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Die Welt · 1911-09-15 · 37 (15.9.1911) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
37 (15.9.1911)
Date
1911-09-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 37 DIE^gELT 985 Wir werden um Veröffentlichung folgender Erklärung ersucht: Erklärung Der „Haolam" bringt in «ier Nr. 31 vom 22. Ab einen Bericht über eine nach dem Kongreß stattgefundene Versammlung der russischen Delegierten, in dem es in wörtlicher Übersetzung heißt: „Kurt Blurnenfeld, der Sekretär des Deutschen Zentralkomitees, ist erschienen, iun der Versammlung der russischen Delegierten im Namen der deutschen Delegierten einige Worte zu überbringen: „Wenn Sie gesehen hakfcti, daß die Vertreter der detitschen Delegierten im Permanenzansschuß diesmal zu der Opposition gehörten, so hätten Sie vielleicht denken könne«;, daß dies zufällig sei, daß in Wirklichkeit in Deutschland alles beim alten geblieben ist. Demgegenüber bin ich erschienen, um Ihnen mitzuteilen, daß in den letzten Jahren eine große Veränderung zum Guten siel im deutschen Zionismus vollzogen hat. Arn Anfang war hier der Zionismus nur eäne logische Forderung auf Grund der Solidarität mit den bedrängten Juden, und tiefere Wurzeln hatte er im Seelenleben nicht. Deswegen war auch die übliche Methode der zionistischen Propaganda die Forderung, den bedrängten Brüder» zu helfen. Jetzt haben sich die Verhältnisse geändert. Im 2äonisrnus ist ein neues Geschlecht aufgetreten, das in sich den Geist der Renaissance und ihre Forderungen eingesogen hat. Der Zionismus wird nicht mehr auf die Judennot gestützt, sondern er ist uns ein tiefes seelisches Bedürfnis. Die Methode Achad- Haams ist jetzt die in der Agitation herrschende und die theoretische Basis des Zionismus. Bs tut sich eine große Bewegung kund, die hebräische Sprache und Literatur zu lernen» Wir nähern uns Ihnen immer mehr, udkL seien Sie versichert, daß wir zusammen mit Ihnen in IBirem Geiste arbeiten und zusammen zum Ziel gelangen werden ,es Diese Anschauungen hart, — wir wissen nicht, von wem ermächtigt, — der Parteisekretär der zionistischen Vereinigung für Deutschland ausgesprochen. Ausschließlich dieser Umstand gibt ihnen allgemeine Bedeutung. Sie sind gesprocheil;, ohne daß eine Richtigstellung erfolgen konnte, dazu in einem Kreise, in dem sie die leider bestehende Vcikennung nur mehren müssen. In leichtfertigster Weise wird liier unsere zionistische Gesinnung herabgesetzt, wird jahrzehntelange treu geleistete zionistische Arbeit mit einem völligen Mangel an Verantwortungsgefühl verdächtigt. Herr Blumenfeld behauptet, aller bisheriger deutschtr Zionismus sei — sagen wir es einmal offen — Rachmones-Zionismus gewesen, habe tiefere seelische Wurzeln nicht gehabt, und jetzt erst sei ein feineres Verständnis für die Probleme unserer Bewegung aufgetaucht. Diese Behauptung ist geradezu grotesk, wenn man bedenkt daß das im Gegensatz zurrein philanthropischen Methode stehende nationaljüdische Ideengebäude, für da.s der Herr Parteisekretär schützend eintreten zu müssen glaubt, gerade von den Männern errichtet worden ist, von denen er jetzt in verächtlicher Beurteilung abrückt. Ist doch auch die Propaganda für die hebräische Sprache, die stolr. als ein Symptom de* neuen Ära hingestellt wird, ausschließlich inauguriert worden von denselben alten deutschen Zionisten. Wir hatten wahrlich niciit nötig, auf das Erscheinen des Herrn Parteisekretärs zu warten, um uns in die „Mysterien" der zionistischen Welt einweihen zu kssen. Wenn es sich um den Wert der Gesinnung, um das seelische Erfassen des Zionismus handelt, so ist für uns deutsche Zionisten eine neue Epoche nicht angebrochen und braucht auch nicht anzubrechen. Wir deutschen Zionisten sind nicht aus „Rachmones", sondern aus der tiefen Erkenntnis unserei Seelennot, aus innerste»!! Bedürfnis, im Kampfe gegen eine Welt utilitaristischer Rücksichten Zionisten geworden. Das wolle sich der eben in die Partei getretene Sekretär gesagt sein lassen, auf daß er in Zukunft sich bescheide und sich nicht in überheblicher Weise ein ihm nicht zustehendes Richteramt anmaße. Es tut uns leid, daß wir im Augenblick der Versöhnung zu solch scharfen Worten genötigt sind; aber wir hoffen von ihnen, daß sie den deutschen Zionisten bei unsern russischen Gesinnungsgenossen eine gerechtere Beurteilung verschaffen werden, als es die Blumenfeldschen Worte tun konnten, und damit, glauben wir, ist dem Frieden in der Partei "besser gedient. L. Barth-Berlin, M. Baum-Berlin, A. Bir