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Die Welt · 1911-12-22 · 51 (22.12.1911) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
51 (22.12.1911)
Date
1911-12-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Antisemitismus in der Politik Wir Zionisten pflegen uns nicht mit Lamentationen über die Judenfeindschaft aufzuhalten. Der Haß, der sich an die Fersen des wandernden Juden heftet, konnte uns in unserem Tun nie beirren, vielmehr diente er nur dazu, uns die Lage des. jüdischen Volkes immer klarer vor Augen zu führen, immer mehr die Erkenntnis in »uns zu befestigen, daß die nationale Einigung* in Palästina das einzige Mittel ist, der Seele des Juden den Frieden zu schenken und dem Namen des Judentums gerechte Würdigung und neuen Ruhm zu erringen. Wir kennen ja die Wurzeln dieses Judenhasses. Wir wissen, daß er nie aufgehört hat und nie aufhören wird, solange das jüdische Volk zersprengt unter den anderen Nationen lebt. Die kalte Feindseligkeit, die der Konkurrenzkampf im Erwerbsleben hervorruft, die bösen Instinkte des Pöbels aller Stände haben sich von jeher gegen uns gewandt und in der Verfolgung der Juden, der Landfremden, die sich gegen die Ueberrnacht nicht wehren konnten, Befriedigung gefunden. Weil aber dieser Judenhaß nicht auszurotten ist, haben ihn schlaue Händler benutzt, um mit ihm Geschäfte zu machen. Er wurde zum Aktivposten in den Bilanzen von Börsenjobbern und politischen Agenten. Er wurde in Frankreich zu klerikalen Bankgründungen ausgebeutet, die den Einfluß der Rothschilds zu brechen bestimmt waren, und verhalf in Deutschland einigen Dutzend programmloser Demagogen zu Reichstagsmandaten. Die russische Regierung bediente sich seiner zur Organisierung der Pogrome, die die Leidenschaften der Volksmenge ablenken sollten, und in der jüngsten Gegenwart sehen wir, wie die Völker und Regierungen der freiheitlichsten Länder den Antisemitismus zur Förderung ihrer politischen Geschäfte benutzen. Hiergegen muß Protest erhoben werden. Die Juden-- heit der ganzen Welt sollte zusammenstehen und den gewissenlosen Schurken das Handwerk legen, die das Leben, die Ehre und das Eigentum der Juden bedrohen — nicht aus wirklichem Haß, der immer gemein, aber wenigstens ehrlich ist —, sondern aus kalter, frecher Berechnung, aus Nützlichkeitserwägungen, aus „politischem Räsonnement". Vorgänge der letzten Zeit sollten allen ^uden die Augen darüber öffnen, daß sie alles aufbieten müssen, um die Gefahren, die den Juden gegenwärtig drohen, abzuwenden. Es lassen sich sehr verschiedene Arten der Verdächtigung bemerken, deren bloße Gegenüberstellung auch ihre Sinnlosigkeit beweist. In denjenigen Ländern, wo die Juden im staatsbürgerlich-politischen Sinne nichts anderes sind und sein wollen, als Deutsche, Engländer, Franzosen, Italiener usw., fabeln die antisemitischen Demagogen von den furchtbaren Geheimnissen der goldenen Internationale", von dem mächtigen, unterirdischen Einfluß, den gruseligen Absichten der jüdischen Gesellschaften, die angeblich darauf hinarbeiten, die Macht des Judentums immer mehr auszubreiten und die Völker Europas in ihre Abhängigkeit zu bringen. Der Alliance Israelitc Universelle, die doch heute nichts anderes mehr ist, als ein französischer Schulverein, werden in dieser Hinsicht die geheimnisvollsten Pläne untergeschoben. Wo aber die Juden offen und rückhaltlos ihre jüdisch-nationalen Interessen verteidigen, werden sie plötzlich zu Agenten irgend einer Macht gestempelt, deren Vorkämpfer sie sein sollen. Das ist die Methode, durch die gewisse Interessenten ihre Absichten in Konstantinopel zu fördern hofften. Es konnte nicht ausbleiben, daß sich in der jungen Türkei, die von außen bedroht und von inneren Kämpfen durch tobt wurde, politisch unreife Elemente fanden, die diese vom Ausland importierte Methode übernahmen und für die inneren Parteikämpfe auszubeuten suchten. Die lächerlichsten Anschuldigungen wurden erhoben, und auch jetzt noch findet sich von Zeit zu Zeit irgendein armseliger Skribent, der durch sensationelle „Enthüllungen" über den Zionismus und die geheimen Absichten der Juden im politischen Geschäft seinen Vorteil zu finden hofft. Mögen die Juden ihre eigenen nationalen Ziele mit aller Offenheit darlegen, mögen die Zionisten, die doch über den Verdacht erhaben sein sollten, andere als rein jüdische Interessen zu verfechten, mit allem Nachdruck darauf hinweisen, was sie in Palästina erstreben und welche Vorteile daraus für alle Beteiligten erwachsen — immer wieder sind Elemente am Werk, die unsere Absichten entstellen und zu erzählen wissen, wie all das nur Vorwände seien, wie hinter diesen vorgeschobenen Absichten ein fremder Wille stehe, der, „geheimnisvoll am lichten Tag", sich der Juden für seine Zwecke bediene. . . . Die Verleumdungen solcher Art sind dumm, ebenso dumm, wie das Märchen von den Ränken der Alliance. Wer täglich von Verschwörungen faselt, die doch nie ans Licht treten, wird nach einiger Zeit in seiner Bosheit oder Narrheit erkannt. Aufklärung der öffentlichen Meinung, scharfe Zurückweisung der Verdächtigungen kann auf die Dauer ihre Wirkung nicht verfehlen. Aber trotz aller Dummheit haben diese Arten der Judenhetze doch Methode. Sie beuten bestehende Vorurteile aus. Die Vertreter der einen wollen sich politisch wichtig machen, indem sie das uralte Mißtrauen gegen den internationalen Zusammenhang der Juden künstlich steigern. Die Vertreter der anderen wollen ihre politischen Gegner diskreditieren, indem sie ausstreuen, alle jüdisch-nationale Arbeit sei von jenen Gegnern inszeniert, die damit eigene Pläne zu verdecken suchen. Ohne jede halbwegs plausible Begründung waren jedoch die antisemitischen Treibereien in Italien anläßlich des tripolitanischen Feldzuges. In Italien, wo die Zahl der Juden verschwindend klein ist, und bislang von Antisemitismus nichts zu spüren war, wüteten die Regierungsblätter plötzlich gegen die „Judenpresse" aller Länder, die aus „Börsenrücksichten" den glorreichen Feldzug in Tripolis nicht gebührend würdige. Nun sind Börsianer freilich Leute von unkriegerischer Gesinnung. Aber welch' Irrtum, welch' traurige Selbsttäuschung liegt in dem Glauben, die einmütige Verurteilung des italienischen Vorgehens in der liberalen Presse habe etwas mit „Börseninteressen" zu tun. Ohne irgendwelche sinngemäße Begründung, nur von dem heißen Wunsche getrieben, für die eigene Torheit einen Prügelknaben zu finden, stürzten sich die italienischen Blätter auf das — ach so harmlose! — Judentum der liberalen Redakteure. Alle diese Beispiele, die neueren wie die älteren, enthalten nichts LIeberraschendes. Alle diese Methoden stammen nicht von heute. Aber zu keiner Zeit wurden

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