Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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ihren Plätzen, für die jüdischen Schüler aber wurde die Prozentiaorm eingeführt. 80 jüdische Gymnasiasten mußten nun das Gymnasium Aerlassen. Maßregeln gegen ausländische Juden Der Petrokauer Gouverneur wies die ihm uuterstehendenLandräte und Polizeichefs an, die nach Rußland kommenden ausländischen Juden scharf im Auge zu haben und unnachsichtüch auf die peinlichste Genauigkeit der vom Gesetze vorgeschriebenen Dokumente zu achten. Bei der geringsten Ungenauigkeit der in Beitracht kommenden Papiere dürfte der Reisepaß der Betreffenden nicht visiert werden. Besonders streng aber soll auf diejenigen Juden geachtet werden, die nicht in Handelsgeschäften nach Rußland kommen. Russische Staatsmänner über die gegenwärtige Lage der russischen Juden Der Mitarbeiter des „New York Herald", Herman Bernstein* der vor kurzem von einem längern Aufenthalte in Rußland zir.rtickgekehrt ist, berichtet über seine Unterredungen mit hevorrageiadeh russischen Staatsmännern über die Judenfrage. Graf Witte erklärte Herrn Bernstein, daß die gegenwärtige Lage der russischen JRiiden hoffnungslos sei. Es bestehe die Absicht, die Rechte der Huden auf dem Gebiete der Volksbildung so sehr einzuschränken, daß das nachkommende Geschlecht überhaupt keine Möglichkeit mehr liaben sollte, irgendwelche allgemeine Bildung zu genießen. Die Gesetzesvorlage wegen Aufhebung des Ansiedlungsrayons habe viel zu viel Gegner, als daß man eine günstige Erledigung derselben erwsaiten könnte. — In gleichem Sinne äußerte sich auch Finanzmid ster Kokowzew. — Herr Bernstein berichtet ferner, das er aus den Unterredungen mit Witte, Kokowzew und dem amerikanischen Botschafter in Petersburg, Rockhill, die Überzeugung gewonnen habe, daß die russische Regierung nicht im entferntesten daran denke, amerikanischen Juden das Aufenthaltsrecht in Rußland einzuräumen. Neue Judenausweisungen Die Ausweisungen der jüdischen Kranken, die sich über ihr Wohnrecht nicht ausweisen können, hat in den transbaikalisichen Kurorten bereits begonnen. Im Badeorte Karatschi würde über sämtliche jüdischen Gaste, die hier in großer Anzahl zur Kur eingetroffen waren, die Ausweisung innerhalb drei Tagen verfügt. Maßregeln gegen jüdische Winzer Der Gouverneur von Taurien benachrichtigte zirkularisck: die ihm unterstehenden Polizeichefs, daß die jüdischen Winzer iliren eignen Traubenwein nur in denjenigen Weinrayons frei absetzen dürfen, die zum jüdischen Ansiedlungsrayon gehören, und cwar muß das Haus und der dazu gehörige Platz, wo der Verlkauf geschieht, volles Eigentum des Betreffenden sein. Außerhalb des Ansiedlungsrayons dürfen Juden auch keine Weinpflanzungern in Pacht nehmen. Neue Ausnahmegesetze Ende der vorigen Woche fand ein Ministerrat unter dem Worsitze Stolypins statt, in dem die Reform des Polizeiwesens behandelt wurde. Die Beratungen werden dieser Tage fortgesetzt werden. U. a. wird der Ministerrat über neue Beschränkungen der Juden im Bankwesen und im Ausfuhrhandel Beschlüsse fassen. Diese Beschränkungen werden insbesondere von Stolypin gefordert. In jüdischen Handelskreisen sieht man den Ergebnissen des Ministerrats mit großer Besorgnis entgegen. Falls die geplanten Beschränkungen tatsächlich zur Durchführung gelangen sollten, würde dies den Ruin tausender jüdischer Existenzen zur Folge haben. [g°^ NACHRICHTEN Mr. Jacob Schiff und der Emigrationskongreß In Petersburger gutunterrichteten Kreisen führt man die Verschietaig des Wiener Emigrationskongresses auf den Einspruch Mr. Ja«cob Schiffs zurück, der erklärte, die Abhaltung eines Emigratioonskongresses im gegenwärtigen Zeitpunkte würde eine schwere Gefahr für die amerikanisch-jüdische Emigration bedeuten. Die vor kurzem in Petersburg abgehaltene Emigrationskonfer^eniz (vgl. Nr. 25 der „N. J. K.") hatte eine Abordnung an die größten jüdischen Organisationen in Westeuropa entsandt, um sie für den.. Plan des Emigrationskongresses günstig zu st irnmen und zur Beschickung der Wiener Versammlung zu veranlassen. Diese Abordnung besuchte auch Mr. Schiff in Frankfurt a. M. Herr Schiff erklärte den Herren jedoch, daß nach seiner Kenntnis