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Die Welt · 1911-11-24 · 47 (24.11.1911) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
47 (24.11.1911)
Date
1911-11-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 47 DIE^EELT 1263 Dr. Zlocisti gab dann eine temperamentvolle Schilderung der Entwicklungder russischen Judenpolitik und der Maßnahmen, welche die Bureaukratie zur Unterdrückung der Juden traf, in einem Jahr mehr und strenger, im anderen weniger und milder, aber verstummt ist darum der Pogrom nie. Er schloß daran eine Betrachtung der Ursachen und der Schuld der Pogrome (nicht in Rußland erfunden: „Die Berliner Bewegung": Stöcker, Dühring, Treitschke usw.). Mit dem Hinweis, daß, wenn selbst in fortschrittlichen Ländern wie in England ein Pogrom möglich sei, noch heute der allgemeine Judenpogrom nicht erloschen sei, und daß nur Treue zum Judentum, Einigkeit und organisatorischer Zusammenschluß eine Gewähr gegen eine Verschlimmerung bieten könne, schloß der Vortrag. Langanhaltender, nicht endenwollender Beifall dankte dem Redner, der zum ersten Male seit 7 Jahren wieder vor eine große öffentliche Versammlung trat, für seine Ausführungen. Der Vorsitzende des N. J. G. .V, Herr Rechtsanwalt Dr. Klee, sprach im Anschluß an den Vortrag Dr. Zlocistis eingehend über die Aufgaben, die der großen Berliner Jüdischen Gemeinde angesichts solcher Dinge zufielen. Wenn in „Ost und West" der „Ruf zur Tat" erschollen sei, also eine Weiterbildung des Gedankens, der Wolffsohn zur Einberufung der Brüsseler Konferenz seinerzeit veranlaßt habe, so sei niemand mehr geeignet als die große jüdische Berliner Muttergemeinde, ein solches Werk in die Hand zu nehmen. Ihr Ansehen und ihre Autorität müßte sie in die Wagschale werfen, um den Zusammenschluß der großen jüdischen Organisationen zur gemeinsamen Arbeit im Dienste der Gesamtjudenheit zu erreichen. Wir brauchten eine Organisation der Organisationen, um nicht nur bei katastrophalen Ereignissen, sondern immer bereit zu sein, die Machtmittel des Judentums in die Wagschale zu werfen. Gegen die Pogrome gäbe es nur eins: Rechtzeitig die europäische Oeffentlichkeit aufzuklären und dafür zu sorgen, daß die Regierung, die die Pogrome veranstaltet, nicht finanzielle Unterstützung aus dem übrigen Europa erhält. Darüber hinaus aber brauchten wir eine Zentrale, die liebevoll alle kulturellen Ansätze des Gesamtjudentums überwacht, unterstützt und entwickelt. Einigkeit, nicht Zersplitterung! Aus der Diskussion heben wir die treffende Antwort hervor, die Herr Dr. Isaak Zwirn auf die Anfrage des Herrn S e g a 11, wie die Pogrome auf das Seelenleben der Juden gewirkt haben, gab. In ausgezeichneten Worten, ständig unterbrochen von rauschendem Beifall, sprach zum Schluß Herr Motzkin. Er dankte dem Neuen Jüdischen Gemeindeverein, daß er, dem Grundsatz treu, daß nichts Jüdisches ihm fremd sei, die Frage zur Erörterung gestellt hat. Eine solche Erörterung habe nicht nur Wert nach innen, sondern auch Wert nach außen, denn es sei richtig, wenn Dr. Klee hervorgehoben habe, daß das Aufrütteln der europäischen Kulturwelt das einzige Mittel sei, diese scheußlichen Greuel zu verhüten. Herr Motzkin gab ein lebendiges anschauliches Bild von den Ursachen und der Entwicklung der russischen Judenfrage in den letzten 20 Jahren und skizzierte insbesondere die Ursachen, den Verlauf und die Wirkung der letzten großen Pogrome. Die Versammlung stand sichtbar unter dem tiefen Eindruck seiner Ausführungen. Sitzung der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance Israelite Sonntag, den 19. November d. J., fand in Berlin eine Sitzung der deutschen Konferenzgemeinschaft der A. J. U. statt. In derselben berichtete der Vorsitzeride über Vermittlungsvorschläge, die Herr Justizrat Blau- Frankfurt a. M. in Paris unternommen hat In der Debatte kam allgemein der Wunsch nach einer Verständigung zur Sprache, gleichzeitig aber auch die entschiedene Ansicht der Versammelten, den Pariser Kooptationsantrag nicht zu akzeptieren. Es wurde beschlossen, einen Brief nach Paris zu richten und darin der Bereitwilligkeit zu Verhandlungen unter der Voraussetzung Ausdruck zu geben, daß der Kooptationsvorschlag vorläufig nicht weiter verhandelt werde. Ausländerhetze in Paris Seit kurzem hat die Agitation gegen die in Paris ansässigen osteuropäischen Juden