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Die Welt · 1911-08-10 · (10.8.1911) Nr. 1 · page 18

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
(10.8.1911) Nr. 1
Date
1911-08-10
Page
– (sequence 18)
Language
German
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796 DIEHELT No. 1 die Begabungsqualität ist nicht an die Rasse gebunden, sondern ein Produkt des Milieus und der jeweiligen Entwicklungsstufe. Die Begabungsquote aber ist abhängig von der Rasse, von ihrem Alter und ihrer Reinheit und von der Intensität ihres Kulturlebens in der Vergangenheit. Eine Rasse mit sehr starker und ununterbrochener Kulturtätigkeit hat infolgedessen eine grössere Begabungsquote. Es ist ferner nicht gut, wenn hochgezüchtete Rassen sich miteinander mischen, weil beide Teile dadurch verlieren. Daher müsse sich Redner gegen die zu weit getriebene Assimilation wenden. Jede Rasse müsse möglichst weitgehende Entwicklungsmöglichkeiten erhalten. Assimilation der Kultur, aber nicht des Blutes, d. h. x\blehnung der Rassenmischung. Starker Beifall.) An diese Polgerung knüpfte er dann am folgenden Tage in seiner zweiten Rede an, die wir hier ihres bedeutsamen und das Thema in logisch erschöpfender Weise behandelnden Inhaltes wegen mit unwesentlichen Kürzungen folgen lassen. „Wenn ich vor einem Forum, wie es dieser Kongress ist, die Juden frage bespreche, so brauche ich nicht erst vorauszuschicken, dass nach den anthropologischen und soziologischen Forschungen die sogenannten wissenschaftlichen Begründungen des Antisemitismus, dass die Juden eine inferiore Rasse darstellen, heute eine abgetane Sache sind. Wenn ich über die jüdische Rassen frage hier spreche, so will ich tiefer in dieses interessante Problem hineinleuchten. Ich betonte in meiner gestrigen Rede, dass die bisherigen Redner wohl darin Recht haben, dass es grundsätzliche Verschiedenheiten zwischen den einzelnen Rassen nicht gibt, dass die Begabungsqualitüt im Laufe der Jahrhunderte nach den verschiedensten entgegengesetzten Rieh - Uuigen sich ändern kann, dass sie nur einen Ausdruck der Einwirkungen des Milieus und der jeweiligen Entwicklungsstufe darstellt, dass aber die Quote der Begabung nur abhängig ist von der Rasse selbst, abhängig ist von ihrem Alter und der Intensität ihrer "bisherigen Kulturtätigkeit. Ich betonte weiter, dass wir das Bestreben haben müssen, gerade damit, wir das kosmopolitische Ziel erreichen, unsere Kultur auf eine möglichst hohe Stufe der Entwicklung zu bringen, hoch gezüchtete Rassen, deren Begabungsquote eine überragende ist, rein zu erhalten, die Assimilation ihres Blutes, das heisst ihre Auflösung, zu verhindern. Es steht heute fest, dass die jüdische Rasse, neben der chinesischen die älteste der Well, mit ihrer seit ihrem Bestände ununterbrochenen Kulturtätigkeit, mit ihrer ganz beispiellosen auf die geistige und seelische Auslese gestellten Zuchtwahl, wenn sie begabungsqualitativ ihre Anlagen noch nach anderen Richtungen hin mehr entfalten könnte, als ihr das in ihrer gegenwärtigen Diaspora 'möglich ist, dass sie dann ganz ungeheure kulturelle Möglichkeiten in sich birgt. Es steht nun fest, dass diese Rasse -— Rasse im Sinne meiner Definition als Inzuchtsgruppe seit mehreren Jahrtausenden gegenwärtig von Ver niehtung bedroht ist. Im Osten durch politischen Druck und ökonomische Not, im Westen, wo sie überall nur in kleinen Minderheiten zerstreut leben, durch den überraschend starken und von Jahr zu Jahr zunehmenden Umfang der Taufen und Mischehen. Die letzte Ursache der ökonomischen Not im Osten liegt darin, dass die Juden, seit sie in der Zerstreuung leben, nur Händler, aber nicht Ackerbauer sind, und dadurch auch dem für die nicht mehr der Urproduktion angehörenden Gruppen aller andern Völker geltenden soziologischen Gesetz der Depossedierung unterworfen sind, wenn es nicht meingilt, Lücken in der 'Wirtschaftsordnung der Autochthonen auszufüllen. — Die letzte Ursache aber für die Auflösung des Blutes liegt darin, dass kleine Minderheiten bei gleicher .