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Die Welt · 1911-10-27 · 43 (27.10.1911) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1134 DJESggELT No. 43 Aufruf des Misrachi An unsere Gesinnungsgenossen! Der X. Kongreß hat beschlossen, daß in Zukunft die Kulturarbeit in den Rahmen der offiziellen Tätigkeit einbezogen werde. Dieser Beschluß entfachte in unseren Reihen einen Sturm der Erregung. Die Weihe der Festeszeiten jedoch mit ihrem reichen Inhalt versöhnender und ausgleichender Gedanken und Stimmungen mag uns nunmehr befähigen, leidenschaftsloser zu urteilen, gemessener zu betrachten, wo wir stehen, wohin wir steuern. Manche unserer Gesinnungsgenossen — und nicht die schlechtesten —, die unserem Ideal in treuer Arbeit gedient, erklärten die Verantwortung für eine gemeinsame Arbeit nicht weiter tragen zu können. Sie begründeten ihre Mitarbeit am zionistischen Werke mit dem Bestreben, lediglich ideale und wirtschaftliche Werte für das jüdische Volk zu schaffen. Die im September in Berlin tagende Konferenz hat die entscheidungsschwere Gewissensfrage eingehend erörtert und ist, wie bekannt, zu dem Ergebnis gekommen, daß es notwendig wäre, in der Gesamtorganisation zu verbleiben und dort auch in Zukunft die Interessen des gesetzestreuen Judentums mit aller Entschiedenheit zu vertreten. Bestimmend für diese Entscheidung war die Ueberzeugung der Mehrheit von der überwindenden Kraft unseres Bekenntnisses, von der sieghaften Gewalt des tausendfältig bewährten, fremde Kulturen, die Zeiten überdauernden, uralten und ewig jungen volkserhaltenden und volkserneuernden Thorageistes. Diese Zuversicht hat uns auf den selbstgewählten Posten gestellt und gibt uns die Kraft, auf ihm auszuharren. Kulturbestrebungen bilden einen Teil des Programms. Aber bisher waren sie frei in ihrer Entfaltung und Entwicklung. Nunmehr finden sie ihre Bindung und Schranke in gesetzlichen Bestimmungen. Der Kongreß hat beschlossen: „Der X. Zionistenkongreß gibt seinen Willen kund, daß in keiner der von der zionistischen Organisation geschaffenen Institutionen für Kulturarbeit irgend etwas unternommen werden darf, was der jüdischen Religion zuwiderläuft." Die Formulierung der Ausführungsbestimmungen dieser Resolution bildet den Inhalt von Unterhandlungen des Zentralbureaus mit dem Engeren Actions-Comite. Das vorläufige Ergebnis dieser Unterhandlungen erfüllt uns mit der Zuversicht, daß bei der Ausführung der Kulturaufgaben der Misrachi in Zukunft auf verständnisvolles Entgegenkommen rechnen darf, daß insbesondere bei dem geplanten Schulwerk der zionistischen Organisation das misrachistische Prinzip achtungsvolle Würdigung finden wird, wie sie es in einer wahrhaft jüdischen Bewegung beanspruchen darf und muß. In dieser Zuversicht wird der Misrachi die Kraft finden, sich in verstärktem Maße seinen besonderen Aufgaben kultureller Natur in Palästina zu widmen und durch positive Arbeit nivellierenden Bestrebungen im Bereiche der neuen Siedelung erfolgreich zu begegnen. Im Vertrauen darauf richten wir bei Beginn der Winterarbeit an alle unsere Gesinnungsgenossen die dringende Mahnung, den Misrachi und somit dem Zionismus treu zu bleiben. Enttäuschungen in der Vergangenheit dürfen uns nicht entmutigen, entbinden uns keineswegs von der heiligen Pflicht, nationales Wirken mit dem Geiste jüdischer Gesetzestreue zu durchdringen, religiöse Betätigung durch nationales Denken zu vertiefen. Dieses Hochziel erfülle uns mit dem ernsten Willen, den Misrachi zur Kraft und Macht zu gestalten. Aber auch an alle zionistischen Gesinnungsgenossen ergeht unser Ruf zum Anschluß an unsere