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Die Welt · 1911-05-05 · 18 (5.5.1911) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
18 (5.5.1911)
Date
1911-05-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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gar nicht vermutet hatte: in der türkischen Kammer, gelegentlich der „Zionistendebatte". Wir vernahmen da aus dem Munde eines türkischen Ministers eine deutsche Erklärung, aus der wir zwei Dinge entnehmen konnten: 1. daß die türkische Regierung sich durchaus nicht die Mühe genommen hat, den feinen Unterschieden zwischen den Bestrebungen der verschiedenen Organisationen, die sich in Angelegenheit der jüdischen Kolonisation an sie gewandt hatten, auf den Grund zu kommen. All die Beflissenheit der A. J. K. O., ihren nichtpolitischen Charakter scharf zu betonen, schützte sie nicht davor, mit der zionistischen Organisation verwechselt zu werden; bezeichnete ja der Minister den Konstantinopeler Unterhändler der A. J. K. O. einfach als „Abgesandtendes Zionistenkongresses". — 2. erfuhren wir aus der Erklärung des Ministers, daß die „großartigen Versprechlangen", die die A. J. K. O. vor zwei Jahren aus der türkischen Residenz mitgebracht hatte, ein klein wenig übertrieben waren. . . . Nach den Mitteilungen des türkischen Ministers hatte sich damals der „Abgesandte des Zionistenkongresses" (lies: der Vertreter der A. J. K. O.j an zwei Minister gewandt. Der eine weigerte sich überhaupt, ihn 2u empfangen; er selbst gewährte ihm zwar eine Unterredung, lehnte seine Vorschläge jedoch kategorisch ab! . . . Als ich den Bericht über die türkische Kammerdebatte in den Zeitungen las, sagte ich mir: Es gibt kein Übel, das nicht auch seine Lichtseiten hätte. Jetzt wird es unserer Presse endlich zum Bewußtsein kommen, und sie wird es wohl auch der großen jüdischen Öffentlichkeit klarmachen, welche nationale Schmach darin liegt, daß bei uns jeder, der sich als Volksretter aufspielen, jeder^ der uns mit grundlosen Freudenbotschaften zum Besten halten will, dies ungehindert tun kann. Allein zu meinem Bedauern erfüllte sich diese meine Erwartung ganz und gar nicht. Ich lese viele jüdische Zeitungen in verschiedenen Sprachen, aber in keiner von ihnen fand ich, was ich suchte als hätten sie alle sich verabredet, achtbare Männer, die jedenfalls die besten Absichten haben, nicht zu verletzen . . . Was Wunder also, daß die Herren von der A.J.K. O. auch nach der Enthüllung in der türkischen Kammer den Mut nicht sinken ließen, und dato die „Tatkraft", mit der sie es so prächtig verstehen, die große Glocke zu schwingen, sich durchaus nicht verringert hat? Dazu kommt, daß die Vorsehung ihnen diesmal, ohne daß sie sich besondere Mühe gegeben hätten, einen fetten Bissen beschert hat. Vor einigen Monaten schon hatten sich eine Anzahl Personen in verschiedenen Orten (Bialystok, Lodz usw.) zusammengetan, um eine größere Bodenfiäche nächst Rafie im El-Arisch-Gebiete anzukaufen. Der Kauf wurde nach dem in Palästina üblichen Modus abgeschlossen: Mit Hilfe von Maklern, die langwierige Verhandlungen mit den Verkäufern führen, — Verhandlungen, die große Klugheit und Vorsicht erfordern, daher eine öffentliche Besprechung nicht vertragen. Ich erinnere mich: Als vor einiger Zeit die ersten Nachrichten über diese Kaufverhandlungen in den Zeitungen erschienen, erhob Herr M. Schei nki n der an der Durchführung der Angelegenheit mitwirkte, öffentlich (ich weiß nicht mehr in welchem Blatte) Einspruch gegen diese Indiskretion. Aus seinen Worten war zu entnehmen, wie dringend in dieser Sache die peinlichste Vorsicht und Verschwiegenheit geboten war und wie sehr die Beteiligten fürchteten, das ganze Unternehmen könnte durch die vorzeitige Veröffentlichung fehlschlagen. Während all dieser Zeit hatte die A. J. K. O. mit der Sache gar nichts zu schaffen, und ich weiß nicht, wie sie es anstellte, plötzlich mit dabei zu sein. Der Verfasser der „kurzen Bemerkung" in Nr. 76 der „Hazefirah", der anscheinend mit den Einzelheiten gut vertraut ist, erzählt: „Die A. J. K. O. kam nachher hinzu, und sie will nun auch einen gewissen Anteil an der Sache