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Die Welt · 1911-07-21 · 29 (21.7.1911) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
29 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 29' DIE^KELT 685 zionistischen Kräfte, die uermöge der besondern Organisation noch den Vorzug gewinnen, in der Kulturarbeit auch mit nichtzionistiscfien Kreisen zusammengehen zu können. Es ist ungerecfct, wenn man für unsere Untätigkeit oder mangelhafte Betätigung auf dem Gebiete der Kulturarbeit die zionistische Leitung verantwortlich macht; wohl sind dafür «die Zionisten verantwortlich zu machen, deren vornehmste Pflicht es sein sollte, das nationale Erziehungswerls zu fördern und die hebräische Sprache und Literatur zn pflegen. Bedenkt man, daß im Osten, wo wir ,gn*ße, dankbare Kulturaufgaben haben, so wenig für eine nationale Erziehung gesorgt wird; bedenkt man, daß die russische Jugend dem Judentum immer mehr entfremdet wird und bewußt und unbewußt zu einer Slayenkultur heraksinkt — es darf nicht übersehen werden, daß in Rußland die schlimmste Assimilation Tor sich geht, die schlimmste, weil sie nicht einmal den Vorzug der echten europäischen Bildung besitzt, — so möchte man fast an dem ernsten Wollen und an der Tatkraft unserer Kulturfürsprecher zweifeln. Freilich hat da die nationale Arbeit große Hindernisse zu überwinden, man macht aber von diesen Hindernissen einen zu großen Gebrauch. Wir sollten uns über die wahren Gründe dieser Arbeitsunfähigkeit nicht hinwegtäuschen. Es ist zu bequem, die Verantwortung für dEese unverzeihliche Untätigkeit von sich zu wälzen und der Organisation zu überlassen. „ Charit e fcien-entendue commence par soi-meme." Und was hätte die Organisation als solche tun können, was die Zionisten als solche nicht haben tun können. Hatten sie erst eine „Losung" nötig? Warum also beharren wir, insbesondere in Rußland, im Nichtstun and vernachlässigen die naheliegendsten Aufgaben der Nationalisierung und Hebräisierung der jüdischen Jugend, des Qemeinde- und Schulwesens, — Aufgaben, die ein fruchtbares .Feld für unsere Renaissance hat werden können; warum lassen wir diese großen Möglichkeiten jüdisch-kultureller Betätigung unbenutzt uid red«n in einemfort von der Notwendigkeit, Kulturarbeit zu leisten! Macht man von dargebotenen Arbeitsmögltchkeiten keinen Gebrauch, so hat man kein Recht, über „enge Grenzen4' zu klagen und mit einem Pathos, hinter dem keine echte Arbeitslust steckt, die Schaffung von Möglichkeiten für „Kulturtaten*6 zu fordern. Nun ist es eben das Grundübel, woran viele von uns kranken, daß man die Nähe der unmittelbaren Aufgabe meidet und die Ferne schwungvoller, tatentrückter Pläne sucht Es ist daher eine Verkennung der Sachlage, wenn man alle Hoffnungen der Kulturarbeit auf den X. Kongreß, setzt; man nährt damit nur den verhängnisvollen Irrtum, der die Passivität der Zionisten unsern kulturellen Zwecken gegenüber rechtfertigt und erst von der Legislative des Kongresses, die auf ein ihr nicht zustehendes Terrain erweitert werden soll, die entscheidende Lösung erwartet. Wir müssen uns darüber klar sein, daß der Kongreß die Kulftirfrage weder praktisch noch auch theoretisch beantworten kann. Er ist dazu gar nicht befugt. Soll er durch Majoritätsbeschluß darüber entscheiden, ob die jüdische Kultur auf der jüdischen Religion oder nur auf nationalen Grundlagen (welche wären die?) beruhen müsse? SaLI er durch Majoritätsbeschluß über die Sprachenfrage entscheiden? Wohl müßten wir zu ihr Stellung nehmen, insbesondere, wenn man übersieht, welche Begriffsverwirrung und -verflachung der Jargonkultus verursachte, der auch in Westeuropa keinen Anstand nahm zu erklären, der Jargon sei unsere nationale Sprache und müsse also von pflichtbewußten Zionisten gelernt und gepflegt werden. Wohl wäre es an der Zeit, mit den Halbheiten des Jargonzionismus aufzuräumen und das Hebräische in seine wahre nationale Würde einzusetzen — der Kongreß ist aber nicht dazu geschaffen, als eine Stätte für theoretische Diskussionen solcher Art zu dienen. Zu diesem Zweck müssen wir uns eine andere Tribüne errichten, und die will die „Organisation für hebräische Sprache und Kultur" sein. Sollten die Kongreßbeschlüsse auch Taten ermöglichen, so müssen sie vor allem dem Charakter unserer Organisation entsprechen. Wir können nicht Beschlüsse fassen, die einen Teil der organisierten Zionisten vor den Kopf stoßen; die einen Keil in unsere Organisation hineintreiben. Unsere Beschlüsse können nur allgemeiner und nicht bestimmter Natur sein. Wir müssen mit allem Nachdruck erklären, daß die Kulturarbeit der hebräischen Renaissance zu den ersten Pflichten eines jeden Zionisten gehört. Mit dieser Erklärung allein aber ist freilich nicht viel getan. Wir müssen einen Modus finden, der es unserer Leitung ermöglichen soll, mit der bestehenden und zu schaffendenOrganisation und Organen für nationale Kultur in regem Verkehr zu stehen und auf sie Einfluß zu nehmen. Diesen Modus zu finden, soll Aufgabe unseres X. Kongresses sein. K. Kongreß und Vereinsarbeit. Der Umstand, daß der Kongreß diesmal im Sommer stattfindet, dürfte einigermaßen seine unmittelbare Wirkung aüf die propagandistische Tätigkeit der Vereine abschwächen. Denn zwischen dem Termin des Kongresses und dem Beginn der Tätigkeit in den meisten Vereinen liegen einige Monate. Und doch ist es möglich, die starke Resonanz, die der Kongreß in der gesamten jüdischen, vor allem aber in der zionistischen Öffentlichkeit auslöst, zur Grundlage unserer Vereinstätigkeit in der nächsten Winterkampagne zu machen. Die Voraussetzung hierfür ist, daß wir alle Zionisten und die uns nahestehenden jüdischen Kreise dazu veranlassen, sich nicht nur flüchtig, sondern eingehend mit allen Vorgängen auf dem Kongreß zu befassen. Wir müssen dafür Sorge tragen, daß die jüdische Öffentlichkeit nicht nur durch die allgemeine, sondern durch unsere eigene Presse über den Kongreß orientiert wird. Dies ist auch schon deswegen wichtig, weil die Hauptreferate durch die allgemeine Presse nur auszugsweise, also sehr mangelhaft wiedergegeben werden, während es doch für uns wertvoll sein muß, nicht allein jedem Zionisten, sondern vielmehr noch jedem Juden die Referate, Berichte usw. möglichst vollständig zu bieten. Wenn sich jeder Zionist während der Sommerferien über alle Vorgänge des Kongresses genau unterrichtet, dann wird die Diskussion über den Kongreß in den Vereinen auf ein höheres Niveau gehoben werden, und die Ergebnisse werden sich erfreulicher gestalten als je vorher. Da wir nun in der Kongreßausgabe der „Welt" das Mittel geschaffen haben, es jedem zu ermöglichen;

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