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Die Welt · 1911-08-25 · 34 (25.8.1911) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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900 DIE3&ELT No. Hollands, Frankfurts, Hamburgs und Londons auf sie zurückzuführen ist, daß sie seit ihrer Emanzipation in ganz Europa eine kolossale befruchtende Tätigkeit auf allen Gebieten .ausgeübt haben; daß sie auch auf rein geistigem Gebiete heute überall nicht nur zu den hervorragendsten Mitarbeitern zählen, sondern auch vielfach geradezu die Schöpfer der neuen, heute die Wissenschaft beherrschenden Richtungen sind, — man denke, um nur ganz wenige zu nennen, an Hertz und Ehrlich, an Marx und Stahl, an Spinoza usw.—; daß ihre tiefgründigen Denker auch in den heterogenen Kulturen so oft eine Umgießung aller geistigen, ethischen, religiösen Werte, eine Revoiutionierung und Erneuerung des ganzen Geisteslebens erzeugt haben: das müßte eigerftlich solche Schlüsse ziehen lassen auf ihren Wert für die Kultur unter gesunden Verhältnissen, daß wir diese Schlüsse nicht ziehen wollen, weil sie zu dithyrambisch klingen würden. Durch die zielbewußten Anstrengungen zahlreicher Generationen von Denkern und Politikern wurde hier ein Volk von reinem, weder durch venerische Krankheiten noch durch Alkohol vergiftetem Blute, von ausgeprägtem Familiensinn, eingewurzelten Gewohnheiten zum tugendhaften Leben, ungewöhnlicher geistiger Regsamkeit und idealer Geistesrichtung herangezüchtet. Es war eine selbstverständliche ergänzende Maßregel, daß diese höchsten ethischen Schätze nicht der Vernichtung auf dem Wege der Vermischung mit minder sorgfältig gezüchteten Rassen preisgegeben wurden. Das Verbot der Mischehen bewirkte es, daß der erste rassebildende Faktor, die Vererbung, seine Wirkungskraft in höchster Potenz betätigen konnte, indem die angedeuteten Vorzüge nicht nur unvermindert von Generation auf Generation übergingen, sondern dank der Inzucht sich stets steigerten. Andrerseits ergab sich aus dem Ringen nach ewigem Bestände eine in der Menschheitsgeschichte fast beispiellose Zuchtwahl. In dem Daseinskampf der Nation, die durch Schwert und Feuer, durch den härtesten wirtschaftlichen und moralischen Druck und durch stetige Abfallsverlockungen in ihrem Gefüge erschüttert wurde, konnten sich nur die geistig und moralisch stärksten und physisch zähesten Individuen erhalten und fortpflanzen. Die Geschichte belehrt uns aber darüber, daß auch; höchst begabte Völker, selbst wenn sie nicht ein solches Alter haben, wie in diesem Falle, alle Charakteristika des Greisentums aufweisen: sie verfügen gewöhnlich über außerordentliche Geschicklichkeit und Routine, über Gewandtheit und eine Überfülle von Talenten, aber die verjüngenden Impulse im geistigen Schaffen, die Frische des nationalen Lebens, das Beschreiten neuer Bahnen der kulturellen Tätigkeit sind ihnen versagt. Die Erbwerte dieser Rassen können nach zwei Richtungen gesondert werden: 1. die angeerbten biologischen, generativen Werte; 2. die durch das historisch-soziale Milieu überkommenen, die in Sprache, Erziehung, Unterricht, Literatur, Religion usw. wirksamen Überlieferungen der Vorfahren, die Traditionswerte. Die Begabungsquote, von der wir früher schon gesprochen haben, ist angeerbt, sie ist durch die Rasse gegeben, sie ist der endogene Faktor; die Traditionswerte aber sind nur gegeben durch die überkommene Kultur. Nicht deshalb fehlt Frische, fehlt Jugend und Kraft, weil die Rasse, sondern weil die Kultur, die Tradition schon alt ist. Würde eine alte Rasse von starker Begabung die auf ihr lastenden, das Originäre erdrückenden Traditionswerte abschütteln und durch neue, ihrem eigensten Jugendmilieu adäquate Werte ersetzen können, so würde, was den Kulturwert einer solchen Rasse betrifft, nichts mit ihm sich messen lassen. Wir erkennen also, daß trotz des außerordentlich großen Anteiles, mit dem die Juden unserer Tage an dem kulturellen Schaffen der Gegenwart partizipieren, alle diese Leistungen nur ein geringer Teil dessen sind, was sie unter normalen