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Die Welt · 1911-11-24 · 47 (24.11.1911) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 47 Dann raffte sidi! die Alte auf und eilte noch einmal in den Sturm hinaus. Der Wind stieß sie vorwärts und bewarf sie mit Kot und Regentropfen. Sie eilte zum Wäldchen vor der Stadt. Gewiß sind sie dort spazieren gegangen, und sie wird ihnen im Wirtshaus oder sonstwo begegnen. Auf der Dorfstraße, die ins Freie führte, hörten die Hunde ihre schnellen Schritte und begannen aus den Hütten, wohin sie sich verkrochen hatten, laut zu bellen. Aber die Alte achtete nicht darauf, sondern sah immer vor sich auf den Weg, der zum Wäldchen führte. Im Freien wütete der Sturm noch stärker. Der Weg war mit zerbrochenen Zweigen bedeckt und auch einige entwurzelte Bäume lagen da. Plötzlich1 hielt die Alte inne. Einige Schritte vor ihr lagen zwei Mensdhen auf der Erde, die vom Blitz getroffen waren. Die Gesichter der Toten waren kohlschwarz. Die Frau erkannte ihre Tochter. Die Hand des Mädchens lag unter dem Arm des jungen Mannes. Die Frau wollte einen Fludh ausstoßen. Ihre Augen leuchteten fieberhaft, und sie wollte ihrem Herzen Luft machen und laut herausschreien, daß das Mädchen dieses Ende verdient hatte. — Doch plötzlich sank ihr Kopf auf die Brust herab. Ihre Augen wurden matt und glanzlos, ein Zittern ging durch ihren Körper, und eine Müdigkeit übermannte sie, daß sie sich kaum auf den Füßen halten konnte . . . Der Donner grollte, Blitze zuckten und der Sturm heulte — aber im Innern der alten Frau war es ganz still geworden. Sie ließ sich vor der Leiche ihrer Tochter auf die Knie nieder, breitete ihre zitternden Hände über die Tote und stöhnte mit heiserer, klangloser Stimme: „Henietschka! Mein Töchterchen . . .!" Bücherbesprechungen Kleiner Reiseführer durch Palästina für jüdische Touristen. Herausgegeben vom Palästina-Informationsbureau, Wien. Mit einer Karte. Preis 1 Kr. Wien, im Selbstverlag, IX. Türken- Straße 9. Ein kleines billiges Heftchen von nur 44 Seiten, das aber wegen der wichtigen Funktionen, die es erfüllen soll, einer ausführlichen Besprechung wert erscheint. Es füllt tatsächlich eine Lücke aus, die sich den meisten Palästinareisenden bisher recht fühlbar gemacht hat. Da man bei dieser Reise unbedingt zur Orientierung eines Handbuchs (Baedeker oder Meyer) bedarf, so war der Reisende, der sich nun auch bezüglich der jüdischen Kolonisation auf die Angaben des Baedeker stützen wollte, zahlreichen Irrtümern, schiefen Auffassungen und falschen Schlüssen ausgeliefert. Zunächst erscheint der Baedeker nur selten in neuer Auflage, so daß die Angaben quoad Judaica meist veraltet sind. Aber selbst der in jüdischen Palästinadingen wohl unterrichtete Reisende vermißte geographische und touristische Angaben über die Kolonien und mußte sich, wenn er die Kolonien besuchen wollte, die Touren mühsam zusammenstellen, da die Baedekertouren den Bedürfnissen des christlichen Reisenden angepaßt sind. Wer aber gar über die jüdischen Dinge nicht von Hause aus orientiert war, dem konnte es passieren, daß er an der Hand des Baedeker Palästina durchstreifte, ohne eine jüdische Kolonie besichtigt zu haben. Ueber Gebühr werden in diesem Handbuch alle jüdischen Kulturleistungen vernachlässigt, die wenigen kurzen Bemerkungen hierüber versinken in einer Flut von Angaben über die Stätten der christlichen Legenden und unwichtige Einzelheiten, bedeutende jüdische Kolonien bleiben ungenannt, andere werden mitten unter unbedeutenden und schmutzigen Araberdörfern, deren Besuch nicht lohnend ist, erwähnt — kurz, einer Information über die Juden und die jüdischen Leistungen ist jede Voraussetzung genommen. Nun ist zwar von Trietsch das bekannte Palästinahandbuch erschienen, und es wird sich empfehlen, es in Palästina fleißig zu benutzen. Indessen ent- 1265 hält es eine größere Anzahl Kapitel, die für den Reisenden entbehrlich sind, es stellt auch ein Buch