuten und die Einstellung der antizionistischen Hetzkampagne verlangt; sie hat es gewagt, anläßlich der Wahlen zum Zentralkomitee eine Kandidatenliste aufzustellen, die von der Pariser Liste erheblich abwich; sie hat gegen die Einführung des Kooptationssystems protestiert und die „öffentliche Meinung" der Judenheit dagegen mobil zu machen gesucht. Soll sich das großinachtige Zentralkomitee der Alliance Lsraelite Universelle zu Paris vielleicht des Langen und Breiten mit diesen widerspenstigen Elementen auseinanderzusetzen suchen? Wer sind denn diese Leute? Was haben sie denn? Sie haben Prinzipien, Anschauungen, Ideen0 Sehr gut! Aber das reicht für ernsthafte Verhandlungen nicht aus, wenn der Gegner, mit dem man sich einigen soll, 33 Millionen hinter sich hat. Das Zentralkomitee glaubt seine Leute zu kennen. Es rechnet darauf, daß die Bemühungen, in der Alliance eine moderne volkstümliche Politik einzuführen, an der Gleichgültigkeit ihrer Mitglieder scheitern werden. Es kennt die geistige Verfassung der überwiegen den Mehrheit der Aliiancemitglieder in Deutschland und wartet daher mit Seelenruhe das Ende des Kampfes ab, den die Führer der Deutschen Konferenzgemeinschaft entfesselt haben. Noch will sich diese so schmählich entthronte Körp rschaft nicht fügen. Sie protestiert, sie erklärt das Vorgehen der Pariser für statutenwidrig. Was wird das nützen? Darf man die Hoffnung hegen, es werde sich in Deutschland ein Sturm der Entrüstung erheben, der die Pariser Leitung hinwegfegt?