Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 24 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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562 DIE^ELT No. 24 No. 24 war, dem Beschlüsse der letzten Landeskonferenz entsprechend die Umwandlung des Monatsblattes in eine Halbmonatsschrift durchzuführen. Die Beiträge für den Preßfonds, der durch eine Spende unseres Szatmärer Gg. Wilhelm Klein im Betrage von 1000 Kronen begründet wurde, flössen sehr spärlich ein. Nur die Opferwilligkeit des Gg. Wilhelm Klein (Szattnär), der dem Blatte eine fünfjährige Subvention von jährlich 1000 Kronen zur Verfügung stellte, ermöglichte die Herausgabe des zweiwöchentlichen Organs, welches seit 1. Jänner 1911 unter dem Titel „Zsidö Szemle" (deutsch: „Jüdische Rundschau'4) erscheint. Dieser Titel wurde gewählt, um dem Blatte eine weitere Verbreitung auch in nichtzionistischen Kreisen zu sichern. Zur Sicherstellung der materiellen Basis wurde gleichzeitig eine handelsgerichtlich eingetragene Verlagsgenossenschaft mit Anteilsscheinen zu 10 Kronen gegründet, welche als Herausgeberin des Blattes fungiert und nach Tunlichkeit auch andere Werke jüdischen Inhalts verlegen soll. Der dauernde Einfluß der Landesorganisation ist gesichert. Diese Genossenschaft hat auch die Aufgabe, als juristische Person die Agenden der Landesorganisation zu übernehmen, falls die bereits seit sechs Jahren unerledigten Statuten nicht genehmigt werden sollten. Da sowohl bei der Zeichnung von Anteilscheinen wie bei der Pränumerierung auf das amtliche Organ der Bewegung große Teilnahmslosigkeit der Provinzgenossen zu verzeichnen ist, beantragte Dr. Kahan, dem Beispiele der sozialistischen Organisationen folgend, das aktive Wahlrecht sowohl zu den Landeskonferenzen als auch zum Kongreß nur jenen Schekelzahlern einzuräumen, welche das Blatt abonnieren, die Wählbarkeit (d. h. das passive Wahlrecht) hingegen an den Besitz mindestens eines Anteilscheins der Genossenschaft zu knüpfen. Samuel Bettel heim (Pozsony) unterzieht in längerer Rede die Berichte der Leitung einer scharfen Kritik. Er findet die an die Provinz gerichteten Vorwürfe unbegründet, da seiner Ansicht nach die Hauptstadt das größte Kontingent der Bewegung liefern müsse. Ferner rügt er die Nichteinhaltung der Statuten, deren strengste Beobachtung unerläßlich sei. Besonders die Gründung der Genossenschaft, welche er übrigens als überflüssig bezeichnet, sei vollkommen Statuten widrig erfolgt, da vorher die Ermächtigung der Landeskonferenz einzuholen und die Statuten der Genossenschaft vorzulegen gewesen wären. Es entwickeltsich hierauf einelängere Debatte, an welcher die Herren Felix: Neu mann (Nyitra), Res en (Pozsony), Elias Blank (M. Sziget), Heinrich Braver (Csorna), Alexander Hörväth (Budapest), Hermann Lö wy (Väc), Dr. Leopold Ostern (Budapest), Dr. Armin Abrahamsohn (Särbogärd) u. a. teilnahmen. Dr. Ostern redet unter allgemeinem Beifall einer Verständigung mit der Misrachi-Organisation das Wort. Auf seinen Antrag wird die Entsendung einer dreigliedrigen Kommission beschlossen, welche mit den Delegierten der Misrachi verhandeln soll. Montag, den 5. Juni, erwiderte Dr. Kahan in einem Schlußworte auf die in der Debatte Jaut gewordenen Anfragen und Wünsche. In der hierauf folgenden Abstimmung werden sämtliche vorgelegte Berichte zur Kenntnis genommen und die Gründung der Genossenschaft nachträglich ratifiziert. Die Anträge David Kohn und Dr. Kahan werden abgelehnt. Hierauf unterbreitet der Kandidationsausschuß seine Vorschläge. Der bisherige Präsident Dr. Bela Oestereicher, welcher neuerneuerdings kandidiert wird, erklärt, keine Neuwahl anzunehmen, und verharrt bei diesem Entschlüsse trotz der dringenden Vorstellungen des Ausschußpräsidenten. Es werden die aus allen Teilen des Landes eingebrachten telegraphischen Protestkundgebungen gegen den Rücktritt des Dr. Oesterreicher verlesen. Da Dr. Oesterreicher seinen Rücktritt aufrecht erhält, wird auf Vorschlag des Kandidationsausschusses mit Stimmeneinhelligkeit gewählt: zum Ehrenpräsidenten Herr Wilhelm Klein, Szatnär, in Anerkennung seiner großen Opferwilligkeit für die Organisation; zum Präsidenten: fng. Benjamin Beregi; in das engere L. C: David Kohn, Alexander Horvät, Emanuel Widder, Leopold Lin denbaum; zum Nationalfondskommissär: Dr. Ludwig Dömeny, Redakteur des „Zsidö Szemle": Oscar Hammerschlag. In das weitere Landes-Komitee wurden gewählt die Herren: Dr. Bela Österreicher, Dr. Nison Kahan, Obering. Max Strasser, Dr. Josef Schönfeld (Budapest); Dr. Armin Abrahamsohn (Särbogärd), Prof. Adolf Jellinek (Pozsny), Moritz Juhäsz (Kassa), Herrnann Spielberger (Kassa), Dr. Ludwig Grün (Kassa); Oberrabbiner Dr. Bernhard Schück, Ernst Vermes, Arnold Merkl Temesvär); Dr. Friedrich