Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 10 (10.3.1911)
- Date
- 1911-03-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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222 — DIE 3J Tauber wurde durch eine Oedipus-Parodie und ein lustiges Kabarett, die fröhliche Stimmung der zahlreichen Gäste noch gesteigert, und sicher wird die Veranstaltung zur Ausbreitung des zionistischen Gedankens unter den vielen als Gäste anwesenden Damen und Herren das Ihre getan haben. Köln. Am 4. d. M. veranstaltete die Zionistische Vereinigung Köln einen Vortragsabend im Hotel Berlin, bei welchem Dr. Moritz de Jonge über den Zionismus als Erzieher sprach. Der Abend war ungemein stark besucht. Den Vorsitz führte Herr Max Gold reich. Der Vortragende, der in seinem Referat, von großen Gesichtspunkten ausgehend, die Frage auf warf ob wir für die großen Aufgaben, die unser im Lande unsrer Väter harren, gerüstet seien, meinte diese Präge verneinen zu müssen. Der Zionismus, der anfänglich sich wie ein junger Riese gestreckt habe, habe sich zutückentwickelt. Iis sei nicht mehr eine nationale Bewegung, sondern eine nationalwirtschaftliche. Er müsse dem Zionismus zum Vorwurf machen, daß er seine selbstverständliche Pflicht der Förderung der hebräischen Sprache nicht erfüllt habe, und es sei traurig, daß zu diesem Zweck eine eigene Organisation habe entstehen müssen. Der Redner besprach ferner das Basler Programm, in dessen ersten Punkte er die Ersetzung des Wortes „Palästina" durch das Wort „Heiliges Land" vorschlägt. Ebenso müsse in allen offiziellen Verlautbarungen anstatt des Wortes „Palästina" das Wort „Heiliges Land" stehen. Statt der Bezeichnung Actions-Comite solle die Bezeichnung Konsulat, die dem derzeitigen politischen Stand des Judentums mehr entspricht, angewendet werden. Der Redner wandte sich weiter gegen die Verlegung der Zentrale nach Berlin. In der Wahl der amerikanisierten deutschen Reichshauptstadt für den Mittelpunkt der zionistischen [Bewegung sieht er eine große Gefahr. An den Vortrag, der sowohl des Inhalts wegen wie auch wegen der glänzenden Diktion mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurde, knüpfte sich eine lebhafte Debatte, in welcher die Herren Dr. Rosenblüth, J. Löwy, Max Goldreich, Adolf Pollak und Israel Cohen dem Referenten entgegentraten. — Nach dem Schlußwort des Referenten wurde die Versam mlung geschlossen. Österreich Prag. Der Ausschuß der Freien Zionistischen Vereinigung für Böhmen hat sich für das laufende Jahr wie folgt konstituiert: Präsident Fabrikant Leopold Mah ler, geschäftsführender Obmann .Prof. Dr. Alfred Engel, Obmannstellvertreter Prof. Dr. Aladar Deutsch, Kassierer Fabrikant Anton Glaser, Kassiererstellvertreter Fabrikant Emil Thein, Schriftführer J. U. Dr. Jaro Stein, Beisitzer Druckereibesitzer Richard Brandeis, Beisitzer Redakteur Franz Steiner, Revisoren Direktor Guttrnann Stern, Fabrikant Ludwig Prop per. Brief aus Konstantinopel Von unserm Berichterstatter Die Revision der Konstitution Die Form der türkischen Konstitution ist durchaus noch keine definitive. Die am 23. Juli 1908 erteilte war ja die Jahrzehnte alte und lückenhafte Verfassung von Midhat Pascha, die der Krone soviele Rechte einräumte, daß für die'.Volkssouveränität Befürchtungen nicht abzuweisen waren, wenn einmal ein rücksichtsloserer Herr auf dem Throne der Padischas sitzen sollte als der gutmütige Mehmed Reschad. Insbesonders aber schien die Vollmacht der Kammer durch die Existenz eines vom Herrscher nach eigenem Gutdünken zusammengesetzten Senat beeinträchtigt. Die Revision dieser bedenklichen Punkte bildete daher die Hauptsorge der Jungtürken seit der großen Nationalversammlung von St. Stefano. Aber der Senat hat dieser Revision bis heute zähen Widerstand geleistet. Er hat sich zwar an der gesetzgeberischen Arbeit der Revision beteiligt, aber sorgfältig und geschickt alle diejenigenJPunkte eleminieit, die seine Privilegien schmälern konnten. Daraus war dann ein dauernder Konflikt zwischen den beiden Parlamenten entstanden. Dieser hat nun in letzter Zeit sehr schwere Formen angenommen. Der Senat hat nämlich der jungen, unerfahrenen Kammer einen schlimmen Streich gespielt. Er hat den Hauptsatz der Verfassung, der von den Rechten des Volkes und der Krone, nach langem Hinzögern zwar in der von der Kammer an sieben Punkten revidierten Form angenommen, hat aber dann eine ihm genehmere Fassung, aus der fünf von den sieben Punkten verschwunden waren, dem Kammerpräsidium behufs Unterbreitung zur kaiserlichen Sanktionierung übermittelt. Die Kammer bemerkte den Textunterschied nicht und der falsche Verfassungswortlaut wurde