-Kulturstufe stets sich verlieren, wo die -Mischehe nicht durch den äusseren Zwang des staatlichen Gesetzes oder durch den inneren Zwang des Religionsgesetzes verhindert wird. Beide Faktoren bestehen heute im Westen nicht mehr, deshalb die innere Notwendigkeit des tatsächlichen Resultates. Die bei der Besprechung der jüdischen Rassen fragen sich ergebenden Probleme lassen sich in drei Hauptpunkte zusammenfassen : 1. Die wissenschaftliche Untersuchung der den Antisemitismus stützenden Rassentheorien, 2. die notwendige Behebung der ökonomischen Not im Osten und die damit zusammenhängende Regelung der Aus wunderer frage, 3. die im nationalen, vor allem aber im kosmopolitischen Sinne noch viel wichtigere Menscliheitsforderung, die Rasse wegen der vielen Möglichkeiten, die infolge ihrer reichen Begabung in ihr schlummern, zu erhalten. Die definitive Beseitigung der Not, und gleichzeitig die Möglichkeit einer Regeneration läge in der Rückführung zur Landwirtschaft. Die bei freien Gesetzen einzige Möglichkeit ihrer Erhaltung als Stamm würde darin liegen, aus kleinen isolierten Minderheiten sie zu einer grossen geschlossenen Masse zu konsolidieren. Beide Notwendigkeiten nun führen auf das zionistische P r o g r a m m , das nicht eine Sache der Staatliehen, sondern im Wesen eine Sache der Kulturpolitik repräsentiert. Denn Kaufleute wieder zu Bauern zu machen ist nur in einein Lande, nur dort möglich, wo starke ideelle Faktoren mitwirken, "wie es die historischen Beziehungen der alten Heimat sind. Dass es dort möglich ist, ist heute auch schon durch die Tatsachen bestätigt. Die aus dem Studium der jüdischen Rassenfrage sich ergebende wissenschaftliche Forderung lautet: Territoriale Konsolidierung unter Rückführung zu r U rprodukti o n ii n ter freien ku 11 ure 11 e n En t f a11 u n gsmöglic hke i t en u n ter der den aus wartigen Schutz, die S tab i 1 i t ä t und eine kräftige ökonomische Ent w i c k - 1 u n g siehe r n d e n Souver;i n i t ä t ei n es.Grosssta a t e s, wie der T ü r k e i. Im Mai dieses Jahres wurde im ottomanischen Parlament der Antrag gestellt, eine Kommission einzusetzen, die die Regierung über das Wesen dieser Bewegung aufzuklären habe. Es wäre eine der schönsten Aufgaben des Kassenkongresses, seinen moralischen Einfluss auf das Zustandekommen einer derartigen Aktion zu verwenden. Die Erreichung eines solchen Zieles würde nicht nur die Rückführung einer uralten Rasse aus dem zwei Jahrtausend alten Exil bedeuten, sondern auch für das betreffende Reich durch den Zuwachs loyaler Elemente, durch den Zuwachs von Intelligenz, Arbeitskraft und Kapital ein Glück und vielleicht sogar eine Notwendigkeit. Das wäre aber vor allem eine ganz unvergleichliche Exemplifikation der Ideen dieses Kongresses. Wenn den Juden wirklich die historische Mission zufallen sollte, durch friedliche Kulturarbeit — wie nach Werner Sombart bisher in den meisten Ländern des Abendlandes und der neuen Welt, so nunmehr in ihrem eigenen Heimatlande — diese Provinz des grossen türkischen Reiches wieder zur Blüte zu bringen und dadurch dem Reiche selbst sowie dem Orient, einen Strom neuer gesunder Säfte zuzuführen, die begabten morgenländischen Rassen mit modernem Wissen und modernem Fortschritte zu durchdringen, so wäre das in dem hohen Sinne dieses Kongresses eines der sichersten Instrumente, der modernen Kultur den alten Orient wieder zu erobern, Ost und West durch friedliche Methoden für einander zu gewinnen, durch dasselbe Volk, das so oft schon die grössten Kulturmissionen durchgeführt. (Stürmischer Beifall.) Das Referat fand eine ausgezeichnete Aufnahme. Da es in deutscher Sprache erstattet worden war, übernahm es Herr Zangwill, es ins Englische zu übersetzen. Er tat dies mit einigen einleitenden Worten, in denen er Dr. Zollschan dem englischen Publikum als den Autor des „ R as s e n p r o ble m", eines der besten Werke der gegenwärtigen Literatur, vorstellte. An die Uebersetzung selbst knüpfte er einige Bemerkungen, in denen er hervorhob, dass. er mit den Argumenten des Redners vollkommen einverstanden sei. Er glaube aber, dass nicht nur Palästina, sondern auch ein anderes Land geeignet ist, das Judentum vor dem Untergang zu retten. Ihm entgegnete Dr. Zollschan in einem kurzen Schlusswort: Um ein dem Pflug so lange entwöhntes Volk wiederum dem Ackerbau zu gewinnen, müssen so starke ideelle Faktoren mitwirken, wie solche nur die historischen Beziehungen der alten Heimat für die Juden bedeuten können. Nirgends sonst geht ein städtisches Element freiwillig auf das Land zurück. Damit schloss die unter dein Vorsitz des Lord W"eardale sehr würdig und für uns ehrenvoll verlaufene Diskussion. Schluss des redaktionellen Teiles. lojga^^atrcgyswjjj^^

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