Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- [Sonder-Ausgabe] Nr. 4 (14.8.1913)
- Date
- 1911-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Das Wandern des jüdischen Volkes ist wahrlich nichts neues. Seit Pharao, Nebukadnezar bis zum heutigen Tag war die Fläche des Judentums immer eine sehr bewegliche. Es brauchte nur ein Stein hineingeworfen zu werden, und die Fläche fing an, sich zu bewegen und "Wellen zu schlagen. Aber so beweglich war sie nie wie in der letzten Zeit; da sind gar viele Steine hineingeworfen und die Wellen sind so gross geworden, wie sie nie waren. Eine solche Auswanderung hat das Judentum nie gehabt, und eine solche Auswanderung prozentual existiert in der Welt nicht. Ich habe Statistiken verteilt; Sie ersehen daraus, dass nur nach den Vereinigten Staaten in den letzten 25 Jahren 1,800,000 Juden ausgewandert sind, mit den anderen Ländern 2,200,000. Bloss in den letzten 10 Jahren 1,200,000 Juden, das ist ungefähr der sechste Teil des jüdischen Volkes. Wenn es weiter in diesen Dimensionen geht, so wandert das ganze jüdische Volk, das jetzt lebt, in einer Generation aus. Die Auswanderung zur Zeit der Inquisition in Spanien war nicht so gross wie jetzt in zwei Jahren. Am Ende des vorigen Jahrhunderts, wo manche schon ein bisschen an eine Emanzipation glaubten, ist die Zeit wieder gekommen, wo das Judentum den Wanderstab ergreifen musste. Das jüdische Volk ist ein hartnäckiges Volk. Es will nicht sterben, ja es will nicht alt werden; und geht es ihm schlecht, dann wird es wieder der alte Ahasver, der den Stab in die Hand nimmt und geht, bis er wieder ein gastlich Haus findet. In der Frage der Emigration haben wir wenig Material*, sie ist wenig studiert worden. Manche wollten Vogelstrausspolitik treiben: man solle so wenig als möglich darüber sprechen; das ist der Kapitalfehler. Eine Be-. wegung, die hunderttausende unserer Brüder mit sich nimmt, kann man nicht verschweigen, mag man über Nutzen oder Schaden dieser Bewegung streiten. Für uns Zionisten existiert diese Frage schon bestimmt nicht. Für uns gibt es nur eine Emigration, und das war die unglücklichste aller Auswanderungen, das war die Auswanderung aus Palästina. (Beifall.) Für uns gibt es nur eine Lösung, die das Glück des jüdischen Volkes sein wird, und das ist die Auswanderung nach Palästina. (Beifall.) Alles andere ist Flickwerk, ist nur Arbeit für die Gegenwart * aber wir sind verpflichtet, diese Frage eingehend zu behandeln und zu studieren. Ganz kurz will ich versuchen, über diese Fragen einige Details zu geben, vor allem über die Motive der jetzigen Emigration. In der Hegel und hauptsächlich sind die Beweggründe der Auswanderungen ökonomischer Natur. Ein Blick auf die angeführten Verhältnisse zeigt, dass das bei der jüdischen Emigration nicht zutrifft. Die Zahlen gruppieren sich hauptsächlich um die Zeit der Ausweisungen aus Moskau, um Kischinew, aber noch unendlich grösser 1906/07, und gerade da waren die ökonomischen Verhältnisse in Amerika sehr schlecht. 