Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 48 (1.12.1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Der Hebräer! (Von unserem Der Hebräertag ist über alle Erwartung ausgefallen. Was wir nicht in unseren kühnsten Phantasien zu erträumen wagten, haben wir miterlebt. Delegierte in der Zahl von 507, wovon 380 aus zahlreichen Städten zweier Länder, obendrein über 200 Gäste füllten den Saal. Es war eine imposante Versammlung des zum Leben erwachenden galizischen Judentums. Lange genug klang es um uns her, daß die Schaffenskraft desjenigen Judentums, das einen Krochmal, Erter, Letteris der jüdischen Wissenschaft schenkte, erlahmt ist. Vorbei sei es mit der geistigen Regsamkeit in Galizicn und der Bukowina, sagten Freunde und Feinde, die ersten mit Bedauern, die zweiten mit offener Schadenfreude. Und doch war es gerade Galizien, wo der erste hebräische Kongreß tagte, der durch die Zahl seiner Anteilnehmer, die Begeisterung aller Anwesenden, den Reichtum seines Inhaltes, die Höhe der Debatten, und nicht zumindest durch sein klassisches Hebräisch ein prachtvolles Bild einer mächtigen geistigen hebräischen Strömung lieferte. Unsere Kraft, bis jetzt verborgen, unerkannt und ungeahnt, wartete seit langem auf glas erlösende Wort. Dem "Hebräertage gebührt die Ehre, diese schlummernden Kräfte entfesselt zu haben. Daß uns, den jungen Leitern des jungen hebräischen Schulvereins, die Proklamierung dieses Zauberwortes zukommt, ist unser Glück und unser Stolz, beweist aber eben, daß die Idee des Hebräertages nicht am grünen Tische des weltentrückten Träumers, sondern im heißen alltäglichen mühseligen Kampfe um die heiligsten Güter der jüdischen Seele gezeugt und geboren wurde. — Es war der erlösende Kriegsruf staubbedeckter Krieger. Daß sein Echo mächtig zurückhallte, tausend Stimmen wachrief, tausend Arme stärkte, ist der schönste Erfolg des Hebräertages. Der erste Tag. Bereits lange vor der feierlichen Eröffnung war der große Jad-Charuzim-Saal überfüllt. Es herrschte Sabbatstimmung. An den Wanden in großen sichtbaren Lettern die Losungsworte der Einberufer: „Ohne hebräische Sprache keine Thora, ohne Thora kein jüdisches Volk"; „Belebet die Sprache der Väter, denn sie enthält das Geheimnis unserer nationalen Auferstehung", und über den Bildern hebräischer Dichter und dem Bilde Herzls seine Worte: ,,Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen". — Was wir im Saale vor uns hatten, war wirklich ein Märchen. Altersgraue Kaftanjuden und Mittelschüler, Schriftsteller, Journalisten, Lehrer neben Hochschülern, Damen, Schülerinnen, Menschen aller Schichten, Berufe, aller Parteien. — Die Vertreter der extremsten Orthodoxie und die jugendlichsten Freigeister, die Repräsentanten des zionistischen Central-Comites und die Delegierten der Lernberger Kultusgemeinde, die heißesten Landespolitiker und die Sendlinge des Bnei-Brith. So etwas haben wir noch nicht erlebt. Die feierliche Stimmung wurde nur durch Hedadrufe und Akklamationen unterbrochen, die neu angekommenen, unerwarteten Gästen galten. — Lebhaft bemerkt wurden die hiesigen Rabbiner Dr. Karo und Dr. G u t m a n n. Dr. T h o n und S a m u e 1 i wurden freudig begrüßt, und unser teurer Gast, Herr Dr. S c h m a.r j a L e w i n , erregte durch sein Erscheinen einen Sturm von herzlicher Freude. Der Hebräertag begann. — Er wurde von Dr. Philipp Korngrün, dem Präsidenten des hebräischen Schulvereins, in einer kurzen, ernsten Rede um zwölf Uhr mittags eröffnet. Redner gab der tiefen, freudigen Rührung Ausdruck, die alle heute beseelt. Es ist der erste Tag, an dem wir unsere bescheidenen Verstecke verließen, unsere Kraft und Macht der ganzen Welt zu zeigen. Wir haben keinen Grund, uns im Hintergrunde zu halten. Die hebräische Sprache, die in uns lebt, hat ein Recht, zu leben, die Kräfte, die in uns schlummern, ein Recht, sich zu entig in Lemberg Berichterstatter.) falten. Zweck des Hebräertages ist, die ungeahnte Energie in wirkliche Tat umzuwandeln. Schon die Tatsache des Hebräertages ist ein Sieg, eine Demonstration ersten Ranges. Der Hebräertag hat aber