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Die Welt · 1911-05-26 · 21 (26.5.1911) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 17)
Language
German
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No. 21 DIElQgELT tischen Richtung die Ritualmordhetze entschieden verurteilt und die Fraktion der Rechten in der Duma tadelt, daß sie eine so unbegründete Interpellation eingebracht und die Gemüter nutzlos erregt habe. Die nichtswürdige Pogromagitation hat allerdings in der Stadt nicht aufgehört. Der Jugend verein „Zweiköpfiger Adler", eine „echtrussische'* Vereinigung, erläßt eine Proklamation an die Kiewer Bevölkerung, in der ziemlich unverblümt zu Pogromen aufgefordert wird. Der Artikel im „Kiewljanin" hat jedoch bewirkt, daß diese Proklamation erfolglos geblieben ist. Freilich ist bei der niederträchtigen Hetze der schwarzen Hundertschaften der Ausbruch von Unruhen nicht ganz ausgeschlossen; man muß aber anerkennen, daß die Kiewer Behörden sich bisher energisch bemüht haben, judenfeindliche Ausschreitungen zu verhüten. Solche Exzesse wären den Behörden im gegenwärtigen Zeitpunkte schon deswegen unerwünscht, weil hier für die nächsten Monate der Besuch des Zaren erwartet wird und dieser Besuch im Falle des Ausbruchs von Unruhen in Frage gestellt wäre. Würdelosigkeit Infolge der Ritualmordaffäre sahen sich chassidische „Führer" veranlaßt, sich von den böswilligen Verleumdungen reinzuwaschen. Dieser Tage trat in Petersburg eine Chassidimabordnung mit dem Liubawitscher Zaddik an der Spitze zusammen, um die Grundlosigkeit der gegen die Chassidim erhobenen Ritualniordbeschuldigung nachzuweisen. Proteste gegen die geplante Ausschließung der Juden aus der Armee Das von dem Heeresausschuß der Duma angenommene Projekt, wonach die Juden vorn Militärdienst ausgeschlossen und zum Ersatz hierfür mit einer besondern Spezialsteuer belegt werden sollten, hat den lebhaften Protest weiter jüdischer Kreise hervorgerufen. Tagtäglich laufen beim Vorsitzenden der Reichsduma und bei einzelnen Abgeordneten energische Proteste gegen die geplante neue Demütigung der jüdischen Bürger ein. Jüdische Soldaten in und außer Dienst, verdiente Militärärzte, Gemeindevorsteher, Vertreter der freien Berufe, des Kaufmannsstandes, des Kleinbürgertums usw. aus verschiedenen Städten und Orten erhoben ihre Stimme gegen den neuen Schlag, der dem russischen Judentum zugedacht wurde. Ob man auch in Dumakreisen diesen Stimmen Gehör schenken wird, wird die Zukunft lehren. Neue Ausweisungen Wie aus Bl ago w i eschtschensk unter dem 13. Mai telegraphisch berichtet wird, hat die lokale Behörde die Verfügung getroffen, sämtliche wohnrechtslosen Juden mit dem nächsten Dampfer nach dem Ansiedlungsrayon abzuschieben. Die für den 15. April angesetzte Ausweisung der wohnrechtslosen Juden aus Kiew wurde für einige Wochen verschoben. Ermordung eines jüdischen Gymnasiasten Ein empörender Vorfall trug sich dieser Tage im Städtchen Shmirinka (uouv. Podolien) zu. Ein russischer Schüler der 5. Klasse des dortigen staatlichen Gymnasiums feuerte gegen den jüdischen Gymnasiasten Hirsch Slobodiansky, Schüler der 6. Klasse in derselben Anstalt, einen Revolverschuß ab, der den sofortigen Tod Slobodianskys zur Fo!ge hatte. Der Mörder ist der Sohn eines adeligen Großgrundbesitzers und galt in der Schule als einer der schlechtesten Schüler. Im letzten Schuljahr wurde er wieder nicht versetzt und mußte ein zweites Jahr in der 5. Klasse bleiben. Die Zeit der Schlußprüfung nahte heran, und da der russische Musterschüler wieder nichts gelernt hatte und seine Relegierung befürchtete, reichte er beim Direktor des Gymnasiums ein Gesuch um Entlassung aus der Anstalt ein. Selbstverständlich wurde ihm diese Bitte gewährt. Nun beschloß er, für sein Mißgeschick an den jüdischen Schülern Rache zu nehmen. Unter dem Vorwand, von seinen Mitschülern Abschied nehmen zu wollen, begab er sich während einer Unterrichtspause ins Klassenzimmer der 6. Klasse. Hier schoß er zunächst