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Die Welt · 1911-02-24 · 8 (24.2.1911) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
8 (24.2.1911)
Date
1911-02-24
Page
– (sequence 16)
Language
German
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178 "HEBELT No. 8 Rußland Das Jubiläum der hebräischen Tagespresse In weiten Kreisen der russischen Judenheit und auch ueit über die russische Grenze hinaus, wo immer das Interesse für die moderne hebräische Literatur rege ist, wu de am 31. Januar a. St. (13. Februar) ein bedeutsamer Gedenktag gefeiert. An diesem Tage waren nämlich 25 Jahre verflossen, seitdem die erste hebräische Tageszeitung erschienen ist. Bis dahin hatte es bloß hebräische Wochenblätter und Monatsschriften gegeben. Der Begründer des ersten hebräischen Tageblatts, des „Hajom", das drei Jahre lang, von 1886 bis 1889, in St. Petersburg erschien, war Dr. J. L. Kantor, zur Zeit Kronrabbiner in Riga. Herr Dr. Kantor erhält jetzt zahllose Glückwunschdepeschen und Begrüßungsschreiben aus allen Teilen des russischen Reichs von verschiedenen Körperschaften, literarischen Gesellschaften, Zeitungsredaktionen und Einzelpersonen. Die hebräischen und Jargonzeitungen veröffentlichten längere Jubiläumsartikel sowie Erinnerungen aus den „Kinderjahren" der hebiäischen Tagespresse. Die unmittelbaren Nachfolger des „Hajomu waren die Tagesblätter „Hameliz" und „Hazefirah", von denen das letztgenannte nach mehrjähriger Unterbrechung wieder in Warschau erscheint. Zu unserm Rechtskampfe in Polen Roman Dinowsky, der Führer der stärksten politischen Partei Folens, der „Volksdemokraten", veröffentlichte dieser Tage in der „Gazeta Warszawska" eine Reihe von Artikel zur Frage der Beteiligung der Juden an der kommunalen Selbstverwaltung. Herr Dmowsky gelangt zum Ergebnis, daß die Judenfrage diejenige Fiäche sei, wo die national-polnischen Interessen mit den Grundlagen des Liberalismus unvereinbar seien und einanderschroff gegenübergestellt werden müßten. Einen unerwarteten Verteidiger hat die jüdische Bevölkerung in der Person des Warschauer General-Gouverneurs Skalon gefunden, der sich ganz emschieden gegen die von den Polen verlangte Rechtseinschränkung der Juden in der kommunalen Selbstverwaltung ausgesprochen hat. Nur das jüdische Proletariat, erklärte General Skalon, sei revolutionär, die andern Schichten der jüdischen Bevölkerung seien recht loyal und würden dank ihrer Erfahrung in allen Angelegenheiten des Handels und des Gewerbes der Selbstverwaltung bei der Behandlung wirtschaftlicher Fragen nur gute Dienste leisten. Antisemitische Ansichtskarten In Charkow wurde dieser Tage im Stadttheater während einer Aufführung massenhaft Ansichtskarten antisemitischer Tendenz verteilt. Die Karten trugen die Überschrift: „Der Druck der Juden auf die europäischen Mächte" und zeigten eineentsprechende mit Erläuterungen versehene Zeichnung. Die Polizei suchte „energisch" nach den Urhebern dieser öffentlichen „Agitation", konnte sie aber nicht ermitteln, trotzdem auf den Karten die Druckerei angegeben war und obwohl eine lokaieZeitung zu berichten wußte, ein gewisser „Antisemit" habe 50000 Exemplare dieser Karte anfertigen lassen. Das Schicksal der Schulvorlage in der Reichsduma Schneller,, als zu erwarten war, hat es sich nun herausgestellt, daß die Freude naiver Optimisten über die „nationale Vo'ksschule", die uns die erste Lesung der Schulvorlage in der Reichsduma brachte, verfrüht gewesen war. Entgegen allen parlamentarischen Gepflogenheiten hat die zuständige Dumakornmission, welcher die der Debatte im Plenum vorausgehende Behandlung des Gesetzprojektes oblag, die von der Duma in der ersten Lesung beschlossenen Amendements, bezüglich deren ihr geschäftsordnungsgemäß nur rein redaktionelle Befugnisse zustanden, einfach gestrichen. Mit der Streichung des gesamten Absatzes über die Volksschule der stammesfremden Völker Rußlands fällt natürlich auch das auf den Antrag von Abgeordneten Nisselowitsch beschlossene Amendement weg, wonach das Recht des Unterrichts in der Muttersprache auch auf die Juden hätte ausgedehnt