Szilärd (Zölyomlipcse), Josef Steiner (Kapuvär), Emanuel Deutsch (Verpelet), Heinrich Braver (Csorna), Dr. Ignatz Ergell (Nagysuräny), Dr. Karl Ferbstein, Eugen Weisz (Eperies), Hermann Kopp jun. (Hethärs) S. B. Rosner (Miava), Dr. Elias Blank (Maramaros Sziget), Dr. Josef Rosenfeld (Szatroär), Ignatz Lustig (Ungvär, Leo Bärkany (Scbeskellemes), Dr. Johann Rönai (Baläzsfalva), Felix Neu mann (Nyitra), Dr. Eugen Erdelyi (Györ), Eugen Ropendorfer (Szombathely), Adolf Reichenthal (Nagyszombat), Oberrabbiner Dr. Bernhard Singer (Szabadka), Oberrabbiner Dr. Moritz Rosenstein (Nagykikinda), Jakob Buxbaum (Kismarton) und Samuel Bernöt (Aranyosmaröt). Montag nachmittags fand im Sitzungssaale des ehemaligen Parlamentsgebäudes eine zahlreich besuchte öffentliche Versammlung statt, die sehr viel Interessantes bot. Vorsitzender Dr. Bela Oesterreicher führte in seiner einleitenden Aussprache aus, daß in Ungarn die Lage der Juden zwar erträglicher sei als in den meisten andern Ländern, doch wurzelt auch hier der Antisemitismus in der Seele des Volkes und macht sich häufig im gesellschaftlichen Leben fühlbar. Unter dem gegenwärtigen Regime tritt auch der Antisemitismus der Behörden zutage, und sogar ein gewesener Minister scheut sich nicht, bei Volksversammlungen in Brandreden gegen das Judentum zu hetzen. Die Juden müssen sich ihrer Lage bewußt sein und erkennen, daß nur ein zielbewußter Zusammenschluß um die zionistische Fahne die einzige Möglichkeit biete, in dem ihnen aufgedrängten Kampfe zu bestehen. Hierauf ergriff Dr. Osias Thon (Krakau) das Wort zu einer feindurchdachten und mit ebensoviel Einfachheit als innerer Wärme vorgetragenen Rede über „Jüdische Renaissance und jüdischen Fortschritt", welche mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Er stellte die Begriffe Renaissance und Fortschritt in einen gewissen Gegensatz, indem er darauf hinwies, daß aus der Renaissance des Quattrocento und Cinquecento wohl der größte kulturelle Fortschritt entsprungen sei, aber das, was allgemein als jüdischer Fortschritt bezeichnet wird, eigentlich ein national-kultureller Abfall einzelner Teile des Judentums war, den aber das triebsichere Volk selbst nicht mitgemacht hat. Dieses Volk hat vielmehr aus seiner Mitte die Geister hervorgebracht, die für das ganze Volk eine Wiedergeburt, also eine Renaissance erstreben, bei der nicht ein Fünkchen jüdischen Wesens aufgegeben wird, sondern die Entwicklung des ganzen Volkes auf der Grundlage des historisch gewordenen, aus sich selbst herausgewachsenen Judentums erfolgt. Diese Renaissance ist der Zionismus, welcher für das jüdische Volk die Quelle eines neuen, großen und vielversprechenden Fortschrittes ist. Nach dieser mit großem Enthusiasmus aufgenommenen Rede sprach Ing. Benjamin Beregi über „Ansiedlungen in Palästina auf Grund Dr. Oppenheimers soziologischer Experimente". Redner schilderte in knappen Zügen die Notwendigkeit der politischen und sozialen Befreiung der Juden und wies nach, welche ungeheuren Vorteile von der Durchführung des Oppenheimerschen Planes zu erwarten sind, welcher die Regeneration des jüdischen Volkes durch Schaffung eines jüdischen Bauernstandes in gründlicher Weise ermöglicht. Auf diese Art wird einerseits die Judenfrage ein für allemal aus der Welt geschafft, anderseits allen andern Völkern ein leuchtendes Beispiel zur Lösung der sozialen Frage gegeben. Unser Volk wird dann wieder auf dem ihm gebührenden Platze an der Spitze der Kultur stehen und seinen innern Wert, an den heute viele nicht glauben, vor der ganzen Welt beweisen. Wir wissen es auch heute und können es unsern Brüdern nicht eindringlich genug einschärfen: Israel braucht keine fremde Kultur zu entlehnen und für kein fremdes Volk Handlangerdienste zu leisten. Stellen wir unser Können in den Dienst unseres Volkes und die ungeahnte Entwicklung, die sich einstellt, wird unser bester Lohn sein! . Zum Schlüsse wurde eine Resolution einstimmig angenommen und an den König von Ungarn, den Ministerpräsidenten und den Minister des Innern, sowie an den Präsidenten des E. A.-C, Herrn Wolffsohn, Begrüßungsdepeschen gesendet. Landeskonferenz der ungarischen Zionisten .Misrachi"- Am 4. Juni hielten die Misrachi-Zionisten in Budapest ihre konstituirende Landeskonferenz ab, in welcher das Statut der „Misrachi"- Landesorganisation beschlossen und die Leitung gewählt wurde. In dem erstatteten Tätigkeitsbericht erklärte der bisherige Leiter der Organisation als' die Ursache des im Vorjahre erfolgten Austritts der Misrachisten aus der ungarischen Landesorganisation die nicht entsprechende Vertretung der ungarländischen Misrachi-Zionisten innerhalb der Leitung der ungarischen Zionisten, weshalb sie ihre Aufgaben und Pflichten nicht erfüllen konnten.