nehmen!" — „Sie will, einen gewissen Anteil nehmen", — und aus diesen Willen leiten die Herren von der A. J. K. 0. das Recht für sich ab, nach London zu gehen, um die große Werbetrommel zu rühren! Zu diesem Zwecke veröffentlichen sie Spezialartikel nicht nur im „Jewish Chronicle", sondern auch in allgemeinen Tageszeitungen (wie der „Daily Mail" u. a.), die in den Ländern englischer Zunge Hunderttausende Leser zählen und auch in Ägypten viel gelesen werden, — Artikel, in denen sie die neuzugründende jüdische Siedlung bei Räfie marktschreierisch anpreisen und insbesondere hervorheben, daß dieser Ort, obwohl er einen Teil des alten Palästina bildet, zu Ägypten gehört und unter britischer Oberhoheit steht. Dabei schreiben sie ohne alle Scham das Verdienst an diesem Werke der Arbeit der A, J. K. O. zu. Diese sei es gewesen, die den Ort im Laufe der letzten 18 Monate allseitig erforschte und die Überzeugung gewann, daß er sich zur Kolonisation vorzüglich eignet. Ihr Begründer (Dr. Nossig) habe die Angelegenheit vermöge seiner großen Energie so weit gefördert; seinen unablässigen Bemühungen sei es gelungen, eine Gesellschaft zur Durchführung des großartigen Kolonisationsprojekts ins Leben zu rufen usw. usw., wobei sie zum Schlüsse (zur Beschwichtigung der Leute, die wirklich von allem Anfang an im Interesse der Sache tätig waren) hinzufügen: „mit Hilfe zweier Vereine in Bialystok und Jaffa." *) Es ist eine höchst unwahrscheinliche Annahme, daß diese Leute etwa nicht einsehen, welchen gewaltigen Schaden diese lärmenden Anpreisungen der künftigen Entwicklung des Kolonisationswerkes an dem betreffenden Orte zufügen können, falls es wirklich Aussicht hat, sich weiter zu entwickeln. Aber was verschlägt's? Dafür werden sie möglicherweise in London noch einige „Notable" finden, die der A.J. K. O. beitreten, d.h. gütigst gestatten werden, daß auch ihr Name unter den Vorstandsmitgliedern genannt wird. Ich werfe also nochmals die Frage auf: Wie lange wollen wir es noch ruhig mitansehen, daß sich in unserer Mitte eine Organisation befindet, die von Anbeginn ihrer Gründung bis auf den heutigen Tag, von dem hochtrabenden Namen angefangen, den sie sich beilegt, bis zu ihrer neuesten Leistung in London ihre Kraft und Befähigung lediglich in marktschreierischer Reklame bekundet hat, — in einer Reklame, die zu keinerlei ernster Tätigkeit führt, noch führen kann, wohl aber geeignet ist, die Bemühungen anderer ernstlich zu gefährden? Hat man schon jemals eine praktische, „kolonisatorische" Organisation gesehen, die jahrelang besteht und geräuschvoll ihre Existenz kundgibt, ohne in allen diesen Jahren auch nur eine Handbreit Boden erworben oder auch nur eine lebende Seele irgendwo angesiedelt zu haben? Wir haben allerdings nicht die Macht, den Bramarbasen den Mund zu schließen oder ihre Organisation aufzulösen. Wohl aber haben wir die Möglichkeit, — wenn wir in erster Reihe auf die Ehre unseres Volkes und unserer nationalen Arbeit, nicht aber auf die Schonung der oder jener Einzelperson bedacht sind, — diesen Leuten im Angesicht der ganzen jüdischen öffentlichkeit mit aller Entschiedenheit zu sagen, wie wir über derlei Spiegelfechtereien denken. Wenn sie sich dann überzeugt haben werden, daß die „großen Glocken" das Publikum nicht mehr irrezuführen vermögen, so wird das geräuschvolle Geklinge von selbit aufhören. Diesmal fühlte ich mich gedrängt, den Anfang zu machen, hoffentlich werden andere das gute Werk vollenden. :i:)In dem Artikel, den die Herren von der A. J. K. 0. im -Daily Mail" vom 7. April veröffentlichten, weisen sie auf den Nutzen hin, den diese neue Kolonie England bringen wird: einerseits werde durch sie der Einfluß Englands in Ägypten erstarken, anderseits aber werde England von der peinlichen Frage der Einwanderung russischer Juden ins Inselreich befreit werden, ohne gezwungen zu sein, seine Tore vor ihnen zu schließen. Denn diese jüdischen Emigranten werden sich nunmehr der neugeöffneten Tür zuwenden und nicht mehr die britischen Häfen massenhaft überschwemmen! . . So in dem genannten Artikel zu lesen! . .

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