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Die Welt · 1911-06-30 · 26 (30.6.1911) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XV. JAHRO. KÖLN, 30. Juni 1911 jmirf? DD^N ADD 'S No. 26. WÄHLET ZUM KONGRESS! Von Julius Löwy Am 3. Juli tritt die zionistische Organisation in die feierliche Stimmung des Kongresses ein. Die Zionisten aller Länder werden an diesem Tage die Wahlen ihrer Delegierten zum zehnten Kongreß beginnen, und indem sie in Zweihundertschaften ihre Stimmen abgeben, werden sie sich in dem großen und befreienden Gedanken einen, daß sie ihre eigenen Angelegenheiten, die sich aus ihrer Stellung zu ihrer Umgebung ergeben, in den Hintergrund rücken und nur an das jüdische Volk denken, das, über alle Welt zerstreut, eine für ewig untrennbare Nation bildet, deren Kinder sich zum Schutze des nationalen Ideals zusammenfinden. Wählen heißt Bekennen. Wer den Namen des Delegierten auf den Stimmzettel schreibt, der bekennt damit seine Treue zum Baseler Programme, seine Bereitwilligkeit, als ein dienendes Glied sich dem Ganzen anzuschließen. Wer seinen Stimmzettel abgibt, der hat keine Sonderwünsche mehr; er fühlt sich als ein Kind eines Volkes, das unter allen Himmelsstrichen das gleiche leidvolbe Leben führt. Wer zum Kongreß wählt, der glaubt an die jüdische Einheit und an die jüdische Zukunft. Der Zionismus ist das jüdische Volk. Und der Zionistenkongreß ist die nationale Vertretung. Der Zionismus will nicht die Rettung einer Klasse oder einer Schicht des Judentums. Er wendet sich mit seinem Programm an das jüdische Herz, an alle jene, die ein Fortleben des Judentums als Nation nicht nur wünschen, sondern als höchstes Ziel ihres eigenen Lebens erstreben. Er wendet sich an alle jene Juden, die den jetzigen Zustand des Judentums als einen abnormen empfinden; er wendet sich an die Masse, die unter wirtschaftlichem und politischem Druck seufzt, und zeigt ihr den Weg der Selbsthilfe, der brüderlichen Solidarität. Er wendet sich aber auch an den höher Organisierten, der wirtschaftlich in günstigeren Verhältnissen lebt, aber trotzdem, vielleicht sogar eben deshalb die Halbheit seines Lebens, die Wurzellosigkeit seiner Existenz schmerzlich empfindet. Man braucht die Beispiele nicht weit zu suchen. Man kann ein führender Geist in Literatur und Kunst sein und trotzdem als Jude den Weg ins Freie suchen. Man kann als Finanzkönig Kabinetten befehlen und doch den Judenschmerz fühlen, so fühlen, daß man den wandernden Juden Unterkunfisländer sucht. Auch zu diesen spricht der Zionismus. Denn wir alle leidem unter dem jüdischen Elend. Es ist mannigfach in seinen Formen und Äußerungen; aber es bleibt immer seiner Wirkung das gleiche. Es zertrümmert Juden und Judentum, nicht weil sie irgendeiner Entwickln ng entgegenstehen, sondern weil sie Juden und Judentum sind. Der Zionismus wendet sich an das Judentum in Osteuropa, das in steter Angst vor dem Pogrom lebt; an das religiös gerichtete Judentum, dem die Golusgesetze es erschweren, seinen Satzungen ungestört getreu zu .bleiben, und das abbröckelt, weil es mit den wirtschaftlichen Verhältnissen in Konflikt steht; an die jüdische Arbeiterschaft, der sich trotz ihres Durstes nach Gleichberechtigung mit den nichtjüdischen Genossen die Tore der Fabriken schließen, wenn sie Arbeit sucht; an die Juden in dein gemischtnationalen Ländern, wie Österreich, die, tirotzdem sie der Zahl nach die fünftstärkste Nation, der Steuerkraft nach die zweite sind, um ihr elementarstes politisches Recht betrogen werden; an die Juden in Westeuropa, die für ihre Wohnländer auf tausend Schlachtfeldern ihr Blut vergossen haben, die in Wissenschaft und Kunst in der ersten Reihe stehen und doch im 20. Jahrhundert die Gleichberechtigung als einen Traum ersehnen; an die Juden in aller Welt, die von Staat und Gesellschaft geächtet und verfemt sind. Sie alle leiden um ihres Judentums willen. Ihre Leiden bilden die furchtbare große Judenfrage, und diese Frage heischt Antwort. Denn der Opfer fallen immer mehr. Aber nuir der Zionismus sieht die Frage in ihrer Totalität und hat die Antwort gegeben: Zurückführung des n;ationalorganisierten Judentums in gesündere Verhältnisse, die ihm die freie Entfaltung seiner Kulturelemente gestatten. Es gibt sicherlich vie le gute und wohltätige Menschen, die dem Judentum hellen wollen. Aber ihre Methode bedeutet Teilung, nicht Sammlung. Sie sehen das 1*

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