Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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war er nie vorhanden gewesen. Denn der hiesige Geist hat es ihnen unmöglich gemacht, sich zu dem Gedanken durchzuringen, der die unerläßliche Voraussetzung des Zionismus bildet, zu der Idee des Nationalen als der einigenden Basis der ganzen Judenheit. Aber für den weitaus größern Teil des „Misrachi", der durch den hiesigen Geist nicht ungünstig beeinflußt worden ist, ist wirklich kein Grund zum Austritt gegeben, und es ist sehr zu hoffen, daß er auch nicht austreten wird. * * * Donnerstag den 31. Juli fand in Frankfurt a. M. eine von der Zionistischen Ortsgruppe einberufene Versammlung statt, die sich last ausschließlich mit der Frage des Austrittes des Misrachi beschäftigte. Auf der Tagesordnung stand der Bericht über den X.Kongreß. Aber naturgemäß drehte sich die Diskussion in erster Linie um die Frage des „Misrachi". Referent war Dr. Schwarzschild, der einen klaren und inhaltsreichen Bericht über den Verlauf und die Ergebnisse des Kongresses erstattete. Von der daran sich anschließenden Diskussion können wir nur das wichtigste wiedergeben: N. Goldmann: In der Entwicklung des Zionismus von seiner Gründung an und in den 10 Kongressen .zeigt sich eine starke, wachsende Tendenz, den Zionismus jüdischer werden zu lassen. In dieser Judaisierungstendenz hat der X. Kongreß einen großen Schritt weitergetan, und zwar in dreifacher Hinsicht: 1. hat er den ersten positiven Schritt getan, das Hebräische zur wirklichen offiziellen Sprache des Kongresses zu machen; 2. hat er die Kulturarbeit endlich in den Zionismus hineingetragen; dies sei die Bedeutung der Kulturresolutionen und nicht etwa — wie es der „Misrachi" darstellt — der Wunsch, die Misrachisten zum Austritt zu veranlassen, einen Wunsch, auf den wohl die Frankfurter Trennungsorthodoxie verfallen könne, nicht aber zionistische Kongresse; 3. hat der Kongreß durch die Wahl der neuen Leitung, die den einen großen Fehler hat, daß Wolffsohn ihr nicht angehört, dem. praktischen Zionismus zum Siege verholfen. Und wollen wir das ganze Volk gewinnen, so können wir es nur, wenn wir in dieser Richtung weiterschreiten! Dr. J. Klatzki n - Köln wendel sich in scharfen treffenden Worten gegen die Sondertendenzen eines Teiles des „Misrachi", die dem Geiste der Frankfurter Kehilapolitik entsprungen sind. Er kommt sodann auf seinen Artikel: „Zurück zu Herz!" zu sprechen, der vielfach mißverstanden worden sei; er habe durch den Artikel nur die Mahnung erteilen wollen, an den großen Idealen und Zielen des Zionismus, die Herzl ihm gegeben hat, unentwegt festzuhalten und sich nicht durch pessimistische Stimmungen dazu verleiten lassen, diese Ziele aufzugeben oder ängstlich zu vertuschen. Zum Schiuße fordert er die Frankfurter Zionisten zu intensiverer Arbeit im Geiste der Einheit für die Verbreitung des Zionismus auf. L. Perlmutter: Der Misrachi ist nicht groß an Zahl, aber sein Wert wird nicht durch die Zahl, sondern durch die Idee bestimmt, die er vertritt. Der Misrachi ist die eigentliche Einigungspartei im Zionismus; er ist in den Zionismus auf Grund des Baseler Programms eingetreten, das nichts von kultureller Arbeit enthält. Jetzt müsse der Misrachi austreten. J. Bamberger: Es ist für den Misrachi unmöglich, durch sein Geld Schulen und Institutionen unterstützen zu lassen, die er für ein Verderben hält. Der Misrachi ist nicht gegen die Kulturarbeit, aber sie müsse den einzelnen Föderationen überlassen bleiben. Der Gleichberechtigung aller religiöser Richtungen kann er nicht zustimmen. Er hofft, durch den Austritt aus dem Zionismus die gesamte Orthodoxie für den Misrachi zu gewinnen. Dr. Klatzkin ermahnt den Misrachi zur Einheit. Es will ja niemand den religiösen Geist im Zionismus schwächen. Die Misrachisten sollen doch einsehen, daß es in ihrem Interesse liegt, in der Organisation zu verbleiben. N. Goldmann: Die ganze Frage kann nicht politisch, sondern nur prinzipiell gelöst werden. Der „Misrachi" muß sich entscheiden, ob er die Idee des Zionismus oder die der Trennungsorthodoxie vertritt, ob er das Nationale oder das Religiöse als die Basis des Judentums ansieht. — Wer nicht die Gleichberechtigung aller religiösen Richtungen im Zionismus anerkennt, gehört eben nicht zum Zionismus, sondern zur Trennungsorthodoxie. Die Misrachisten, die dorthin gehören, mögen auch austreten. Sie werden nur dem Zionismus nützen. Dr. Schwarzschiid berichtigt eine Bemerkung des Vorredners in bezug auf die Gründung der Religionsgesellschaft. Er hält eine besondere orthodoxe Fraktion im Zionismus überhaupt für ein Unglück. J. Bamberger: Wenn der Misrachi austritt, so tut er es nur, um die zionistische Idee auch weiterhin zu verfechten, weil er der Ansicht ist, daß dies nur auf orthodoxer Basis möglich