werden sollen. Freilich hat die Duma das Recht, die einmal beschlossenen Amendements in der zweiten Lesung wieder aufzunehmen. Wenn man aber die sonderbaren Umstände bedenkt, unter denen diese Abstimmung zustande kam, — wie erinnerlich, stimmte damals die äußerste Rechte mit der Opposition, nur um die gesamte Vorlage ad absurdum zu führen und sie für Oberhius und Regierung unannehmbar zu machen, — wird man kaum daran zweifeln können, daß die Kommission sich nicht aus purem Übermut zu ihrem der parlamentarischen Ordnung widersprechenden Gebaren verstiegen hat, sondern vielmehr von maßgebenden Dumakreisen dazu autorisiert worden ist, um so den Stein des Anstoßes aus dem Wege zu räumen und dem Plenum die anstandslose Annahme der Vorlage in der zweiten Lesung zu ermöglichen. General Tolnmatschow und die Odessaer Chewra=Kadischa Bekanntlich hatte der Selbstherrscher Odessas, General Tolmatschow, vor kurzem den Einfall, von der einträglichen Chewra-Kadischa in ähnlicher Weise Besitz zu ergreifen, wie er dies bereits früher mit der Koscherfleischsteuer gemacht hatte. Zu diesem Behufe verordnete er einfach, daß die Verwaltung der Chewra- Kadischa dem Vollzugsbeamten des Stadtrats, dem berüchtigten Pogromhelden Pelikan überantwortet werde. Gleichzeitig wurde das Statut der Chewra-Kadischa durch einen Machtspruch Tolmatschows ohne weiteres abgeändert, indem die Bestimmung, wonach der Reinertrag der Chewra-Kadischa für jüdische Wohltätigkeitsinstitutionen wie auch für den Unterhalt von Synagogen, Waisenhäusern usw. verwandt werden soll, einfach gestrichen wurde. Der Odessaer Rat der geistlichen Verwaltung (eine Art Repräsentantenkollegium der Odessaer Gemeinde) führte beim Ministerium des Innern Beschwerde gegen Tolmatschows Aspirationen. Der Wortführer des Rates wies beim bezüglichen Departement darauf hin, daß die Einkünfte der Chewra-Kadischa unter den neuen Umständen auch für den „Verband des Erzengels Michael" (die Odessaer Abart des Verbandes des russischen Volkes) verwandt werden könnten. Darauf konnte Herr Departementsdirektor Charusin nur erwidern, er hoffe, daß Herr Pelikan doch nicht so weit gehen werde. Dieser Tage erhielt Tolmatschow vom Ministerium des Innern eine offizielle Aufforderung, sich über die Motive seiner diesbezüglichen Verfügung zu äußern. Er war indes so sehr überrascht von der Tatsache, daß die Vertreter der jüdischen Gemeinde es gewagt hatten, gegen seinen „Ukas" Beschwerde zu führen, daß er seinen Augen nicht traute und erst den Rat der geistlichen Verwaltung anfragte, ob er tatsächlich seinem Rechtsanwalt den Auftrag zu einer Beschwerde beim Minister erteilt hat. S° Letzte Nachrichten °S Die Beisetzung der Frau Herzl Wien, 22. Februar. Von dem Trauerhause in der Hainzinger Straße, von wo aus im Juli 1904 Theodor Herzl seinen letzten Weg antrat, ist heute Vormittag seine Mutter, Jeanette Herzl zum Döblinger Friedhof geleitet worden. Die Wiener Zionisten hatten sich vollzählig eingestellt. Hinter den Enkelkindern der Verewigten, Hans und Trude Herzl, die dem Leichenwagen folgten, schritten Herr Johann Krernene tzky, den Präsident Wolffsohn mit seiner Vertretung betraut hatte, da ihn sein Gesundheitszustand an der Reise nach Wien verhindert hatte, und die in Wien anwesenden Mitglieder des Aktionskomitees, die Herren Adolf Böhm, Abg. Dr. Mahl er, Dr. J. Schal it und Abg. [Adolf Stand. Ihnen schloß sich, geführt von dem Obmann des innerösterreichischen D. IC., Herrn Dr. Körner, der Zug unserer Wiener Gesinnungsgenossen und der Deputationen auswärtiger Zionisten an. In dem Trauergefolge befanden sich auch zahlreiche Schriftsteller und Journalisten. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung. Die Verblichene hatte letztwillig verfügt daß keine Trauerreden gehalten werden sollten. Auf dem Friedhof sprach infolgedessen bloß Rabbiner Dr. Feuchtwang. Er führte u. a. aus: „Im Judentum sagt man zum Ruhme großer Männer: Heil der Frau, die ihn geboren! Diesen Spruch könne man auch auf die hochsinnige Mutter des großen Herzl anwenden."

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