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Die Welt · 1911-07-21 · 29 (21.7.1911) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
29 (21.7.1911)
Date
1911-07-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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684 DlE^ELT No. 29 DIE KULTURFRAGE Zu den Gegenständen, die die zionistiseheÖffentlichkeit vor dem X. Kongreß beschäftigen, gehört auch die Kulturfrage. Eine alte Frage, die, obschon sie viel Staub aufgewirbelt, an Aktualität nichts eingebüßt hat. Im Laufe der Jahre wurde sie nur verschärft, keineswegs aber geklärt und kann nicht mehr durch den bequemen Hinweis auf die in unserm weitern Programm ausgesprochenen und mithin programmatisch befriedigten Kulturforderungen abgetan oder vertröstet werden. Mit der Vertiefung des zionistischen Bekenntnisses mußte sich allmählich die Erkenntnis durchbrechen, daß die weise Erhaltung und schöpferische Erneuerung unserer historischen Kultur die vornehmsten Aufgaben der zionistischen Arbeit bedeuten. Wie anders, wenn der Zionismus in seinem tiefsten Grunde den echten Ausdruck der nationalen Idee darstellen soll? Ein zionistisches Programm mit Ausschaltung des national-kulturellen Moments ist nicht weniger sinnlos, als ein nationales Programm ohne den zionistischen Gedanken. Der Zionismus strebt eine Erlösung an, die individuelle und soziale Erlösung der jüdischen, richtiger hebräischen Eigenart in all ihren psychischen Äußerungsformen. Wie darf er sich etwa in parteiorganisatorischer und selbst kolonisatorischer Tätigkeit schlechthin genugtun, die freilich als das große Reich der Mittel in hohem Ansehen stehen und sorgfältig gepflegt werden soll, doch nicht darob ihren eigentlichen Daseinszweck vergessen lassen darf! Alle Versuche, den zionistischen Gedanken ohne die Voraussetzungen unserer nationalen Kultur, zu begründen, müssen als bewußte oder unbewußte Fälschungen der zionistischen Grundidee das Schicksal eines Pseudozionismus erleben: trotz aller Trübungen und Verflachungen kann der Zionismus auf die Dauer nicht behindert werden, in seiner Echtheit und Vollwertigkeit die rigorosen Forderungen einer national-kulturellen Umwertung der unschöpferischen Assimilationswerte geltend zu machen. Wer vor ihnen zurückschrickt, mag dem Zionismus so lange fernbleiben, als er den Schrecken überwunden haben wird. Man muß für die zionistische Idee reif sein; wer es noch nicht ist, muß abwarten, bis er es wird. Zionismus ist der radikale Ausdruck einer Verneinung und einer Bejahung: er verneint die jüdische Gegenwart und bejaht eine neue Zukunft im Lande unserer herrlichen Vergangenheit. Er hat also die Judenfrage radikal gestellt und will ihr eine radikale Antwort geben. Wer da Konzessionen macht, verkennt völlig den Sinn der zionistischen Voraussetzungen und muß, soweit er sich nicht mit den strengen Folgerungen der nationalen Lehre befreunden kann, früher oder später enttäuscht werden. Es ist daher ein Gebot der Aufrichtigkeit, unsere Idee in ihrer vollen Prägnanz und Tiefe ohne Schmälerung ihrer weitgehenden Ansprüche freimütig auszusprechen und zu verkünden und nicht — in vermeintlichem Interesse einer Erweiterung unserer Organisation auf Kosten der inneren Stärke — durch Verdunkelung oder Verschiebung des kulturellen Moments einen Boden für Mißverständnisse und Enttäuschungen zu schaffen. In den Jahren der zionistischen Entwicklung mußten viele „Gesinnungsgenossen", die im Zionismus nur ein großzügig philantropisches Werk erblicken wollten und zu seinem kulturellen Gehalt kein persönliches, intimes Verhältnis zu gewinnen vermochten, unsere Reihen verlassen und dem Fortschreiten der nationalen Gesinnung aus dem Wege gehen. Diese Auslese hat uns innerlich gekräftigt und es gibt nunmehr unter uns nur wenige, die den Horror vor den Kulturaufgaben des Zionismus noch nicht überwunden haben. Unter diesen Gesichtspunkten darf wohl der Beschluß gewürdigt werden, ein Referat über die hebräische Sprache, das also eine unserer wichtigsten kulturellen Fragen behandeln soll, auf die Tagesordnung des Kongresses zusetzen. Dem Referate soll sich die Diskussion anschließen, der Diskussion sollen Vorschläge folgen, den Vorschlägen — Beschlüsse und den Beschlüssen? — hoffen wir: Taten. Doch wir wissen schon zur Genüge, daß der Weg von Referaten zu " Taten ziemlich lang und umständlich wird. Besonders in diesem Fall wollen wir uns keine großen Hoffnungen machen. Wie sehr auch die kulturellen Aufgaben in ihrem ganzen Umfang in den Mittelpunkt unserer Arbeit gestellt werden müssen, können sie doch nicht von der zionistischen Organisation als einer geschlossenen Einheit übernommen und geleistet werden; es sei denn, daß wir die bestehende Einheit aufgeben. Wie darf aber die mit großen Anstrengungen auf einer bestimmten Grundlage für einen bestimmten Zweck erzielte Verständigung, die unser bestes Werk und unser größter Erfolg ist, zugunsten eines Problems preisgegeben werden, das seinem tiefsten Wesen nach nur auf dem Wege der Differenzierung und nicht der Zentralisation der Lösung nahe gebracht werden kann? Wer daher in rücksichtslosem Übereifer der problematischen Kulturarbeit die Einheit unserer Organisation zu opfern bereit ist, — ein Wunsch, den eine führende zionistische Persönlichkeit vor kurzem in der hebräischen Presse kühn ausgesprochen hat, — ist damit bereit, nicht nur ein Verbrechen am Zionismus, sondern auch eine Sinnlosigkeit zu begehen. Es ist ja ein innerer Widerspruch, wenn man die Einheit leichter Hand aufgibt, um die Macht der Organisation in den Dienst der Kulturarbeit zu stellen; als bestände nicht diese Macht eben in der Einheit. Wozu erst der zionistischen Organisation Abbruch tun, um aus ihr etwa eine Kulturorganisation zu bilden? Wozu diese Neugestaltung auf dem Umwege der Zerstörung? Ist die zionistische Einheit für die Kulturarbeit nicht brauchbar, so mag mit den für diese Arbeit in Betracht kommenden Kräften eine neue Einheit geschaffen werden. Nun braucht sie nicht einmal erst geschaffen zu werden. Es besteht ja eine „Organisation für hebräische Sprache und Kultur"; warum arbeiten wir nicht innerhalb dieser Organisation? Leider lassen wir uns gerne an Worten berauschen und meiden geradezu ängstlich die positive Tat. Nur so ist es zu erklären, wenn selbst die Wortführer der Kulturarbeit praktisch für unsere Kultur blutwenig leisten und ihr Gewissen dadurch zu "beschwichtigen suchen, daß sie diese Arbeit von der zionistischen Organisation fordern. Es ist nicht recht zu begreifen, warum wir uns nicht in der „Histadruth" betätigen sollten. Handelt es sich doch immer um dieselben

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