sei. Nach einigen Bemerkungen der Herren Fischbein und Perlmutter schloß die interessant und lebhaft verlaufene Versammlung. * * * Mit der Frage der zukünftigen Haltung des „Misrachi" beschäftigt sich die Krakauer hebräische Wochenschrift „Hamicpe* m ihrer vorletzten Nummer. In einem „Die Kultur auf dem Kongreß" überschriebenen Leitartikel redet Ch. J. Eiss (Zürich) dem Austritt der Föderation „Misrachi" aus der zionistischen Organisation das Wort. Er weist darauf hin, daß alle Bemühungen des „Misrachi", die Kulturfrage, diesen „Stein des Anstoßes", fortzuräumen, sich als vergeblich erwiesen haben. Weder die Bitten und Warnungen Hermann Strucks, noch die Vorschläge von Herbert B entwich und Dr. Da ich es, die darauf abzielten, die Beschlußfassung über die Kulturresolutionen auf den nächsten Kongreß zu verschieben, haben etwas gefruchtet. Die Resolutionen wurden mit erdrückender Mehrheit angenommen, und die misrachistischen Delegierten mit Struck und Rabbiner Schmelkes an der Spitze verließen zum Zeichen des Protestes den Saal. Was wird der „Misrachi" nun tun? Diese Frage werde von verschiedenen Seiten gestellt. Wie der Artikelschreiber meint und aus der allgemeinen Stimmung der misrachistischen Kongreßdelegierten schließen zu können glaubt, werde der „Misrachi" gezwungen sein, außerhalb der zionistischen Organisation für seine Prinzipien zu kämpfen. Sollte er sich zu diesem Schritt nicht entschließen können, so werde ohne Zweifel der größte Teil der Mitglieder dem „Misrachi" den Rücken kehren, nnd dann wäre ja selbstverständlich ein erfolgreiches Arbeiten der Föderation innerhalb der zionistischen Organisation erst recht nicht möglich. Anderseits könnte der „Misrachi" im Falle seines Austritts zu einer national-religiösen Palästinaorganisation umgestaltet werden, der sicherlich eine zahlreiche Anhängerschar zuströmen würde. Der Redakteur des „Hamicpe", S. M. Lasar, tritt diesen Ausführungen seines Mitarbeiters in einer Nachbemerkung scharf entgegen und warnt die Führer des „Misrachi" eindringlich vor verhängnisvollen Übereilungen. Wenn die misrachistische Föderation tatsächlich durch ihren Austritt die Einheit der zionistischen Organisation in leichtfertiger Weise durchbrechen würde, so wäre dies ein nicht mehr gutzumachender Fehler. Derartige Spaltungen haben, wie unsere Geschichte lehrt, nur Unheil gestiftet, und die einmal geschaffene Kluft könnte kaum jemals wieder überbrückt werden. Die nationale Bewegung hat sich die Einheit der Juden zum Ziel gesetzt, und nun wolle der nationale „Misrachi" gar neue Scheidewände aufrichten, die nationale Organisation in zwei Heerlager spalten! Es sei auch noch sehr fraglich, ob eine unabhängige Misrachi Organisation lebensfähig sein wird und irgendwelche Erfolge erzielen kann. Was habe denn die unabhängige, rein orthodoxe Palästinaorganisation „Moriah" bis jetzt geleistet? Anderseits sei auch zu bedenken, daß gerade die Übernahme der Kulturarbeit durch die zionistische Leitung gewisse Auswüchse, die in der privaten Kulturtätigkeit häufig zutage getreten und von misrachistischer Seite mit R^cht bekämpft worden sind, verhindern wird. Die dem Kongresse und der zionistischen Öffentlichkeit verantwortliche Leitung werde sich sicherlich hüten, irgend etwas zu unternehmen, was die religiösen Kreise verletzen könnte. Und schließlich liegt ja ein bindender Kongreßbeschluß vor, der eine antireligiöse Richtung der Kulturarbeit von vornherein ausschließt. Lasar legt den besonnenen Elementen des „Misrachi" dringend ans Herz, den „Sprung ins Dunkle" um jeden Preis zu verhüten. Die Folgen einer derart unbesonnenen Handlung seien unabsehbar und den Idealen des nMisrachi** wäre damit am wenigsten gedient. * . * * Die Versammlung der Misrachi-Ortsgruppe Nürnberg-Fürth vom 24. August 1911 faßt nach Anhörung eines Berichtes des Kongreßdelegierten, Herrn Dr. Bamberger folgende Resolutionen: 1.) Der Leitung der Misrachi-Föderation in Frankfurt a. M. wird von der Versammlung Dank und Vertrauen ausgesprochen. 2.) In Sachen der Schmittah- und Sabbathangelegenheit auf den Gütern des J. N. F. (Brief des Herrn Rabbiners Kuck an das Direktorium des N. F.) erwarten wir aktenmäßige öffentliche Klarstellung. 3.) In Anbetracht der eifrigen Mitarbeit misrachistischer Zionisten in allen Zweigen zionistischen Schaftens (N. F., Siedlungsgenossenschaft, Ölbaumspende, Banken, Ortsgruppen etc.) und der besonderen, speziell-misrachistischen Tätigkeit noch außerdem weisen wir die Mahnung, der Misrachi solle positive Arbeit leisten, mit aller Energie zurück. 4.) Wir bedauern aufs tiefste, daß der Kongreß, noch dazu ohne jede Debatte, Resolutionen in der Kulturfrage seine Zustimmung gegeben hat, deren Tragweite nicht zu übersehen ist und für die Geschlossenheit der Organisation eine ungeheure Gefahr bilden, insbesondere,