Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316499--55060-3348873- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Einige Mitglieder verlangten, es solle die Möglichkeit gegeben werden, auch im Jargon Stücke aufzuführen, weil es eine große Anzahl von Leuten gebe, die noch kein Hebräisch verstünden, während andere — und diese waren in der Minderheit — nur hebräische Aufführungen zulassen wollten und daher sich genötigt sahen, den Verein zu verlassen; da sie nun gleichzeitig Mitglieder der „Ibriah" waren, nahmen sie in die Statuten einen Paragraph auf, betreffend die Aufführung von Theaterstücken zugunsten der Entwicklung der Sprache. Schließlich sah sich der Verein der Liebhaber der dramatischen Kunst genötigt, auf die Aufführung von Theaterstücken im Jargon zu verzichten. Ungefähr ein Jahr nach „Uriel Acosta" führte man das Schauspiel „Die Juden" von Tschirikoff in hebräischer Obersetzung auf. Das Schauspiel, das die furchtbaren Leiden der russischen Juden schildert, machte auf das jüdische Publikum einen so mächtigen Eindruck, daß es auf sein Verlangen noch einmal aufgeführt werden mußte. Es ist bemerkenswert, daß ebendieselben Mitglieder, die die Aufführung von Stücken im Jargon verlangt hatten, nunmehr erklärten, sie seien bereit, jenen Paragraph aus den Statuten des Vereins zu streichen. Die Spielteilnehmer reisten sodann nach Jerusalem, um das Stück daselbst aufzuführen. Einige angesehene Leute und die Rabbiner versuchten es, die Aufführung zu verhindern. Es wird nicht uninteressant sein, wenn wir hier den Schluß der Kundmachung übersetzen, die damals in den Straßen Jerusalems plakatiert wurde. Zu Beginn dieser „Kundmachung und Warnung" wird es als „verbrecherische Schuld" bezeichnet, dem Schauspiel beizuwohnen und diese Behauptung durch Stellen aus der Gemara gestützt. Dann heißt es wörtlich: „Besonders wird das Herz eines jeden Juden, in dessen Innern das Gefühl und der Funke des Judentums noch nicht erloschen ist, erzittern und zurückbeben vor der Kunde, daß ein Stück über die Leiden unserer Brüder, der Söhne Israels, die in Rußland leben, aufgeführt werden, und daß man sich über das Verderben unserer Brüder vergnügen wird, deren Blut man jetzt gleich Wasser vergießt. Deshalb warnen wir mit der Kraft unserer heiligen Lehre einen jeden, dessen Herz die Furcht Gottes erfüllt, daß er sich enthalte, an den Ort der Aufführung des Stückes zu gehen, das man „Die Juden" genannt hat. Denket an Gott und seinen Tempel, der zerstört und verwüstet liegt, und der, welcher gehorcht, möge es erleben, die Tröstung Zions und Jerusalems zu schauen, baldigst, in unsern Tagen. Amen.w Diese Kundmachung hatte aber trotz ihres verdammenden Urteils auf das jüdische Publikum keinen Einfluß, und der Saal war übervoll, so daß viele in der Vorhalle und draußen bleiben mußten, weil alle Plätze vergeben waren. Auch in Jerusalem war das Verlangen stark, das Stück zum zweitenmal aufgeführt zu sehen. Aber da für die zweite Aufführung schon alles vorbereitet war, verbot man sie aus Gründen der öffentlichen Sicherheit. Seit dieser Zeit führte der Verein mehrere hebräische Stücke in Jaffa auf. Man spielte wiederum den „Uriel Acosta", dreimal hintereinander, dann „Die Erlöschenden" von P. Hirschbein, „Er ging und kehrte zurück" von Sch. Asch, „ Vaudevilies" von Tschechow und „Doktor Stockmann" von Ibsen. Die Aufführung letztern Stückes hinderte die Ortsbehörde zweimal, beim zweitenmal während des zweiten Aktes. — Das war zur Zeit Abdul Hamids. Nach dreijähriger Tätigkeit erschlaffte ein wenig die Arbeitskraft des Vereins, da einige seiner Mitglieder Jaffa verließen. Doch führte man vor zwei Jahren das Schauspiel „Gott, Mensch und Teufel" von Jakob Gordon auf; aber die Initiative dazu ging von dem Verein „Hapoel Hazair" in Jaffa aus. Die Geldverhältnisse des Vereins waren sehr mißliche, und schon glaubte man, der Verein hätte sich gänzlich aufgelöst. Da traten vor zwei Jahren frische Kräfte in den Verein ein und erfüllten ihn mit neuer Lebenskraft. Es wurde eine Versammlung einberufen, die Statuten geändert und der Name des Vereins in „Verein der Liebhaber der hebräischen Bühne" (Chowewe habamah haibrith) verwandelt, und damit war mit einem Male die Sprachenfrage gelöst. Der Ausschuß, der gewählt wurde, sparte weder Zeit noch Kräfte, um den Verein zur Entfaltung zu bringen. Im ersten Jahre führte man folgende Stücke auf: „Abraham der Schuster" von B Sapir, bearbeitet von Claim Harari; „Die erstgeborene Schwester" von Schalom Asch; „Der Böw" von Tschechow; „Zerstreut" von Scholem Alechem (ein Viertel der Einnahmen ausletzterm Stück, 125 Frs., schickte