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Die Welt · 1911-11-10 · 45 (10.11.1911) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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1200 lE^ELT No. 45 - -.<» gehalten: Reichstagsabgeordneter Gothein sprach über „Offenen und versteckten Antisemitismus" und Landtagsabgeordneter Funck über „Das Judentum im Kultur- und Wirtschaftsleben Deutschlands4'. Hervorragend war keines der Referate, weder inhaltlich noch der Form nach; das erste wenigstens rhetorisch recht wirksam, das zweite auch nach dieser Richtung unbedeutend. Beide Referate boten nichts handelte die alten, bis zum Ueberdruß über die Zurücksetzung der Juden im Neues; das erste bewiederholten Klagen Heere, Beamtentum usw., das zweite brachte den ebenso oft wiederholten Nachweis, daß die deutschen Juden auf allen Gebieten des geistigen und wirtschaftlichen Lebens eine große Rolle spielen usw. usw. Dabei unterließ es natürlich Herr Funck nicht, zu betonen, daß die Juden ihre Rechte als Staatsbürger fordern dürften, im übrigen aber sich restlos dem Deutschtum assimilieren müßten, und gab ihnen den Rat, diese Assimilation nach Möglichkeit zu beschleunigen. Der liberale Politiker ging sogar so weit, die getauften Juden als zum Judentum gehörig zu zählen, wogegen sich dann Justizrat Blau in der Diskussion wandte, der erklärte, daß das Judentum zwischen sich und den Täuflingen eine scharje Scheidegrenze ziehen müßte. Was diesmal an der Generalversammlung und den Reden der zwei liberalen Politiker besonders auffiel, waren die stellenweise stark übertriebenen Lobeshymnen, mit denen sie die deutsche Judenheit förmlich überhäuften. Zwischen diesen Schmeicheleien uns Juden gegenüber und den bald folgenden Reichstagswahlen eine Verbindung herzustellen, lag recht nahe. Als aber in der Diskussion ein Redner dieses Gefühl zum Ausdruck brachte und rundweg erklärte, die Liberalen lobhudelten den Juden, um ihre Stimmen bei den Wahlen zu gewinnen, gab es eine furchtbare Entrüstung. Die Mitglieder des Vereins lärmten und protestierten, die Herren am Vorstandstische steckten den Kopf zusammen, doch statt der erwarteten Erwiderung wurde dem Redner das Wort entzogen. Ob die Meinung des Herrn berechtigt war oder nicht, ist gleichgültig; daß aber diese Wortentziehung weder vornehm noch klug war, ist ohne weiteres klar. Sonst bot die Diskussion ebensowenig interessante Momente wie die zwei Referate. Der Jahresbericht wurde genehmigt, der Vorstand per Akklamation wiedergewählt, und die Generalversammlung war zu Ende. Viel bedeutsamer und ernster war das andere Ereignis, das sich eine Woche später abspielte: jdie Konferenz zwecks Gründung eines Weltverbandes der Orthodoxie, der „Agudath Israel". Bekanntlich reichen die Versuche zur Gründung einer solchen Organisation schon mehrere Jahre zurück, und befanden im nahegelegenen Homburg maßgebender Persönlichkeiten der deut- Orthodoxie statt, die über diesen Plan berieten. Aber erst jetzt, nach dem X. Zionistenkongreß und seinen Kulturresolutionen, ist in weiten orthodoxen Kreisen reger Eifer und Interesse für diesen Plan erwacht, ein Interdas sich in der orthodoxen Presse lebhaft kundgab, vielen Einzelkonferenzen und* Verhandlungen, die die ganze Zeit über stattfanden, wurde nun für letzten Sonntag nach Frankfurt eine Versammlung maßgebender orthodoxer Persönlichkeiten aus ganz Deutschland einberufen, die den ganzen Tag währte. Ueber den Verlauf der Verhandlungen und die Beschlüsse, die gefaßt wurden, läßt sich nichts Sicheres erfahren, da die Konferenz hinter verschlossenen Türen tagte, kein Vertreter der Presse Zutritt erhielt und alle Teilnehmer zu absolutem Stillschweigen verpflichtet wurden. Doch wird der Presse demnächst ein Communique über die ganze Angelegenheit zugehen, so daß wir ja nähere Angaben erwarten dürfen. Nach den Aeußerungen der orthodoxen Presse Deutschlands und nach der Stimmung der hiesigen orthodoxen Kreise zu schließen, herrscht in weiten Kreisen der Orthodoxie das lebhafteste Interesse, teilweise sogar Begeisterung für die neue Organisation, und es wäre sehr zu bedauern, sollte diese Begeisterung und die Energien, die in ihr enthalten sind, unbenutzt bleiben und in Nichts zerfließen. Die Gründung einer solchen Organisation wäre als erstes bedeutsames Zeichen vom Erwachen unserer Orthodoxie zu positivem Schaffen mit Freude zu