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Die Welt · 1911-07-14 · 28 (14.7.1911) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
28 (14.7.1911)
Date
1911-07-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland". üar manche unter uns sind in den letzten Jahren politisch klug geworden und glauben die politische Einsicht Herzls dadurch in Mißkredit zu bringen, daß sie auf die Neugestaltung der Verhältnisse in der Türkei hinweisen. Meistens sind es Zionisten, die eine volle Anpassung unserer Arbeit an die augenblicklichen, im Wandel begriffenen Verhältnisse fordern und es doch nicht zu begreifen vermögen, daß die von Herzl angewandten Methoden seinerzeit nicht nur berechtigt, sondern notwendig waren, um die dargebotenen Möglichkeiten, den zeitlichen Bedingungen Rechnung tragend, nicht unversucht zu lassen, ohne jedoch, wie es heute leider geschieht, den historisch ewigen Charakter unseres nationalen Wollens zu schmälern. In den letzten Jahren haben wir zu unsrer Beschämung erfahren müssen, wie sehr noch vielen Zionisten der echte Sinn für unsere Hoffnungen abgeht. Jedes Hindernis, dem wir auf unserrn Wege begegnen, macht sie stutzig und versetzt sie in eine Ängstlichkeit, die ihre Qesitmungsstärke bezweifeln läßt und jedenfalls der historischen Würde unsrer nationalen Sache nicht entspricht. Diese durch vorübergehende Störungen hervorgerufene. Ängstlichkeit wird sogar von manchen unter uns zum Prinzip und zu einer zionistischen Methode erhoben. Man verlangt mitunter nicht mehr und nicht weniger, als die Rückkehr zum Chowewe- Zionismus, die im Gründe genommen das Preisgeben der zionistischen Eigenart zu bedeuten hätte. Da sollten wir die große welthistorische Tat Herzls vor Augen haben, der unsere nationale Sache aus den engen Grenzen ihrer bescheidenen Wirkungsstätte zu einem öffentlichen Faktor „im Rate der Völker" erhoben hat. All die Schwierigkeiten, die manchen von uns vielleicht iiberraschen und auf die wir eigentlich gefaßt sein müßten, sollen uns keineswegs an unserm Endziel irre machen; sollen nicht der Großzügigkeit und Erhabenheit unsres Ideals Abbruch tun. Trotz mancher beunruhigenden Wetterfahnen dürfen wir keinen Augenblick an unsrer großen Aufgabe verzagen, die einen historischen Prozeß darstellt und von den zeitlich bedingten Hindernissen höchstens aufgehalten, doch nicht aufgehoben werden kann. Das hat uns bereits Herzl zur Genüge gelehrt. Auch in bezug auf unsre kulturelle Renaissance muß gesagt werden, das Herzl bei weitem noch nicht gebührend erkannt und gewürdigt wird. Es muß sogar befremden, daß die Fürsprecher dieser Renaissance sich in Gegensatz zu den von Herzl verkündeten national-politischen Ideen stellen zu müssen glauben, — als ob nicht Herzl in seiner ganzen Persönlichkeit die körperliche und geistige Regeneration des Judentums, die Erlösung der „Qoluspsyche" vertreten hätte. Und es ist schmerzlich, wenn man bedenkt, daß gerade in jenem Lande, wo die Ideen Herzls mit aufrichtiger Begeisterung aufgenommen worden sind, der Einfluß des Herzischen Geistes und seiner Regenerationsarbeit verhältnismäßig nicht viele Spuren hinterlassen hat. Man fragt sich mit Beschämung: wo bleibt die jüdische Jugend in Rußland, die sich noch immer nicht für unsere nationale Sache, für die sie einzutreten doch berufen wäre, gemeldet hat? Noch begegnen wir dort, selbst in unserm Lager, allen Zeichen des krankhaften Golusgeistes, der am unfruchtbaren Theoretisieren seinen Genuß hat und zu der praktischen Tat kein richtiges Verhältnis zu