1908 war die Zahl der Rückwanderer aus Amerika viel grösser, als die der Einwandernden; trotzdem hat die Einwanderung der Juden nicht nachgelassen. Das beweist, dass die Emigration der Juden ganz andere Grundlagen haben muss als nur ökonomische. Nach Seneca gibt es drei Arten von Emigrationen : politischer, persönlicher und ökonomischer Natur. Inzwischen haben wir die religiöse Auswanderung gesehen, wie die unserer Brüder aus Spanien, die nationale, wie die der Iren aus Grossbritannien, die politische,'wie die der Buren in Afrika — die Juden haben eine neue Art von Auswanderung. Eine kleine Geschichte von einem Auswanderer aus Jusephka wird Ihnen das illustrieren. Es war ein ziemlich wohlhabender Mann, der nach Amerika auswanderte. Er sagte mir: „Ich war Augenzeuge, wie man mit grossen Zangen, mit denen man die Eisenblöcke nimmt, um sie in einen Hochofen hineinzuwerfen, einen Menschen genommen und in einen Hochofen hineingeworfen hat. Seitdem ich das Bild vor Augen habe, muss ich weit weg von dem Ort, wo ich es gesehen habe, denn ich fürchte, ich werde wahnsinnig!" Diese Motive der Auswanderung waren nicht massgebend in den neunzehn Jahrhunderten zuvordie kommen erst im zwanzigsten: es ist die feste Überzeugung, dass man nicht mehr so leben kann, dass es weiter nicht so geht, und dass man irgendwohin aus dem brennenden Hause sich flüchten muss, um irgendwo anders zu sein. Das ist der Grund der jetzigen Emigration, und das drückt sich in den statistischen Zifern aus. Keine einzige Emigration gibt einen solchen Prozentsatz von Frauen und Kindern, wie die jüdische. Zwischen 2 und 17 Prozent bei den anderen Nationalitäten — nur bei holländischen Kolonisten bis zu 17 Prozent —: bei den Juden schwankt er zwischen 24 und 26 Prozent. Das ist nicht eine Auswanderung wie zum Beispihl bei den Chinesen, wo von 4,800,000, die auswandern, 4 Millionen zurückkehren, oder wie bei den Italienern, sondern wir gehen mit Weib und Kind, um nicht mehr zurückzukommen. Und dementsprechend muss man die Auswanderung auch organisieren. Wie Sie aus den Zahlen lesen, liefern unsere Auswanderer etwa dreissig bis vierzig Prozent Handwerker, lauter gelernte Arbeiter. Einen solchen Prozentsatz hat kein einziges Volk unter seinen Auswanderern aufzuweisen. Ein Drittel der jüdischen Bevölkerung liefern zwei Drittel der Auswanderer: ein Beweis, welch kräftiges, gesundes Element nach Amerika von uns geht. Von Verbrechern und Empfängern von Armenhilfe stellt die jüdische Auswanderung das allergeringste Kontingent von allen Nationen: ein Beweis, dass der jüdische Auswanderer jedenfalls nicht der schlechteste ist, wenn er nicht der beste ist. Es wird viel Spektakel daraus gemacht, dass die jüdische Auswanderung 50 bis 52 °/0 von Leuten bringt, die keinen Beruf haben; man folgert daraus, dass ein unerwünschtes Element nach Amerika komme. Man übersieht dabei, dass das einfach an dem hohen Prozentsatz von Frauen und Kindern liegt; daher ist der Prozentsatz der Berufslosen scheinbar grösser, als bei den anderen Nationen. Nicht einmal 10, nicht einmal 5 °/o Berufslose wandern aus. Nach einer langjährigen Statistik, die wir in Libau gemacht haben, schwankt es zwischen 2 und 3 %, nicht mehr, und auch diese stehen meistens zwischen 15 und 16 oder über 70 und 80 Jahre. De facto findet man fast gar nicht, dass ein erwachsener Mensch, der auswandert, keinen Beruf hat. Das Wort von der nichterwünschten Immigration ist in letzter Zeit viel gebraucht worden. Eine sehr angesehene antisemitische russische Zeitung hat sogar mit grösser Freude behauptet: auch Amerika will keine Juden mehr haben, es hat 24,000 Juden zurückgeschickt. Nicht ein "Buchstabe ist davon währ. Im Gegenteil, die Zahl der in Amerika Zurückgewiesenen ist bei den Judefx sofar kleiner als bei den anderen1, 0,8°/o gegenüber l(j°/o- 'reilich immer noch ein hoher Prozentsatz; dxa'',jpmwanderungskommission in New York geht mitunter' mit