begrüßen. Der Kernpunkt der Frage, der über den Wert dieser Organisation und unsere Stellungnahme zu ihr entscheiden wird, liegt' aber eben darin: Wird die neue Organisation wirklich einzig und allein bestrebt sein, positiv zu wirken oder wird sie ihre Aufgabe vielmehr in Kämpfen und Feindseligkeiten gegen andere Organisationen erblicken? Sollte letzteres der Fall sein, so würde die neue Organisation ohne Zweifel schädlich und zerreits vor 2i/o Jahren mehrere Konferenzen sehen und russischen esse, Nach setzend wirken, und wir hätten in ihr unsere Gegnerin zu erblicken. Aus den Artikeln der orthodoxen Presse über diesen Gegenstand und aus den Aeußerungen hiesiger orthodoxer Persönlichkeiten darf man indes den Schluß ziehen, daß die neue Organisation die Absicht hat, positiv, schöpferisch zu wirken. Nur so läßt sich die hier vielfach gehörte, eigenartige und charakteristische Parole erklären: Vor allem dürfen keine Rabbiner an der Spitze stehen, denn sie sind es, die meist den Zank und Streit hervorrufen! Wie man erzählt, war die Konferenz vom letzten Sonntag fast „rabbinerrein". Andererseits aber bildet die Persönlichkeit einzelner führender Männer, von denen der Plan ausgegangen ist und die an seiner Verwirklichung den regsten Anteil nehmen, ein ungünstiges Omen für den versöhnlichen, positiven Charakter der zu bildenden Organisation. Eine ungünstige Vorbedeutung liegt schon in dem hervorragenden Anteil, den Frankfurt an diesen Bestrebungen nimmt. Die Erfahrung lehrt, daß man in Frankfurt zu Extremen neigt; es wäre daher viel beruhigender gewesen, hätte die Konferenz nicht gerade hier getagt. Sollte der orthodoxe Weltverband wirklich ins Leben treten, so wird man jedenfalls Garantien verlangen müssen, daß die Führung in den Händen der gemäßigten, auf dem Boden der Einheit des Judentums stehenden Elemente ruht und der Geist Frankfurts nicht der vorherrschende wird. Nur dann könnten wir die Schaffung der ,,Agudath Israel" unsererseits begrüßen und den Arbeiten der neuen Vereinigung Erfolg wünschen. Wiener Brief (Von unserem Berichterstatter) Eröffnung der Mensa academica judaica Der erste und wichtigste Schritt zur Linderung unseres verschämten jüdischen Studentenelends ist getan. Am 1. Nov. wurde die Mensa academica judaica in der Pramergasse eröffnet. Seit März war ein tüchtiges Studentenkomitee eifrigst an der Arbeit und wußte einige bekannte Gönner und Freunde der jüdischen Studentenschaft — darunter die Schriftsteller Felix Saiten und Artur Schnitzler — für das Werk zu interessieren. An der würdigen Eröffnungsfeier nahmen das zionistische Distriktskomitee und Vertreter sämtlicher zionistischer Studentenkorporationen Wiens teil. Unter den Anwesenden sah man ferner den Obmann des Vereins „Jüdisches Studentenheim", Gg. Luzian B r u n n e r, kaiserlichen Rat Weil und Oberstabsarzt Zuckermann. Die Mensa besteht gegenwärtig aus zwei großen lichten Speiselokalen. Hoffentlich wird es die Wiener Judenschaft als Ehrenpflicht ansehen, das junge Unternehmen tatkräftigst zu fördern. Dr. Mossinsohn in Wien Es ist sehr erfreulich, daß die Wirkung, welche die Vorträge unseres palästinensischen Gesinnungsgenossen Dr. Mossinsohn ausübten, weit über den Kreis der zionistischen Parteiangehörigen hinausreicht. Zahlreiche Vorstände der israelitischen Kulrusgemeinde, insbesondere die* Herren Dr. Stern und Dr. Kohn, der jüdische Kol onisationsverein, sowie das Präsidium der Bene-Berith-Loge haben ihr warmes Interesse für das hebräische Gymnasium in Jaffa werktätig bekundet. Die jüdisch-akademische Verbindung „K a d i m a h" veranstaltete zu Ehren Mossinsohns einen Abschiedsabend, der erhebend verlief. Eine politische Organisation in der Leopoldstadt Nach den Reichsratswahlen im Juni, die uns nicht nur moralische, sondern auch zahlenmäßige Erfolge brachte, — unser Kandidat Ing. Stricker vereinigte doppelt soviel Stimmen auf sich, wie Dr. Mittler, der Mann des deutschliberalen „Donauklubs" — blieb das Leopoldstädter Komitee bewußt-jüdischer Bürger in Permanenz und hielt fortlaufend Zusammenkünfte ab. Diese Gruppe, der es sich eben nicht, wie 'den üblichen Leopoldstädter „Wahlkomitees", um Mandatsergatterung, sondern um Regeneration des jüdischen Volkes und um seine Erlösung aus den Krallen der gefährlichen, fremdnationalen Politik gehandelt hatte, gründete nun-

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