schwere Arbeit zu leisten, nicht nur zu demonstrieren. Vor allem gilt es, eine einheitliche Organisation zu schaffen, die Schulen zu sichern, die Lehrer zu "bilden und zu unterhalten, Institutionen zu erweitern oder neu zu bauen, Arbeit von Jahrzehnten zu leisten. — Der Hebräertag ist der Anfang einer neuen Epoche. Einem Tage der Hebräer sollen und werden Jahre hebräischer Kulturarbeit folgen. — Nach dieser Rede wurde zum Präsidenten der Versammlung Dr. Osias Thon gewählt, der dann den Repräsentanten der angemeldeten Organisationen das Wort zur Begrüßung erteilte. Es sprachen die Rabbiner Dr. Karo und Dr. G u t m a n n im Namen der Lemberger Bnei-Brithloge, Dr. Spindel im Namen des galizischen Central-Comites, Herr Mühlbauer im JNamen der einzigen galizischen hebräischen Studentenverbindung „Heathid", Herr Bikel im Namen des Bukowinaer Zionistischen Landes-Comites, Herr F r e n k als Vertreter der „Hazephira" und Dr. Schmarjahu L e w i n als Repräsentant unserer höchsten Behörde, der unter stürmischem Jubel der Versammlung die tiefen Zusammenhänge zwischen unserer hebräischen Bewegung im Golus und den unaufhörlich wirkenden Quellen unseres nationalen Wesens in meisterhaftem Hebräisch entrollte. — Dann sprach Dr. Osias Thon über die Entwicklung der hebräischen Sprache und Kultur in Galizien im Laufe des letzten Jahrhunderts. Galizien war am Anfange des XIX. Jahrhunderts das klassische Land der hebräischen Kulturkämpfe, verlor aber im Laufe der Jahre seine Stellung an Rußland. Deutschland gebar dem hebräischen Geiste nichts, weil es den dortigen Juden zu gut ging, Galizien schenkte ihm keine Kinder, weil es uns zu schlecht erging. Auch weil wir durch alle die Jahrzehnte weder ganz freie Männer noch ganze Knechte gewesen. Wenn wir aber auch nichts gegeben haben, so haben wir ehrlich genommen und gelernt. Rußlands hebräischer Denker und Schriftsteller, Palästinas glühender Eifer und quellendes Leben — das waren unsere Lehrer. Jetzt kommt die Zeit, wo wir auch zu Schöpfern werden wollen. Der Hebräertag soll den Anfang einer neuen Epoche bilden. Vor Schluß der ersten Sitzung wurden die wichtigsten der über 150 Begrüßungsschreiben und Depeschen vorgelesen. Starken, nicht endenwollenden Beifall riefen herzliche Worte hervor, die Israels beste Geister, wie Bialik, Schmelkes, U s s i s c h k i n , Motzki-n, S o k o I o w , Löwe, Hur w i t z und andere aus wcüer Ferne sandten. — Hedadrufe und das Hatikwahlied schlössen die erste Sitzung. — Die Nachmittagssitzung begann nach Erledigung des Einlaufes mit dem Referate des Herrn Dr. Israel Rath über „die Organisation der Hebräer Galiziens und der Bukowina". Wir haben drei Organisationen in unserem Lande, die galizische Abteilung der Berliner Histadruth, den hebräischen Schulverein und den hebräischen Lehrerverband. — Unser organisatorisches Problem heißt, jede der drei Organisationen nach Möglichkeit zu stärken und eine Einigung aller durchzusetzen. Redner befaßte sich dann mit den Einzelheiten dieses Aufbaues und stellte der Versammlung konkrete Anträge zur Beschlußfassung. Ihm folgte das Referat des Herrn Dr. Chaim Tartakower über „die hebräische Volkserziehung", welches in schöner Form die Geschichte der alten hebräischen Volkserziehung entwarf, die Tatsache des engen Zusammenhanges zwischen dem jüdischen Leben und der hebräischen Sprache am Anfang der Aufklärungszeit betonte, die Zeiten der kritischen Uebergangsperiode schilderte und mit tiefen, ernsten Betrachtungen über das Verhältnis unserer hebräischen Volkserziehung zur Religion und mit konkreten Anträgen betreffs des Inhaltes unserer hebräischen Volksschulbildung schloß. In der darauffolgenden Debatte, die einen sehr lebhaften Verlauf nahm, wurden die von den Referenten vorgelegten Anträge und Resolutionen unter stürmischem Beifall angenommen und der erste Tag geschlossen. Als wir den Saal verließen, bemerkten wir erst, daß alle Fenster der großen Bernsteingasse, die fast nur von Juden bewohnt wird, festlich illuminiert waren. Es war licht und fröhlich bei den Juden Lembergs, dem Hebräertage zu Ehren. —