Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Xo. 20 DIE! Die „Times" und der Zionismus Die Londoner „Times", bekanntlich die angesehenste englische Zeitung, hatte am 14. April einen längeren Artikel ihres Konstantinopeler Korrespondenten über den Zionismus in der Türkei, sowie einen kurzen Bericht über eine Rede gebracht, die „ein bekannter zionistischer Propagandist, Santo Semo Eifendi" in Saloniki über die Einwanderung in Mesopotamien gehalten hatte. Im Zusammenhang damit berichtete der Korrespondent, daß die türkische Zeitung „Rumeli", das Organ des Salonikier Komitees den Zionismus heftig angegriffen habe, indem sie ihn „als einen Deckmantel für deutsche Pläne und hauptsächlich für Projekte zur wirtschaftlichen Eroberung und Ausbeutung Mesopotamiens" bezeichnete. Er bemerkte ferner, daf3 „diese Ansichten jetzt unter vielen Türken sowohl innerhalb als außerhalb der Komitee-Organisation zu herrschen scheinen, welche für die deutsche Unterstützung des Zionismus Beweise in den starken deutschfreundlichen und antienglischen Tendenzen der in der Türkei erscheinenden zionistischen Hauptorgane finden wollen, wie auch in der Tatsache, daß einige der führenden zionistischen Persönlichkeiten in Konstantinopel deutsche Staatsbürger sind." In dem längeren Artikel beschäftigt sich der Korrespondent mit der Entwicklung der zionistischen Tätigkeit seit dem Tage des alten Regimes. Er sagte, daß die Umwälzung von 1908 „von vielen Zionisten als die Rettung ihres Planes zur Gründung eines Judenstaates in Palästina begrüßt wurde, aber, obgleich Dr. Nazim Bej und andere hervorragende Jungtürken sich einmal freundlich gegen eine Masseneinwanderung russischer und rumänischer Juden in die türkischen Gebiete erklärten, so wurde es doch allmählich klar, daß die neue Regierung sich einem zionistischen Plan widersetzen würde". Er erzählte weiter, daß nach der Absetzung von Abdul Hamid zwei Zeitungen, die „Aurore" und der „Jeune Türe" nach zionistischen Grundsätzen gegründet wurden. Das erstere Blatt unterstützt den Zionismus im allgemeinen, während das zweite, indem es an die Mohammedaner appelliert, „die junge Türkei als ihren zukünftigen Retter zu betrachten, gleichzeitig die Ansiedlung einiger Millionen russischer Juden in Mesopotamien stark befürwortet". „Mit dieser Politik verbreitet der „Jeune Türe", bemerkt der Korrespondent ferner, „eine heftige Feindseligkeit gegen England und einen deutschfreundlichen Enthusiasmus, welche kaum durch die bloße Tatsache zu erklären sind, daß sein Besitzer, Herr S. Hochberg, von deutsch-jüdischem Ursprung ist". Der Korrespondent beschreibt dann die Ausdehnung der zionistischen Propaganda, und sagt unter anderm: „Die Makkabivereine, Klubs zur Förderung der kulturellen und körperlichen Erziehung der ärmeren Juden, scheinen jet'.t meistenteils unter der Führung der Propagandisten zu stehen, deren Obmann, Dr. Jacobson, ein deutscher Jude ist". Weiter bespricht er die Tätigkeit der A. I. K. 0. und die Versprechungen, die ihr Vertreter in Konstantinopel gemacht hat. Hierbei wird die „A. I. K. 0." als eine neue Phase des Zionismus aufgefaßt. Am 10. Mai veröffentlichte nun die „Times" folgende Zuschrift des Präsidenten Wolffsohn: An die Redaktion der „Times". Sehr geehrter Herr! Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir gestatten würden, einiges zu dem Artikel Ihres Konstantinopeler Korrespondenten „Die Jungtürken und der Zionismus" zu bemerken, der in Ihrem geschätzten Blatte am 14. April erschienen ist. Ich bedauere es sehr, daß meine Abwesenheit von Köln mich bisher verhindert hat, Ihnen zu schreiben. Diesen unvermeidlichen Aufschub bedaure ich umsomehr, als dieser Artikel mehrere ganz unrichtige Behauptungen enthält, und da man sie in den Spalten Ihrer Zeitung weder bestritten noch berichtigt hat, so fürchte ich, daß man sie vielleicht in gewissen Kreisen geglaubt hat. Da ich aber weiß, daß Sie durchaus nicht wünschen, daß durch einen in Ihrer Zeitung erschienenen Artikel die Sache, die ich vertrete, irgendwie in falschem Licht erscheinen soll, bin ich überzeugt, daß Sie einige berichtigende und aufklärende Bemerkungen gerne veröffentlichen werden, ^ELT - — 405 Indem ich gerne anerkenne, daß Ihr Korrespondent objektiv und unparteiisch über den Zionismus im Ottomanischen Reiche berichten wollte, bedaure ich, daß seine unzureichen.de Kenntnis unserer Bewegung sowie die Quellen, aus denen er sie anscheinend geschöpft hat, die Verwirklichung seiner Absicht unmöglich gemacht haben. Der Hauptfehler seines Artikels besteht in der Voraussetzung, daß der Zionismus ein Plan für die Gründung eines Judenstaates in Palästina ist. Diese Voraussetzung ist falsch. Seine Bemerkungen über unsere Bewegung und seine Darstellung der Ansichten, die man über sie in türkischen Kreisen teilt, gehen hauptsächlich von dieser Voraussetzung aus. Da diese unrichtig ist, so sind seine Folgerungen nur insofern von Interesse, als sie die Anschauungen wiedergeben, die auch andere Kreise in der Türkei teilen, welche ebenfalls in Bezug auf unsere Ziele und Intentionen irregeführt worden sind. Die Mißdeutung unserer Position ist um so sonderbarer und unverzeihlicher, als ich auf dem neunten Zionistenkongreß in Hamburg, im Dezember 1909, ausdrücklich erklärt habe, daß unsere Arbeit in tiefstem Respekt für die Verfassung und in vollster Anerkennung der Souveränität der Pforte getan und geleitet wird. Wir wollen einfach Palästina wieder zur nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes machen, und um dieses Endziel zu erreichen, arbeiten wir für das wirtschaftliche und kulturelle Wiederaufleben des heiligen Landes in vollem Einklang mit dem Gesetze. Unser Zweck ist ein so friedlicher, und unsere Bestrebungen wollen die Interessen des ottomanischen Reiches in so hohem Grade fördern, daß es uns in peinlicher Weise befremdet, daß unsere Bewegung irgend ein Mißtrauen in maßgebenden Kreisen der Türkei hervorrufen soll. Das kann nur eine Folge der verschiedenen phantastischen Legenden sein, die von unsern Gegnern, unter welchen es — ich bedaure dies sagen zu müssen — viele Juden gibt, verbreitet worden sind. Die neueste Legende lautet, daß die zionistische Tätigkeit im besondern Interesse Deutschlands geschieht. Diese Legende ist absolut unbegründet, da wir keine Beziehungen haben, von denen man behaupten könnte, daß sie die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands besonders förderten. Die Behauptungen, wrelche zur Bestätigung dieser Legende dienen sollen, sind ebenfalls unrichtig. Der „Jeune Türe", der von Ihrem Korrespondenten zitiert wird, ist eine rein türkische Zeitung, welche zwar tatsächlich schon des öftern eine jüdische Einwanderung in das ottomanische Reich, im Interesse des Reiches selbst befürwortet hat, aber es ist deshalb nicht der geringste Grund vorhanden, hieraus zu schließen, daß wir auch nur im mindesten für die Politik dieser Zeitung verantwortlich sind. Es ist daher für uns unwesentlich, ob ihr Verleger, Herr Hochberg, ein deutscher Jude, oder, wie ich zuverlässig weiß, ein russischer Jude ist. Dr. V. Jacobson, der einer der führenden Zionisten in Konstantinopel und Manager einer englischen Gesellschaft, der Anglo-Levantine Banking Company, ist, ist ebenfalls ein russischer Staatsangehöriger. Schließlich will ich bemerken, daß die zionistische Organisation absolut keine Beziehungen zu der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation in Berlin hat. Die Tätigkeit dieser Organisation also, oder vielmehr ihres Vertreters, des Herrn Dr. Nossig, bildet weder eine „neue