der Sachlage ein internationaler Ernigrationskongreß wie de* jetzt geplante die Verschärfung der Einwanderungsbestitntmungen in den Vereinigten Staaten zur Folge hätte, also gerade das Gegenteil von dem erreichen würde, was seine Veranstalter beabsichtigten. Diese Erklärung . des Herrn Schiff hat auf das Wiener Organisationskomitee einen solchen Ein druck gemacht, daß es die Verschiebung des Kongresses beschließ. Es wird auch versichert, daß die Idee des Emigrationskongresises überhaupt fallen gelassen worden sei, und daß anstelle des Kongresses im nächsten Jahre eine geschlossene Konferenz in kleinermMaßstabe abgehalten werden soll, an der sich dann auch die Ica uii*d der Hilfsverein der Deutschen Juden beteiligen dürften. Eine neue jüdische Ackerbaukolotiie in der europäischen Türkei Als vor zwei Jahren die Umgestaltung des ottomanischen Reichs in einen Verfassungsstaat sich vollzog, entstand unter den Juden Bessarabiens eine Bewegung, die dahin abzielte*, nach der benachbarten Türkei auszuwandern und dort jüdische landwirtschaftliche Kolonien zu begründen. In den Städten M owosselitzi und Bryczany schlössen sich zu diesem Zwecke etwa 100 jüdische Familien zusammen, die einen Vertreter nach Xonstantinopel entsandten, um für die Gruppe ein geeignetes Grundstück ausfindig zu machen. Der Abgesandte fand in der Nähe Konstantinopels ein Grundstück von 1200 Acre, das er denn auch für Rechnung der betreffenden Familien erwarb. Die Ica hat sich,, einer Meldung des „Rasswjet" zufolge, an dem Kaufe mit der Hälfite des Kaufbetrages beteiligt. Die neuen Kolonisten beabsichtigen bereits im Herbst d. J. auszuwandern und ihren Besitz in Bewirtschaftung zu nehmen. Eine jüdische Huldigung für König Georg V. Die jüdische Gemeinde zu Aden hat dem König Georg V. zur Krönungsfeier eine Huidigungsadresse gesandt. Das Dokument ruht in einem silbernen, reich verzierten Gehäuse und ist mit Ansichten von Aden geschmückt. Jüdisches vom allslavischen Journalistenkongreß In Belgrad wurde vor einigen Tagen der zehnte allslavische Journalistenkongreß abgehalten, an dem Vertre ter der russischen, polnischen, ruthenischen, tschechischen, slovenischen, slovakischen, kroatischen, serbischen und bulgarischen Presse teilnahmen. Die russische Presse war durch eine Anzahl von Reaktionären vertreten, die dem Kongreß im Auftrage des Petersburger Ministeriums des Äußern beiwohnten. Bei einem Bankett der Stadt Belgrad provozierten diese „Journalisten" arge Skandale, die *von der serbischen Presse scharf verurteilt wurden. Unter dem Eindruck dieser Vorfälle wird auch eine geplante serbische Gesellschaftsreise nach Südrußland unterbleiben. Das angesehene Belgraier Blatt „Pravda" motiviert das Unterbleiben der Reise damit, daß es den Russen einfallen könnte, unter den Serben wegen der jÄugsten Differenzen einen „Pogrom" zu arrangieren, wie dies gerade in Südrußland üblich sei, wo man die Juden in rohesbr Weise morde. Diese Motivierung ist um so bemerkenswerter, als bisher noch kein einziges serbisches Blatt seine Stimme zugunsten der Juden erhoben hat. Dasselbe Blatt erzählt noch folgendle Episode, die wir der Originalität wegen in getreuer Obersetzung wiedergeben wollen: „Es war beim Ausflug der Journalisten auf dem Schiffe Sumadija, Ein kleiner Junge von etwa 12 Jahren verkauft Feuerraketen und singt dabei alle möglichen slavischen Lieder, wie „Boze carja chranin", „Ah, Moskwa, Moskwa . . „Kde domov muj" und andere. Die Journalisten sind frappiert von der Stimme des Knaben und von den vielen slavischen Liedern, die er singt. Der Russe Stschawinski küßt und kost den Jungem vor Begeisterung, indem er zu ihm spricht: „Ach, du mein TEubchen, du liebe slavische Seele!" Der Slovene Gabrschek beantragt, daß der Junge zur Ausbildung nach Rußland geschickt werde. Der Antrag wird angenommen. Jeder verspricht, etwas beizutragen. Die Hälfte aller Kosten will natürlich Stschawinski tragen. Er Jcüßt noch immer den überglücklichen Knaben. „Wie heißt du, mein Täubchen?" fragt endlich der begeisterte Stschawinski. „Isaak Farchyantwortet der Knabe. Da beginnt der Russe auszuspucken, aus Ekel darüber, daß er diesen Juden geküßt hatte," Schluß des redaktionellen Teiles