Organisation, die im Prinzip mit uns einig, bisher fern geblieben sind. Von der Möglichkeit und Notwendigkeit einer Entwicklung vom Nationalen zum Religiösen überzeugt, erwarteten sie vielfach von der Zusammenfassung aller Gleichdenkenden nichts weniger als eine Förderung dieses Zieles. Sie fürchteten mit der Betonung des Gegensätzlichen eher eine Stärkung uns feindlicher Tendenzen. Diese Taktik ist nicht mehr gerechtfertigt. Fünfzehn Jahre sind seit dem I. Kongreß verflossen, wir alle wissen heute, wo wir stehen. Die Ueberzeugung gilt nicht mehr, eine Entwicklung in der von uns erstrebten Richtung nicht stören wollen, sondern sie tatkräftig fördern. Die Zusammenfassung Gleichdenkender sichert die Einheit als ein Wahrzeichen innerer Kraft. Bei der Begründung eines neuen Volkslebens muß die Avantgarde des jüdischen Volkes kenntlich sein, sie hat sich bewährt im langen Goluskampfe. Die Hoffnung, daß aus der „Luft des heiligen Landes" mit Naturnotwendigkeit der Geist der Treue gegen die geheiligte Volksüberlieferung erwachsen müsse, hat sich nicht erfüllt, und der Gedanke eines religionsfeindlichen Nationalismus lebt. Darum ergeht unser Ruf an alle diejenigen, welche die Wiederbelebung unseres Volkes auf heimatlichem Boden nicht mit der Preisgabe unseres teuersten Nationalgutes erkaufen wollen. Als seine Hüter und Sachwalter können sie auch in der Urform künftiger Volksgestaltung und innerhalb einer kraftvoll geschlossenen Organisation ihrer Ueberzeugung zum Siege verhelfen. Lasset uns nicht allein ringen und kämpfen, tretet mit ganzem Herzen in den Dienst unserer Sache! Mit Zionsgruß Zentral-Bureau der Föderation „Misrachi". * Die im Juli auf der Frankfurter Konferenz beschlossene Kulturgesellschaft ist nunmehr unter dem Namen „Tachkemoni" begründet worden. * Am Sonntag, den 22. Oktober d. J., fand in Frankfurt a. M. eine Konferenz des Komitees der „Tachkemoni"-Schule statt. Das Ergebnis dieser Konferenz sichert dem Misrachi denselben Einfluß auf die Leitung der Schule wie bisher. Deutschland Posen. (Zionistischer Gruppenverband.) Am 12. November d. J. findet in Posen der 4. Distriktstag des Gruppenverbandes Posen statt. Zweck der Tagung ist vor allem die Anknüpfung und Erneuerung persönlicher Beziehungen zwischen den Gesinnungsgenossen des Distrikts und der Austausch von Erfahrungen über die zionistische Arbeit und von Anschauungen über die weitere Entwicklung unserer Sache. Deshalb wird wie früher von der Form eines Delegiertentages abgesehen und jedem einzelnen Gesinnungsgenossen Gelegenheit zur Teilnahme gegeben. Tagesordnung: 1. Tätigkeitsbericht. Dr. Jeremias- Posen. 2. „D er Zionismus nach dem X. Kongr e ß." Referent: Herr Bankprokurist Ka r e s k i - Posen. Korreferent: Herr S a 1 i n g e r - Filehne. 3. „Zionismus und jüdische Wanderungsprobleme/4 Referent: Herr Fabrikant H. W o 11 h e i in - Posen. 4. Anträge und Eventualia. Diskussion zu jedem Punkt deri Tagesordnung. Die Verhandlungen werden um 11 Uhr im großen Stern'sehen Saal, Wilhelmstraße 1, eröffnet und um 3% Uhr fortgesetzt. Um V/v Uhr findet ein gemeinschaftliches Mittagessen im kleinen Stern'sehen Saal statt. Preis des trockenen Kouverts (unter Aufsicht des Rabbinats) 3,50 Mk. Abends 9 Uhr im großen Stern'sehen Saal öffentliche Versammlung. Referent: Herr Rechtsanwalt Gronemann- Berlin. Alle Gesinnungsgenossen des Distrikts sind zu der Tagung herzlich eingeladen. Frankfurt a. M. Einen teilweise recht stürmischen Verlauf nahm die Dienstag, den 16. Oktober, stattgefundene Generalversammlung der Zionistischen Jugend-

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