gewinnen vermag. Wenn man die nationale Arbeit in diesem Lande der jüdischen Massen nach Abzug der nichtssagenden „Losungen", der polemischen Wortklauberei und der verworrenen Parteitheorien in Rechnung bringt, wird man gar oft versucht zu glauben, daß selbst manche unserer Gesinnungsgenossen von der Wirkung des Geisfes Herzls allzu wenig erfahren haben und noch immer nicht den echten Sinn der Renaissance zu erfassen vermögen. So ist es sehr zu beklagen, daß sie, in ihrem Eifer für unnötig* komplizierte und deplazierte Theorien, einen Herzl, der dem Golusgeiste zu schlicht und zu klar und zu wenig Theoretiker ist, als einen kurzsichtigen Diplomaten, dessen Rolle in unserer nationalen Bewegung schon ausgespielt ist, oft abtun und ihm einen sogenannten „Kulturzionismus" entgegensetzen zu sollen meinen, der wohl mehr Raum für Phrasendrechler und Wortpräger gewährt, jedoch keinen neuen Inhalt zu bedeuten hat. Es ist daher Eitelkeit und Selbstdünkel, wenn manche Ostzionisten den Unterschied zwischen dem sogenannten Ost- und Westzionismus zugunsten des erstem konstruieren; wenn man den westlichen Zionismus als seicht und aussichtslos verleumdet. Es ist nicht von ungefähr, daß Herzl, der Prototyp des gesunden golusbefreiten nationalen Juden, uns im Westen enstanden war. Ecj ist daher recht naiv, wenn manche unserer Wrestler sich einreden lassen, sie seien nicht viel wert und für die Zukunft unserer Idee nicht von Bedeutung. Wer aber die nationale Arbeit im besagten Osten gründlich kennt und sich vom Lokalpatriotismus befreit weiß, wer ein richtiges Verständnis für den Regeneration^ gedanken besitzt, muß es schmerzlich bedauern, daß der Geist Herzls selbst im Osten noch nicht genügend wirksam ist und die von ihm erstrebte Gesundung der Golusseele noch viel zu wünschen übrig läßt. Gegenüber diesen Verirrungen in unserm Lager, gegenüber dem Verzagen und der Ängstlichkeit, die manchen von uns zu duckmäuserischem Verkriechen und zu unwürdigem Verzichten auf das Große und Erhabene unseres Iedeals verleitet, gegenüber den auch in unsern Reihen noch anzutreffenden krankhaften Äußerungen verschiedener Geistesrichtungen, — mag anläßlich des Herzl-Gedenktages und im Hinklick auf den X. Zionistenkongreß die Mahnung am Platze sein: Zurück zu Herzl! Dr. Jakob Klatzkin. Die Wirkung des Kongresses Es läßt sich nicht bestreiten, daß die Mehrzahl unserer Gesinnungsgenossen sich von der propagandistischen Wirkung des Kongresses keine rechte Vorstellung macht. Jeder Zionist, der mitten in der Propagandaarbeit steht, möge sich folgendes vergegenwärtigen: In jener Woche, in der das „jüdische Parlament' tagt, werden alle sonstigen Ereignisse der jüdischen Öffentlichkeit in den Hintergrund gedrängt; nur der Zionistenkongreß hat das Wort. Kein Jude — er möge eine noch so prononzierte Stellung dem Zionismus gegenüber einnehmen — wird ohne Interesse und Anteilnahme an den Verhandlungen über den Zionistenkongreß vorübergehen. Die Presse aller Länder und Zungen wird über den Kongreß berichten. So hoch wir die Bedeutung der Berichterstattung durch die allgemeine große Presse einschätzen, dürfen wir uns doch nicht der Täuschung hingeben, daß dieselbe unsern Zwecken genügen kann. Wir — d. h. die Organisation — müssen vielmehr auf eine erschöpfende Berichterstattung Wert legen und diese kann nurjiurch unsere eigene Presse erfolgen. Insbesondere die jüdische Öffentlichkeit muß aus der ersten und authentischen Quelle über den Kongreß orientiert

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