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Die Welt · 1911-08-25 · 34 (25.8.1911) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
– (sequence 12)
Language
German
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902 ' DIE 3 Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Nachträge zum Brande in Balat Der Schaden ist enorm, und die Not ist groß. Das mag man sich in Europa vor Augen halten, wo die Meinung vorzuherrschen scheint, daß die Katastrophe weniger furchtbar sei, als zuerst angenommen, und daß die türkische Regierung schon alles, was nottut, unternehmen werde. Das ist ein schwerer Irrtum. Es sind von den 364 eingeäscherten Häusern 30 im Werte von ca. 100000 Jt gar nicht versichert, 60 andere nur teilweise, und unter 661 verunglückten Mieterfamilien sind etwa 500 vollkommen am Bettelstabe, ohne Brot und Obdach, ihr Schaden beläuft sich auf mindestens eine halbe Million Mark. Die Regierung hat die Lieferung von Oliven eingestellt, die Armen sind also auf nichts als Rationen schlechten Brotes gesetzt. Einige Familien erhalten vom Regierungs- Hilfskomitee für einen Monat Miete, falls sie eine neue Unterkunft finden; aber der Mietszins steigt ins Ungeheure. Häuser sind nicht vorhanden, und die Hauseigentümer verlangen halbjährige Garantie, ehe sie einen Winkel abgeben. An Arbeitsgelegenheit fehlt es gänzlich, so daß mehrere tausend Menschen hilflos auf Mildtätigkeit warten müssen. Es gibt hier Leute, die eigene jüdische Sammlungen und eigene Verwendung der Gelder für Juden aliein für ein Vergehen halten und alles dem allgemeinen, nichtjüdischen Komitee in die Hände liefern wollten. Aber von hier ist wenig zu erwarten. Ein Beweis ist die morgen stattfindende, großzügig angelegte Wohltätigkeitsveranstaltung des genannten großen Hilfskomitees. Die Karten, die hierzu ausgegeben und natürlich in stärkstem Maße bei Juden placiert werden, tragen den Vermerk: „Die Einnahmen werden zum Besten der Abgebrannten vom 23. Juli verwendet" Die unglücklichen Juden von Balat also, die so ungeschickt waren, erst am 24. Juli abzubrennen, sind nicht in der Hilfsaktion mit inbegriffen! Das wird gewiß nicht die letzte peinliche Erfahrung in dieser Affäre sein. Es ist also dringend v^slärkte Fortführung der alljüdischen Sammlungen für die Balater Juden vonnöten: es gilt, ihnen dauerndes Obdach, dauernden Erwerb, Fürsorge ihren Gebrechlichen und Unterricht ihren Kindern zu schaffen. Den Resultaten der Subskriptionen des Hilfsvereins und der BnS Berith-Logen der ganzen Welt sieht man hier mit Spannung und Hoffnung entgegen. Die bisherigen Sendungen der beiden Organisationen - der Hilfsverein hat neue 30 000 Frs. angekündigt und der Orden in Chikago neue 5000 Frs. übermittelt — haben die Sympathien der hiesigen Judenheit für Hilfsverein wie Bn6 Berith gesteigert.Auch die Alliance hat dieser Tage 10000 Frs., — eine persönliche Spende Salomon Reinachs, — überwiesen. Ein Komitee zur Organisierung der dauernden Hilfe und der ökonomischen Wiederaufrichtung der proletarisierten jüdischen Massen ist in Bildung. Hilfsverein, Bn6 Berith und Alliance werden darin vertreten sein und ein Mitglied des Großrabbinats attachieren. Ein lokales Hilfskomitee arbeitet seit dem Tage der Katastrophe in Balat. Die Cholera Es war mit der einen Geißel nicht genug. Was das Feuer nicht zerstörte, scheint nun die Seuche zerstören zu wollen. Die Cholera ist in Hasköj mit furchtbarer Heftigkeit eingekehrt; täglich fallen ihr eine Menge von Menschenleben zum Opfer. Vom benachbarten, unerhört schmutzigen Kasim Pascha angesteckt, hat Hasköj durch die aus dem Balater Brande hinüberflüchtenden Tausende eine gefährliche Überfüllung erfahren, die die hygienische Situation dieses Vorortes vollständig verdarb. Die bis vor einer Woche herrschende unglaubliche Nachlässigkeit der Stadtbehörden tat ein übriges. Erst jetzt ist mit dem neuen Stadtpräfekten ein neuer Geist eingekehrt, leider allzu spät. Denn nun wütet die Verheerung. Die Furcht vor der Ansteckung oder der Absperrung trieb viele Haskioser hinaus in die übrigen Teile der Stadt, fast in alle Richtungen hin die Keime der Seuche tragend. So ist insbesondere der bevorzugte Sommeraufenthalt der hiesigen Juden, Bujükdere am Bosporus, infiziert worden. Leider hat die Cholera auch schon wieder nach Balat hinübergegriffen. Es ist kein Ende des Unheils abzusehen. Fast ganz Hasköj ist in Quarantäne, Militär umstellt es. Handel und Verkehr liegen vollkommen darnieder. An dreihundert Familien sind ihren Wohnstätten entrissen und außerhalb des Ortes unter Soldatenzelten einlogiert worden. Aber auch hier wütet schon die Seuche. Viele Habe armer Juden ist als nicht mehr desinfizierbar den Flammen übergeben worden. Elend über Elend also auch von dieser Seite. Es ist herzzerreißend. Hilfe wird auch hier