von beträchtlichem Umfang dar und ist wohl überhaupt mehr als ein Nachschlagebuch für den Hausbedarf gedacht. Das obige Heftchen dagegen, mit dessen Herausgabe sich die fleißigen Wiener Herren ein Verdienst erworben haben, läßt sich in den Baedeker einlegen oder einheften und stellt in gedrängtester Kürze und recht übersichtlich alles für den jüdischen Reisenden Wissenswerte zusammen. Auch einzelne Angaben, die nicht streng hier hineingehören (Reiseverbindungen, Ausrüstung, Zeit, Kosten usw.) werden jedem sehr willkommen sein. Der jüdische Reisende kann unter Führung dieses Heftchens Palästina mit größerem Nutzen bereisen, als unter der des Baedeker. Wenn er mit der Zeit zu geizen hat, so wird er sich nicht mehr mit der Erfragung der passenden Anschlüsse und Verbindungen zu plagen haben, sondern wird sich mühelos die der Reisedauer angemessene Tour auswählen können, bei der er unter bester Ausnutzung der Fahrgelegenheiten möglichst viel des Sehenswerten besichtigen kann. Sehr angenehm ist die Beifügung kleiner Tabellen über Kolonisation und Kolonien, eines Registers und einer Karte. In einer zweiten Auflage wären allerdings verschiedene Verstöße gegen die Schreibweise hebräischer Wörter auszumerzen, wie sie sich auf Seite 21 und in größerer Zahl auf der Karte finden. Hier ist die Schreibweise der Ortsnamen inkonsequent, zuweilen fehlerhaft. — Die Zahl der Zionisten, die eine Reise nach Palästina für eine unerläßliche Pflicht gegen sich selbst halten, scheint im Wachsen begriffen zu sein. Vergesse keiner, das Heftchen auf die Reise mitzunehmen. Sdl. * Skizzen und Studien zur Geschichte der Juden in Polen. Von Dr. Majer B a 1 a b a n. Berlin 1911. Louis Hamm. Das vorliegende Werkchen liefert sehr wertvolle Beiträge zur Geschichte der Juden in Polen, wertvoll weil es uns vertraut macht mit einer ganzen Reihe historisch wichtiger Personen und Ereignisse, von denen wir bisher keine oder nur unvollständige Kenntnis hatten, wertvoll aber auch, weil es uns lehrt, Volkssagen und Legenden wissenschaftlich zu ergründen, ihren historischen Kern herauszuschälen. Man lese z. B. nur die vorzügliche Studie über den sagenhaften polnischen Eintagskönig Saul Wahl oder über den Prozeß der Lemberger Judengemeinde mit den Jesuiten um die Synagoge und die daraus entstandene Legende von der goldenen Rose, in deren Mittelpunkt die 1637 verstorbene hochherzige Rosa Nachm a n o w a steht. In dem Buche sind in sehr anziehender Weise folgende Skizzen enthalten: 1. Isaak Nachmanowicz, ein polnischer Jude aus dem 16. Jahrhundert, 2. Die Portugiesen in Lemberg und Zawosz, 3. Die Steuerexekution, 4. Dichtung und Wahrheit über den Eintagskönig von Polen Saul Wahl, 5. Der Schwedenfähnrich, 6. Offizielles Protokoll der Frankistendeputation in Lemberg, 7. ein Autodafe in Lemberg im Jahre 1728, 8. Die Brüder, Abraham und Michael Esophowicz, Ritter von Leliwa, 9. Ein Prozeß der Lemberger Judengemeinde mit den Jesuiten 1603—1608, 10. Die Sicherheit im Lemberger Ghetto. — Fast alle Skizzen Balabans beruhen auf archivarischen Forschungen; er eröffnet damit dem jüdischen Historiker eine aussichtsreiche Perspektive über den Reichtum der polnischen Archive an Judenakten aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Hoffentlich setzt Balaban seine Skizzen bald fort. Prag. S. H. Lieben. Aufruf Der nachstehende Aufruf geht uns mit der Bitte um Veröffentlichung zu: Jüdische Schwestern und Brüder! Am Montag, den 27. November (6. Kislew) d. J., dem Todestage des verewigten Dr. Hirsch Hildesheimer, wird über dem Grabe dieses der ganzen Judenheit teuer gewesenen Mannes sich ein Gedenkstein erheben. An seinem Hügel werden sich Freunde und Schüler versammeln, um dem allzufrüh Dahingeschiedenen Worte der Liebe und treuen Gedenkens zu widmen. Sich der unvergleichlichen Verdienste des großen Toten um seine Zeitgenossen und die kommenden Geschlechter dank-

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