von neuem eingesetzt. Die aus Rußland, Galizien und Rumänien eingewanderten Juden bewohnen meist einige Straßen im vierten Arrondissement, in der Nähe des Rathauses. Hier ist im Laufe der Zeit ein eigenes Ghetto entstanden, wie man es in vielen westeuropäischen Großstädten kennt. Diese ausländischen Juden sind meist Handwerker und Kleinhändler und leben in recht ärmlichen Verhältnissen. Einzelne unter ihnen haben es jedoch zu einigem Wohlstand gebracht und infolgedessen den Konkurrenzneid der christlichen Geschäftsleute wachgerufen. Schon vor zwei Jahren sind in einzelnen nationalistischen Blättern gehässige Angriffe aut die „ausländischen Einwanderer" erschienen. Damals trat die christliche Schriftstellerin Severine diesen antisemitischen Ausfällen in dankenswerter Weise entgegen, während eine Abwehr von jüdischer Seite nicht erfolgte. Neuerdings hat nun der Verband der selbständigen Kaufleute und Gewerbetreibenden im vierten Bezirk eine Eingabe an den Ministerpräsidenten C a i 11 a u x gerichtet, worin die Regierung ersucht wird, Maßnahmen gegen die Einwanderung unerwünschter Elemente zu ergreifen. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß unter den „unerwünschten Elementen" in erster Reihe die armen osteuropäischen Juden zu verstehen sind, die im freien Frankreich eine Zufluchtsstätte und Gelegenheit zu redlichem Broterwerb suchen. Merkwürdigerweise stehen die „offiziellen" Kreise der Pariser Judenheit dieser ganzen Hetze, deren antisemitischer Charakter doch klar zutage liegt, völlig gleichgültig und untätig gegenüber. Katholischer Religionsunterricht iti Budapest Inder sechsten Klasse der Budapester städtischen Volksschule in der Toldigasse erteilt der Kaplan Franz Ferencz den katholischen Religionsunterricht. Als jüngst der staatliche Schulinspektor dem Religionsunterricht beiwohnte, war er Zeuge des folgenden originellen Frage- und Antwortspiels: Der Religionslehrer: „Mein Sohn, kannst du mir sagen, was der Zionismus ist?" — Der Schüler: „Das Streben der Juden, einen eigenen Staat zu gründen." — „Wo wollten sie diesen Staat gründen?" — „In Palästina." — „Ist ihnen dies gelungen?" — „Nein." — „Was haben sie also getan?" — „Sie wollten ihren Staat in Ungarn errichten." — „Und ist ihnen dieser Versuch geglückt?" — „Beinahe wäre e r i h n e n geglückt, aber die glaubenstreuen Katholiken taten sich zusammen und vereitelten das Vorhaben der Juden!" Die Schule, in der die katholische Religion auf diese Weise geleTirt wird, ist, wie gesagt, eine von der Haupt- und Residenzstadt Budapest unterhaltene Anstalt. Zu den Budapester Kommunalsteuern tragen aber die 180 000 Juden mindestens 40 y0 bei! Ein neues jüdisches AUenheim in New York Vor kurzem wurde in New York die neue Altersversorgungsanstalt des VerbandesgalizischerundBukowinaer J ud e n im Beisein behördlicher Vertreter und der angesehensten Kreise der jüdischen Gesellschaft feierlich eingeweiht. Die Anstalt entspricht den weitgehendsten Forderungen der Hygiene und stellt ein monumentales Werk neuzeitlicher Baukunst dar. Die Kosten des Baues belaufen sich aut mehr als 100 000 Dollar. Die Anstalt wird ausschließlich aus Spenden und Jahresbeiträgen galizischer und Bukowinaer Juden in Amerika unterhalten, die auch die Baukosten größtenteils im eigenen landsmannschaftlichen Kreise aufgebracht haben. /?= l£*S. SPRECHSAAL O =^=^1 Wir erhalten folgende Zuschrift: Zu dem Berichte in Ihrer letzten Nummer über die Sitzung des großen Actions-Comites zu Berlin bitte ich um folgende Richtigstellung: 1. Ich habe nicht gesagt, daß insbesondere die Oelbaumspende nicht kaufmännisch genug verwaltet wird. Diese kam in meinen Ausführungen nur als erste an die Reihe; dann aber habe ich viel mehr, u. a. auch die Geschäftsführung der P. L. D. C. und des Bezalel, einer sehr ernsten Kritik unterzogen. 2. Ich habe ausdrücklich betont, daß meine Kritik bezweckte, dazu beizutragen, die Arbeit in Palästina aut eine sichere Grundlage zu stellen. Wenn Sie aus meinen Ausführungen nur entnehmen, daß ich nicht beabsichtigte, Opposition gegen Arbeit in Palästina im Allgemeinen zu machen, so gibt dies den Lesern nicht das richtige Bild von dem, was ich gesagt habe. Mit verbindlichem Dank für die Aufnahme, zeichne ich mit Zionsgruß Hochachtungsvoll J. H. Kann.

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