Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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heure Möglichkeiten in diesem Rassenkörper noch schlummern, dann ergibt sich als ein Ziel, das allen jüdischen Parteien und wohl auch allen jedem Nationalismüs abholden rein kosmopolitisch denkenden Nichtjuden gemeinsam sein muß, das Streben: nach Erhaltung, nach Regeneration, nach Höherbildung dieser Rasse. Und dieses eine feste Ziel ist jetzt auch das orientierende Prinzip des vorliegenden Buches. Die Möglichkeit aber, dieses Ziel zu erreichen, besteht nur dann, wenn es gelingt, einen integrierenden Teil der Judenheit wieder zu einer geschlossenen Masse zu konsolidieren unter Rückkehr zur Urproduktion, unter freien kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten, unter der die Stabilität der Entwicklung, den auswärtigen Schutz und eine kräftige ökonomische Entfaltung sichernden Souveränität eines Großstaates. Natürlich hängt aber die Richtigkeit dieser Beantwortung davon ab, ob es stimmt, daß gegenwärtig der Auflösungsprozeß unseres Volkes wirklich in vollem Gange ist und in seinem unaufhaltsamen Vorwärtsschreiten nur durch die Erreichung unseres zionistischen Zieles erfolgreich gehemmt werden kann; und zweitens davon, ob es stimmt, daß der Kulturwert der jüdischen Rasse wirklich ein so hoher ist und ob, von allen nationalen Empfindungen abgesehen, die Vermischung nicht etwas vorteilhafteres wäre als die noch weiter fortzusetzende Rasseninzucht. Mit dieser Frage nun kommen wir auf das Rassenproblem. Auch Ruppin setzt die Untersuchung dieser Frage, indem er auf das von mir darüber geschriebene Buch hinweist, über diesen Punkt hinaus nicht fort Nur will ich, bevor ich jetzt selbst darauf eingehe, kurz auf einen Punkt hinweisen, der — vorhin bloß leicht gestreift — leicht zu einer irrtümlichen Auffassung Anlaß geben könnte: das war meine Bemerkung über die Hinfälligkeit der sogenannten sozialökonomischen Argumentation. Es wäre falsch, anzunehmen, daß all die drückende Not von heute mit der ersten Konzession von Seiten der türkischen Regierung eine Sache der Vergangenheit wäre, daß man heute die ganzen Massen wandernder Juden nach Palästina leiten könnte. Wir müssen nur die heutigen Verhältnisse in Osteuropa als die Exemplifikation eines tiefer liegenden Gesetzes erkennen, daß di* Juden, solange sie nicht zu einem integrierenden Bestandteile wieder zur Urproduktion zurückkehren und nur Lücken in der Wirtschaftsorganisation anderer Völker ausfüllen, bei unbefridigenden allgemeinen ökonomischen Verhältnissen dieses Landes stets von dem Damoklesschwert der Depossedierung bedroht sind. Und die Erkenntnis der periodischen Wiederkehr dieser Depossedierungen und ihrer Ursachen ist ein sozialökonomisches Argument dafür, die Juden wieder zur Urproduktion zurückzuführen, das, wenn erkannt, wenn schon nicht das Unglück von heute, so wenigstens das von morgen und übermorgen unmöglich machen könnte. Nun aber wollen wir uns der Frage zuwenden, ob denn wirklich dieser Zermalmungsprozeß, dessen Objekt die Judenheit ist, gar so schrecklich rapide fortschreitet, wie dies in der letzten Zeit immer wieder hingestellt wurde. Und tatsächlich bröckelt vor unsern Augen Stein um Stein aus dem einst so fest gefügten Bau. Taufe und Mischehen lichten die Reihen der Juden in immer steigendem Maße, so daß der gleichzeitige starke Rückgang der jüdischen Geburten es immer schwieriger macht, die Lücken auf natürlichem Wege wieder zu schließen. Bis jetzt, sagt Ruppin richtig, war der Abbröckelungsprozeß auf Mittel- und Westeuropa beschränkt. Man konnte bis vor einigen Jahren glauben, daß nur hier für ihn Boden sei, und daß die sechs Millionen Juden jenseits der Weichsel von ihm unberührt bleiben würden. Seitdem hat aber die russische Revolution grell gezeigt, wie stark insbesondere die intelligente Oberschicht der Juden bereit ist, sich unter Aufgabe ihres Judentums in den Strudel des russischen Lebens zu stürzen. Damit greift der Abbröckelungsprozeß auf die großen Judenmassen Osteuropas hinüber und droht, das letzte Bollwerk der Judenheit zu untergraben. Oberall gravitieren nationale Minderheiten in der Richtung zur nationalen Mehrheit. Trotz der großen Bedeutung, die bisher die Religion der Juden hatte, erzählt uns die Geschiente unserer Vergangenheit doch, daß auch bisher schon die Judenschaften ganzer Länder, wie die zehn Stämme, die Juden in Ägypten vor der Völkerwanderung, die in China, die blühend mittelalterlichen Gemeinden in Griechenland und Sizilien einfach verschwunden sind. Es ist ein falscher Optimismus, der die jetzige Krise deshalb geringschätzt, weil die Judenheit zwei Jahrtausende allen Gefahren zum Trotz ihre Existenz bewahrt hat. Schon in der Vergangenheit sehen wir das Verschwinden so bedeutender Gruppen. Und doch besagt diese Vergangenheit noch gar nichts für die Gegenwart, weil die äußern Verhältnisse heute eben ganz andere sind als jemals zuvor. Die Bevölkerungsbewegung der Juden in der Diaspora