notwendig werden. Der Großrabbiner der Türkei befindet sich auf einer Sommerau* — No. 34^ villa in Jakadschik, eine Stunde von der Stadt. Der neue Stadtpräfekt hat ihn aufgefordert, sich einmal nach Hasköj zu begeben, um nach seinen Juden zu sehen und ihnen in der Not Rat und Trost zu spenden. Die Zeitungen haben, nicht zur Ehre des jüdischen Namens, diesen Appell desPräfekten an Rabbi Nahum wiedergegeben. Dieser stattete dem schwergeprüften Vororte einen kurzen Besuch ab und ist in seine Erholungsstätte zurückgekehrt. Der Kapu Kehaja sucht inzwischen den behördlichen Anforderungen an das Großrabbinat in Hasköj zu genügen. Mit höchster Aufopferung unter Gefährdung seiner Gesundheit hat sich das Mischlischmitglied Dawid ElnekawS, der Herausgeber unseres Bruderblattes „El Judio'% der Hilfe seiner Brüder im Kampfe gegen die Seuche gewidmet. Palästina Das Münzunwesen in Palästina In der „Frankfurter Ztg." schreibt D. Tachauer: Wenn Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist, dann ist Palästina das — keineswegs gelobte — Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Ein besonders anmutiger Beweis dafür ist das Münzwesen, das schon manchen Orientreisenden dort zur Verzweiflung gebracht hat. Wer nämlich mit der naiven Anschauung nach Palästina kommt, daß unsere Art des Rechnens nach Adam Riese in der ganzen Welt gültig sei, der ist in einem Irrtum befangen. Der einfachste Araber wird ihn mit Hilfe des bis zur Genialität umständlichen Münzwesens spielend übers Ohr hauen. Das Geniale an dem dortigen Geldwesen ist zunächst, daß man nach Münzeinheiten rechnet, die es gar nicht gibt. Man rechnet mit Piaster und Para, 1 Piaster 40 Para, aber es gibt weder Piasternoch Parastücke. Doch halt, das stimmt nicht ganz. In Beirut bekam ich wirklich einige silberne Piasterstücke zu sehen. Da diese aber große Seltenheiten sind, sind sie im Preis gestiegen und gelten 1V* Piaster. Wir haben also stellenweise die Gleichung: 1 Piaster I1/* Piaster. Das gebräuchlichste türkische Geldstück ist das Aschari oder Metallik. Seinem Namen nach gilt es 10 Para. Tatsächlich nehmen es die Posten und die Regierung zu diesem Wert. Das Volk rechnet es zu \2Vi Para. Denn 10 Para wäre ja zu einfach. Damit sind wir schon zu dem schwierigsten Gebiet gekommen, nämlich zu den Kursunterschieden. Es gibt Regierungskurs, Postkurs, Jerusalemer Marktkurs, Jaffaer Marktkurs und den Kurs verschiedener anderer Orte. Mit Hilfe dieser Kursunterschiede sind die erstaunlichsten Rechenkunststücke möglich. So wird z. B. viel nach Francs gerechnet. Da 1 Franc gleich 100 Centimes ist, glaubte ich, gestützt auf die apriorische Gewißheit der Mathematik, daß 1 Franc 4X25 Centimes sind. Harmlos bezahlte ich deshalb für 4 Marken ä 25 Centimes 1 Franc. Eines Tages kam mir aber der Zweifel. Ich hatte nämlich für eine 25 Centimes-Marke 4 Metalliks bezahlt, für 1 Franc aber nicht 4X4=16, sondern 17 Metalliks bekommen. Ich erzählte nun einem Fachmann von meiner Entdeckung, um mich zu vergewissern, ob es mit rechten Dingen zugegangen sei, daß ich diesen einen Metallik gewonnen habe. Mit überlegenem Lächeln sagte mir der Herr, ich solle meine Marken einmal am Postamt selbst kaufen. Ich tat das und bekam für einen Franc 4 Marken und 3 Metalliks. Da auf jeder Marke deutlich 25 Centimes steht, hatte ich folgende Gleichungen: a) (in der Stadt) 100 Cs. 4X25 Cs. H~ 1 Metallik; b) (an der Post) 100 Cs. 4X25 Cs. -f- 3 Metalliks. Ich begann nun an der Mathematik zu zweifeln. Nach langer Zeit und emsigem Forschen fand ich schließlich folgende Erklärung. Eine Marke zu 25 Centimes gilt 1 Piaster. Da nach Regierungskurs 1 Metallik 10 Para hat, so ist 1 Piaster 4 Metalliks. Darum kostet eine Marke 4 Metalliks. Nun gilt für gewöhnlich 1 Franc 5 Piaster 18 Para 218 Para, 1 Metallik U1^ Para. Folglich ist 1 Franc 17 Metalliks 51/« Para. Die 51/* Para bekommt man für gewöhnlich nicht, da es, wie schon bemerkt, nur ganz wenige dieser Münzen gibt. Bei 2 Francs bekommt man dann 1 Metallik mehr, also 35 Metalliks. Auf der Post ist aber 1 Franc weniger wert,, nämlich nur 4 Piaster 30 Para. Trotzdem bekommt man mehr dafür, da 1 Metallik im Verhältnis noch weniger wert ist, nämlich 10 Para; d. h. man bekommt 19 Metalliks für 1 Franc oder 4 Marken und 3 MetaJliks. Wenn man nun schlau ist, kann man eine Postkarte für das Ausland im Werte von 2 Metalliks umsonst haben. Man kauft eine solche, gibt 1 Franc hin und bekommt 17 Metalliks zurück. Diese gibt man in der Stadt wieder für 1 Franc aus — und die Postkarte hat man umsonst! Nun meint man, daß die Post dabei verlieren würde. Das sieht aber nur so aus. Denn rechnet man nach Piastern, so gibt ja die Post weniger für 1 Franc als man sonst bekommt. Sie hat also auch wieder gewonnen.

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