auf den jüdischen Schüler G., verfehlte aber das Ziel. Nun richtete er seine Waffe gegen Slobodiansky, der ahnungslos über sein Buch gebeugt saß und sich für die nächste Stunde vorbereitete. Tödlich getroffen sank der Bedauernswerte zu Boden. Alsbald erschienen der Polizeihauptmann und der Untersuchungsrichter in der Schule und fanden bei vielen Schülern Browningpistolen vor. Einer der russischen Schüler, nach der Ursache der Mordtat befragt, antwortete kaltblütig: „So muß jeder rechtschaffene Christ handeln; die Juden müssen ausgerottet werden." Überhaupt ist das betreffende Gymnasium, seitdem der gegenwärtige Direktor der Anstalt vorsteht, durch den Geist des extremsten Antisemitismus, wie er sonst selbst in russischen Schulen ungewöhnlich ist, ausgezeichnet. 495 NACHRICHTEN ^f] Berichtigung! In verschiedenen jüdischen Zeitungen ist berichtet worden, daß in der am 15. Mai in Nürnberg stattgehabten Vollversammlung der Mitglieder der Alliance unter warmer Befürwortung der Herren Geh. Hof- und Justizrat Dr. Josephthal und Rabbiner Dr. Freudenthal einstimmig beschlossen wurde, die Pariser Kandidatenliste zu akzeptieren und die Berliner Liste abzulehnen. Auch die orthodoxen Mitglieder akzeptierten die Pariser Liste einschließlich Salomon Reinachs. Die Resolution soll den deutschen Lokalkomitees und den Pariser und Berliner Bureaus zur Weiterverbreitung mitgeteilt werden. Demgegenüber erkläre ich: 1. Es ist unwahr, daß hier eine Vollversammlung der Alliancernitglieder stattgefunden hat; vielmehr waren nur 14 Mitglieder des Komitees beisammen, um über die Wahl zu beraten. 2. Der Vorsitzende Herr Rabbiner Dr. Freudenthal hat nicht die Pariser Liste „warm" empfohlen, sondern objektiv berichtet. 3. Der einzige Vertreter der Orthodoxie im Comite war -ich, und ich habe nicht die Pariser Liste mit Herrn Reinach empfohlen, sondern erklärt, es ist mir unbegreiflich, wie ein Jude den Namen Reinach bei seinem Standpunkt zum Judentum auf die Liste setzen könne. 4. Es ist unwahr, daß beschlossen wurde, allen Lokalkomitees Mitteilungen von der Nürnberger Verhandlung zu machen; im Gegenteil, ein dahingehender Antrag wurde abgelehnt. gez. A. Grünbaum. Von den „wuchernden Chazaren" Am 7. April sind im ungarischen Unterhaus von dem Antisemiten Polonyi und dem Liberalen Beöthy Reden gehalten worden, in denen die aus Galizien nach Nordungarn eingewanderten Juden beschuldigt wurden, die dort lebenden Ruthenen auszuwuchern. Gegen diese empörende Lüge, welche sich gegen die armen Flüchtlinge im Bereger Komitat wendet, veröffentlicht nun der Advokat Dr. 1116s eine Broschüre unter dem Titel „Kazär-vedelem" („zur Verteidigung der Chazaren", wie die Magyaren jene Juden nennen), in welcher er diese Angelegenheit an der Hand des amtlichen statistischen Materials untersucht. Seine Feststellungen beweisen nicht nur die Hinfälligkeit jener Verleumdungen, sie zeigen auch ein grausiges Bild des Judenelends. Die Anzahl der Juden beträgt 5000 Seelen. Von diesen sind 33 °o Tagelöhner, 52°<> Fuhrleute, Steinklopfer, Holzhauer und Waldarbeiter. Der Rest sind Kleinbauern, die sich kümmerlich ernähren. Der reichste von ihnen, der als Wucherkönig stigmatisierte Leiser Isak Sissowitz, besitzt ein Vermögen von 700O Kr. Die Auswanderung dieser Juden nach Amerika nimmt erschreckende Dimensionen an. 80" o der jüdischen Bevölkerung geht an Unterernährung zu Grunde. Die Kost besteht aus Kartoffeln, Maisbrot, Milch und Heringen. Fleisch kennen sie nur vom Sehen. Das sind die wuchernden Chazaren! Jüdische Kandidaten für die bulgarische Nationalversammlung Die Juden Bulgariens haben beschlossen, sich an den Wahlen für die in einigen Monaten stattfindende große Nationalversammlung mit eignen Kandidaten zu beteiligen. Die Regierung steht diesen Bestrebungen sehr sympathisch gegenüber. Die jüdischen Kandidaten sind die Herren Karl Herbst, Mifgiied des Ä. C, und John David Levi. Schluß des redaktionellen Teiles

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