zerfällt — ich spreche hier wieder mit den Worten Ruppins in eine absteigende und eine aufsteigende Kurve. Der Abstieg brachte die Zahl der Juden, die zurzeit der Vernichtung ihres Staatswesens etwa fünf Millionen betrug, im Laufe der darauf folgenden etwa sechzehn Jahrhunderte bis auf eine Million zurück. Der Aufstieg hat sie im achtzehnten Jahrhundert etwa auf drei Millionen und bis zur Gegenwart auf zwölf Millionen vermehrt. Es ist unzweifelhaft, daß die heutige Zahl der Juden in keiner frühern Epoche der jüdischen Geschichte auch nur annähernd erreicht worden ist. Aber zu gleicher Zeit sind auch die Gefahren, die ihrem Bestände drohen, größer als sie jemals zuvor waren. x Der gegenwärtige Höhepunkt der numerischen Stärke der Juden konnte nur erreicht werden, weil die Juden im achtzehnten und zum großen Teil noch im neunzehnten Jahrhundert vor Taufe und Mischehe bewahrt blieben, eine niedrige Sterbeziffer hatten und die im Gefolge der modernen Kultur einhergehende Furcht vor großem Kindersegen nicht kannten. Der Wegfall dieser Momente muß von neuem zum Abstieg führen, und zwar noch um so rascher, je rascher das Wachstum der Ziffer der jüdischen Binnen- und Auswanderung fortschreitet. Die Ziffern der Taufen und namentlich der Mischehen auf den Vorposten der Assimilation, namentlich in Dänemark, in den Westländern, in Australien, in Italien, jetzt auch schon in Deutschland und besonders stark in den Großstädten erreichen — worauf ich ja in statistischen Zusammenstellungen in meinem Buche hingewiesen habe — auch Teilhaber hat ja erst vor kurzem wieder nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht — eine solche Höhe, die Binnenwanderung in die Großstädte schreitet so rapide fort, die Auswanderung und Zerstreuung aus dem Osten und ebenso die Entnationalisierung der noch stabilen Juden infolge des durch das soziale und ökonomische Leben bedingten Verlustes der Sprache, info'geder Akquisition kosmopolitischer Bildung undSitten nimmt so starke Dimensionen an, die Maßgeblichkeit der alten Orthodoxie ist infolge der modernen Weltanschauungen s o im Sinken begriffen, daß man mit Fug und Recht sagen kann, daß die Religion allein heute nicht mehr imstande ist, die Juden in der Diaspora vor dem gänzlichen Untergange zu retten, und daß wir in der gegenwärtigen Assimilationsbewegung die gefährlichste Krisis erblicken müssen, welche die Juden seit ihrer Zerstreuung je bedroht hat Wenn einmal über kurz oder lang das Verbot des Aufenthalts außerhalb des Ansiediungsrayons fallen sollte, so würde dann mit dem wirtschaftlichen Aufstieg, der bessern Schulbildung der Kinder, den vermehrten Verkehrsbeziehungen mit den Christen, vor allem mit der Auflösung der derzeitigen großen Mehrheit in kleine, über das ganze ungeheure Reich zersprengte Minderheiten — in Rußland heute nur in rapiderer Form — dieselbe Entwicklung beginnen, wie sie in Westeuropa mit dem bekannten Resultate im vorigen Jahrhundert begonnen hatte. Ja aber — wir müssen als denkende Menschen uns ja auch von nationalen Empfindlichkeiten befreien können, wir müssen ja imstande sein, bei einer wissenschaftlichen Betrachtung diese Fragen aus dem Rahmen der gefühlsmäßigen Beurteilung heraus zu heben und sie allgemein gültig zu beantworten — würde es denn, von der Warte eines höhern Standpunktes aus betrachtet, überhaupt ein Unglück sein, wenn ein Volk, das zum Leiden erschaffen scheint, seine volkliche Existenz endlich einbüßt und die Individuen, die es umschloß, dadurch um so freier und glücklicher werden? Werden die Juden für die Menschheitskultur mehr leisten oder werden sie überhaupt glücklicher sein, wenn sie als Sondervolk bestehen bleiben oder wenn sie in den andern Völkern restlos aufgehen und verschwinden? Wir kommen damit auf das Kapitel des Rassenwertes der Juden. — Die intellektuelle und charakterologische, die ästhetische sowie die physische Minderwertigkeit der jüdischen Rasse, das ist, in wenigen Worten konzentriert, das Ergebnis der bisherigen Forschungen auf dem Gebiete der Rassenanthropologie und -Biologie. Die Sanktion aller judenfeindlichen Bestrebungen einerseits, der Mangel an Stolz und Selbstgefühl andrerseits, das ist ihr praktisch-politisches Ergebnis. Man sprach den Juden als den einzigen Nichtariern des westlichen Europas zwar nicht die geistige Gewandtheit ab, wohl aber alle höherwertigen produktiven und gestaltenden Fähigkeiten. Nun weiß man ja allerdings heute, daß die Sage von der großen herrlichen arischen Rasse eben eine bloße Sage ist, und daß es eine der größten Geschichtslügen ist, von Ariern und Nichtariern zu sprechen. Nichtsdestoweniger ist nicht nur der Gegensatz zwischen denjenigen Rassengruppen, die man früher als Arier und Nichtarier bezeichnet hat, um nichts geringer geworden, sondern hat sich noch bis zur Unerträglichkeit verschärft, durch die sogenannte Germanentheorie, dem großen Publikum am meisten bekannt durch ihren Propheten Chamberlain. Leider ist es mir nicht möglich, auf dieses interessante Gebiet