der Verein dem Schriftsteller Scholem Alechem); „Schema Jisrael" von Dimow; außerdem kleine Einakter. Ende vorigen Jahres beantragte ein Ausschußmitglied, Boden für den Bau eines Theaters in Jaffa anzukaufen. Dieser Antrag entsprang der Erkenntnis, daß man für die Tätigkeit des Vereins einen realen Grund legen müsse. (Der Baurkommt nicht sehr hoch, da man in Palästina wegen der großen Hitze keinen geschlossenen Saal nötig hat.) Der Antrag ist noch nicht verwirklicht worden, aber als ersten Schritt zur Verwirklichung gab der Verein besondere Marken heraus, die auf jede Karte geklebt werden; ihr Preis beträgt zehn Prozent vom Preise der Karte. Das jüdische Publikum Jaffas zahlt gern diese kleine Steuer, und bei allen Unterhaltungsabenden und Konzerten in Jaffa und den übrigen Orten verwendet man jetzt diese Marken. Im Verlauf der Zeit sind aus dem Erlös der Marken fast 700 Frs. eingegangen. In diesem Jahre führte der Verein folgende Stücke auf: „Masal tow", „Der Rat", vDie Agenten" von Schalom Alechem; „Der Geizige" von Moliere; „Der Arzt wider Willen" von demselben (letzteres Stück wurde dreimal hintereinander aufgeführt) und „Vaudevilies" von Tschechow; „Die Verheirateten" von Gogol (dieses Stück wurde vom „Klub der jüdischen Arbeiter in Jaffa", natürlich mit Unterstützung der „Hebräischen Bühne**, aufgeführt) und „Jakob, der Schmied" von David Pinski; letzteres Stück wurde auch in Jerusalem mit großem Erfolg gegeben. Der Einfluß des Vereins wird immer offenkundiger. In allen Kolonien und Städten wurden Zweigvereine gegründet (sogar in Beirut hat man begonnen, hebräische Stücke aufzuführen), und von allen Seiten wendet man sich an den Verein in Jaffa mit der Bitte um Stücke. Es ist hier die Bemerkung am Platze, daß sich bei uns ein großer Mangel an jüdischen Stücken bemerkbar macht; obwohl es in den Statuten des Vereins heißt, daß auch klassische Stücke aufgeführt werden dürfen, so hat sich doch gezeigt, daß das Publikum besonders nach jenen Stücken verlangt, die jüdisches Leben schildern, und da wir keine besitzen, ist der Verein genötigt, ständig aus andern Sprachen, besonders aus dem Jargon, zu übersetzen. Das Interesse des Publikums an der hebräischen Bühne ist sehr groß, und viele betrachten sie mit Recht als eine wichtige kulturelle Gründung. Die Bühne ist ein bedeutungsvoller Faktor für die Entwicklung der hebräischen Sprache; sie bringt Inhalt und Leben in die Worte, und ein Wort oder ein Satz, die von der Bühne vernommen wurden, dringen in die Umgangssprache ein. Der Verein gibt zumeist eine schöne Sprache, einen klaren Stil und eine richtige Aussprache. Interessant ist, daß einige Spieler auf diese Weise die hebräische Sprache erlernten. Sobald der Verein einen talentvollen Schauspieler entdeckte, nahm er ihn auf, wenn er auch kein Hebräisch konnte; im Verein erlangte er bald die Kenntnis der Sprache in hohem Maße. Wie sehr man mit dem Verein auch im Auslande rechnet, mag folgender Fall zeigen. Vor einem halben Jahr bekam die hebräische Bühne aus Rußland eine Einladung, daselbst Gastrollen in hebräischer Sprache zu geben. Es fand sich auch ein Pächter, der die gesamten Ausgaben und das Arrangement auf sich nehmen wollte; aber aus verschiedenen Gründen konnte der Verein bis heute der Einladung nicht Folge leisten. Der Verein zählt gegen dreißig Mitglieder; sie sind entweder ausübende Mitglieder, Schauspieler, öder unterstützende Mitglieder, die sich ebenfalls an der Arbeit beteiligen; diese wie jene sind mit ganzer Seele bei der Arbeit des Vereins; sie bekommen nicht nur keine Bezahlung, sondern müssen mitunter auch aus eigner Tasche zusetzen. — Es gibt in dem Verein eine ganz beträchtliche Anzahl von Mitgliedern, die sich durch ein bedeutendes schauspielerisches Talent auszeichnen. Da sind vor allem zwei Namen zu erwähnen, die des Herrn Gnessin und des Fräuleins Varon. Diesen beiden begabten jungen Leuten rät man dringend, ins Ausland zu gehen, um sich dort weiter auszubilden, und verheißt ihnen eine glänzende Zukunft. Ein Hauptmangel macht sich bei dem Vereine fühlbar, und das ist der Mangel eines Regisseurs. Die Schauspieler füllen auch ohne Regisseur ihre Rollen aus. Wäre aber ein bewährter Regisseur da, der auf die notwendig vorhandenen Fehler und Mängel hinwiese, würde sicher die Arbeit besser vonstatten gehen. In letzter Zeit hat der Verein einige Schritte nach dieser Richtung unternommen, und es besteht die Hoffnung, daß binnen kurzem auch ein Regisseur da sein wird; dann wird sich ohne Zweifel die Bühne immer weiter entwickeln, bis sie zu einem hebräischen Theater werden wird, einem Theater im vollen Sinne des Wortes.