Schaffensbedingungen produzieren könnten. Wir sehen also in dem jüdischen Volk ein Rohmaterial vor uns, aus dem tatsächlich, um mit Buber zu sprechen, alles Gute und alles Schlechte werden könnte, beides in größtem Stile, oder das sich auch vollkommen auflösen könnte. Der Zionismus ist das Streben, es zu erhalten und nicht das Schlechte oder auch nicht irgendetwas wohlfeil Gutes, sondern das Beste aus ihm zu entwickeln. Notwendig muß dies das Streben aller guten Juden sein, seien sie nun Zionisten oder nicht. Aber nicht nur der Juden, sondern aller, deren Streben dahin' geht, vorhandenes Rohmaterial, sozusagen brachliegende Naturschätze vor der Vernichtung zu bewahren, sie für die allgemeine Wohlfahrt und Kultur auszunützen. Aus dieser gemeinsamen Basis ergibt sich von selbst, was an unserem Ziel notwendig, essentiell, und was zufällig, temporär, akzidentell und ausscheidbar ist. Der Zionismus ergibt sich in dieser Art als einm notwendiges Ziel nicht nur nationaler, sondern kosmopolitischer Überlegungen. Aber er ist mehr als das. Jeder Mensch hat in sich das Streben nach möglichster Entfaltung seiner Persönlichkeit. Mit der Größe seiner Aufgabe wächst der Mann. Die Dekadenz, die große Lehre unserer westlichen Kulturmenschheit mit ihrer Lebensüberdrüssigkeit, mit ihrem Jagen nach äußern Genüssen, ist zum großen Teil dem Mangel an Aufgaben zuzuschreiben. Nur in den großen Gefahrperioden der Menschheit erstanden ihr auch ihre Heroen. Was wir gegenwärtig an menschlicher Größe sehen, es sind fast nur die Helden noch unterdrückter Völker, die ihr Leben gegen die Tyrannei in die Schanze schlagen. Nichts in der Welt aber könnte sich mit der Größe derjenigen Aufgabe messen, die der jüdischen Elite wartet. Wie oft sehen wir es im sozialen Leben, daß nur irgendein zufälliges Geschehnis bei völliger Gleichheit der Anlagen den einen auf die Höhe des Glücks, mit allen Möglichkeiten, sich geistig und seelisch zu vervollkommenen, den andern aber in Dürftigkeit und damit in engen Horizont, Niedrigkeit der Gesinnung und Häßlichkeit hinausführt, eine Proletarisierung, deren Fluch sich auch die Nachkommen kaum je entziehen können. Im historischen Leben geht es nicht anders mit den Völkern. Wir waren nun schon zu oft das Objekt der Proletarisierung. Und deshalb wollen wir jetzt genau erkennen, warum wir und ob wir denn immer diesen Fluch tragen müssen, und durch diese Erkenntnis wollen wir dann auch die Mittel gewinnen, selber endlich die Herren unseres Schicksals zu werden. o o o o o o o t i o o o o o o o 7 AUS DER BEWEGUNG o o o o o o o 3 o o o o o o Sitzungen des E. A. C. Das E. A. C. hielt am 16. und 17. August in Basel seine ersten Sitzungen ab. In beiden Sitzungen waren sämtliche Mitglieder anwesend. Zum Vorsitzenden wurde Professor Warburg, zum stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Jacobson gewählt. Es wurde beschlossen, die Bureaus möglichst bald, spätestens am 1. Oktober zu übernehmen. Alle technischen Fragen, die mit der Verlegung der Bureaus, der Redaktion der „Welt" zusammenhängen, wurden eingehend besprochen. Zu diesen Besprechungen wurden die Herren S. Hoofien und Dr. Rosenblüth zugezogen. Das Große A. C. soll möglichst bald zusammentreten, um über die wichtigsten Richtlinien der Tätigkeit der neuen Leitung zu beschließen. Sitzung des Großen A. C. am 16. August 1911 in Basel Professor Warburg eröffnet die Sitzung um IIV2 Uhr und begrüßt die erschienenen Mitglieder des neugewählten Großen A. C. im Namen des E. A. C. Er macht Mitteilung von der soeben erfolgten Konstituierung des E. A. C. und berichtet über die in der vorangegangenen E. A. C.-Sitzung gefaßten Beschlüsse. Er hebt hervor, daß möglichst bald eine Sitzung des Großen Actions-Comites einberufen werden soll, in welcher über die Richtlinien der künftigen Arbeit entschieden werden müßte. Das E. A. C. werde dieser Sitzung sein Arbeitsprogramm vorlegen. Das E. A. C. wolle zur Bearbeitung verschiedener wichtiger Fragen Ausschüsse bestellen, deren Mitglieder nicht ausschließ-

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