d-irch Sultansirade wirklich geheiligt. Erst bei Veröffentlichung des Gesetzes im Reichsanzeiger wurde das „Versehen" [ELT No. 10 entdeckt. Aber nun war es zu spät; eine Änderung ist unmöglich. Man kann die Erbitterung der Neuen gegen den Senat seitdem wohl begreifen. Jetzt verlangt das Oberhaus noch das Recht, neue Gesetzesprojekte vor der Kammer in erster Instanz beraten zu dürfen, was die Kammer wiederum als einen Versuch ansieht, ihr ihre Vorrechte zu rauben und einfach die politischen Rollen der beiden Parlamente so zu tauschen, daß das Volksparlament zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt wird gegenüber der Macht der Grandseigneurs. Der Kampf zwischen Alttürken und Jungtürken — wenn auch die beiden Namen nicht in jeder Beziehung stimmen mögen — ist eigentlich in vollem Gange, und die schließliche innere Entwicklung der Türkei gar nicht recht abzusehen. Ankauf des Großrabbinat-Gebäudes Das Großrabbinat hat Schritte zum Ankauf des großen und schönen Gebäudes, in dem es bisher mietweise einlogiert war, eingeleitet. Einige reiche Juden der Stadt haben dieser Tage etwa 12 000 Mark zu diesem Zwecke gespendet. Was an der Kaufsumme fehlt, hofft man durch eine Anleihe aufzubringen, zu der sich die „Deutsche Orientbank" bereit erklärt haben soll. Prozeß Fresco contra Sciuto Vergangenen Mittwoch kam die Beleidigungsklage, die Fresco gegen den Herausgeber der „Aurore" angestrengt, zur Verhandlung. Der antizionistische Held fühlt sich in seiner „Ehre" verletzt und in seinen Interessen geschädigt durch einen Satz, in dem Herr Luden Sciuto das denunziatorische und volksverräterische Treiben Frescos vor den Richtern während des Makkabiprozesses kennzeichnete. Er machte diesmal geltend, er sei durch die Publikation der „Aurore" materiell geschädigt, indem er sehr viele Abonnenten verloren habe und moralisch dadurch, daß er den Namen „Zor£r hajehudim" (Antisemit) erhalten habe und von allen jüdischen Zeitungen der Welt heute bekämpft werde. Der Angeklagte erklärte, er halte seinen inkriminierten Artikel nicht für diffamierend, da er nur sein Urteil als das eines die Tagesereignisse darstellenden Publizisten enthalte. Auf die Frage des Gerichtshofes an den Kläger, wie hoch er seinen Schaden in Ziffern anschlage, vermag dieser nicht zu antworten. Alsdann fragt der Vorsitzende nach der Veranlassung der Veröffentlichung der „Aurore". Nachdem sich herausgestellt hat, daß der „Makkabi "-Prozeß der Ausgang derselben war, wird die Verhandlung um vier Wochen vertagt, damit der Gerichtshof inzwischen die Akten dieses Prozesses einsehen könne. Zur Charakteristik des HerrnFresco In einer Spezialkorrespondenz aus Konstantinopel beschäftigt sich die Jerusalemer Zeitung „Hacheruth" eingehend mit Herrn David Fresco und seineu Machenschaften gegen dem Zionismus. Der betreffende Aufsatz enthält so interessante Aufschlüsse über die Entwicklungsgeschichte des Frescoschen Antisemitismus und über die Person des Herrn Fresco im allgemeinen, daß wir uns nicht versagen können, nachfolgend einzelne Stellen des Artikels in genauer Übersetzung wiederzugeben: „ ... Zu jener Zeit (nämlich nach Einführung der Verfassung) waren die Spalten des ..Tiempo" mit begeisterten Artikeln gefüllt, die von der glänzenden Zukunft des ottomanischen Judentums, von der Entwicklung des Schulwesens, der hebräischen Sprache usw. sprachen. Kein Wunder also, daß sich die Nationaljuden in der Türkei freuten, diese tüchtige Kraft, die ihre Sache so energisch und wirkungsvoll fördern konnte, in ihrem Lager zu sehen. Und als die Konstantinopeler Zionisten sich anschickten, ein Zeitungsorgan in spaniolischer Sprache zu gründen, das den Interessen der zionistischen Bewegung dienen und die ottomanischen Juden mit den nationalen Bestrebungen vertraut machen sollte, da stellte Fresco den führenden Zionisten in Konstantinopel vor, daß er allein der geeignete Mann für die Erfüllung dieser Mission sei. „Was braucht ihr" — sagte er ihnen fast wörtlich — „ein neues nationales Organ in spaniolischer Sprache zu schaffen, dessen Herausgabe sehr kostspielig und dessen Erfolg zweifelhaft wäre, während doch ein derartiges Blatt in der Hauptstadt bereits existiert., nämlich der „Tiempo". Könnt ihr einen bessern und begeisterteren nationalen Redakteur finden als mich? Oder zweifelt ihr etwa an meiner nationalen Gesinnung? ...Leset doch die Artikel nach, die ich bis jetzt geschrieben habe und überzeuget euch selbst, ob ich nicht immer in nachdrücklichster Weise für die nationale Sache, für unser Volk und unsere Sprache gekämpft habe! Unterstützet also nieine Zeitung durch eine regelmäßige Beihilfe, macht sie zu eurem