am-Berlin,- Emil Cohn-Kiel, David-Hamburg, Dobrzynski-Beuthen, Goldreich- Köln, Huldschiner-Hamburg, Jeremias-Posen, Kollenscher- Posen, Kalmus-Himburg, Kareski-Posen, Klee-Berlin, Lachmann-Königshütte, Wilhelm Levy-Berlin, Mos es-Mannheim, Rosenkranz-Berlisi, Stahl-Tarnowitz, Herrn. Struck, Victor- Wandsbeck, G. WeiJ, G. Witkowsky, J, Zwirn, Th.Zlocisti- Berlin. Ferner geht uns die folgende Abschrift eines Briefes des Herrn Dr. Heinrich Loewemit dem Ersuchen um Veröffentlichung zu: Berlin, dem 10. September 1911. „Ich bedaure, die mir zugesandte Erklärung nicht unterschreiben zu können. Gegen den Inhallt finde ich zwar absolut nichts einzuwenden. Jedoch kann icfci unmöglich russischen Zionisten gegenüber, mit denen ich wfcit über zwei Jahrzehnte Schulter an Schulter als Nationaljude limpfe, feststellen, daß ich nicht erst d urch Herrn Blumenfeld mit der tiefinnern Idee des Zionismus bekannt geworden bi»- Den Zionismus in Deutschland, ien ich jahrzehntelang bereits vertrete, gegen die lächerliche Darstellung des Herrn Blumenfeld verteidigen zu wollen, wäre zum mindesten überflüssig. Daß Herr Blumenfeld nach dem Hamburger Kongreß zuf iiiig eine deutsche Teilübersetzung vom Achad Haams „AI paraschat derachim" kennen gelernt hat, ist sein Vorteil. Daß das epochemachend für den Zionismus in Deutschland wäre, ist sein Irrtum. An der Arbeit für die hebräische Sprache und Kultur ebenso wie an der Histadrut hab&^i Herr Blumenfeld uni seine Freunde bisher keinen Anteil genommen. Ich mache ihnen keinen Vorwurf daraus. Denn dazu gehören Kenntnisse. Jedenfalls entnehme ich seinen Worten die immerhin erfreuliche Zusage, daß wir von dieser Seit« wenigstens keine Hindernisse mehr zu fürchten haben. Aber (her Umschwung in der deutschen Landsmannschaft, von dem Herr Blumenfeld sprielit, ist nicht vorhanden. Sie war national jüdisch und ist es. Wenn ich in Basel schwieg, so geschah es, weil unsere abweichende Anschauung von vornherein als Friedensstörung galt. Und ein so alter Kämpfer imZi9nisnius hat keinen Grund, als Friedensstörer dastehen zu vollen. Die Erklärung kann ich nicht unterschreiben, weil der Gegenstand, gegen den sie sich richtet, zu lächerlich ist, um einer Widerlegung zu bedürfen. Heinrich L o e w e. In der „Jüdischen Rundschau", dem offiziellen Organ der zionistischen Vereinigung für Deutschland, wird zu diesen Erklärungen folgendes bemerkt: „Wir können die innere Berechtigung der vorstehenden Erklärung nicht anerkennen. Einmal ist es s-ehr mißlich, nach einem kurzen Zeitungsreferat, — noch dazu eiiLe=m fremdsprachigen, — eine längere Rede cu kritisieren. Weiter wird jeder aufmerksame Leser der vorstehenden Erklärung selbst zil dem Resultat kommen, daß sogar in den zitierten Ausführungen! des „Haolam", von denen noch gar nicht sicher ist, ob sie den Sinn der Blumenfeldschen Rede getreu wiedergeben, nichts von dem enthalten ist, was in der Erklärung der 24 unterzeichneten Herren in die Ausführungen Blumenfelds hinein interpretiert wird. Der g rundlegende Irrtum der Erklärung besteht vor allem darin, daß Ii« Herren Unterzeichner sich auf die alten Agitatoren des Zionismus in Deutschland beziehen, was Blumenfeld ganz offenbar von den deutschen Zionisten im allgemeinen und von der Möglichkeit der Propaganda unter den deutschen Juden sagt. Klammert man sie! aber nicht an einzelne Worte, nimmt man -vielmehr den Sinn der gesamten Ausführungen Blunienfelds, wie sie der „Haolam" wiedergibt, so ergibt sich, daß Herr Blumenfeld in. der betreffenden russischen Versammlung nach dem Kongreß seine Ansicht über die Entwicklung des deutschen Zionismus dahin ausgesprochen hat, daß die zionistische Idee in Deutschland immer tiefer, immer nationaler und immer jüdischer erfaßt werde. Diese: Anschauung wird weder von den Unterzeichnern obiger Erklärung bestritten, noch dürfte sie: sonst bei irgendwem auf Gegnerschaft stoßen. Von zionistischen Agitatoren in Deutschland ist in Blumerrfe:lds Ausführungen nicht «einmal unpersönlich die Rede, noch wenig&r also von einer „veräcltlichen Beurteilung". Ob es also notwendig war, gerade jtftzt „im Augenblick der Versöhnung zu solch scharfen Worten zu greifen" und einen so persönlichen Angriff gegen den anerkanntermaßen um die Zionistische Vereinigung für Deutschland sehr verdienten Parteisekretär in alle Welt hinauszutragen, das dürfen -vir danach getrost der Beurteilung unserer Leser überlassen." Schluß des redaktionellen Teiles

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