Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 3 (1911)
- Date
- 1911-01-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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52 SIEGELT No. 3 der Begriffe ihre Gegner entkommen zu lassen. Der Fall von Köpenick, bei dem ein Schuster eine gelungene Satire auf das Oberwuchern des Militarismus aufführte, tritt an Lächerlichkeit weit zurück hinter der Affäre von Houndsditch, wo an einem Wintertage die zivile und militärische Macht eines großen Staates gegen zwei Mauser-Helden kämpfte nnd siegte. Was aber dem letztern Fall sein ganz besonderes Relief gibt, ist der Versuch, ihn politisch breit zu schlagen und zu einer Attacke auf Schutz- und Wehrlose zu benutzen, die schütz- und wehrlos deshalb sind, weil sie als ehemalige Einwohner des russischen Ansiedlungsrayons im Vertrauen auf den freiheitlichen Sinn und Geist der englischen Gesetze aus ihrem Geburtslande nach London kamen. In dem Viertel, das diese russischen Juden bewohnen, sollen die Einbrecher von Houndsditch gelebt haben. Sollen. Man hat es vorläufig nur mit einer polizeilichen Annahme zu tun. Einer der Mörder soll Levi geheißen haben. Später änderte freilich die Polizei seinen Namen in Gardstein und dann in Mouronzeff um, als sich nämlich herausstellte, daß er selbst von den Einbrechern niedergeschossen worden war. Ein Budiker, in dessen Lokal die Einbrecher verkehrten, sprach nur Jiddisch, ebenso die russische Schneiderin, aus deren Zimmer die beiden Einbrecher auf die schottische Garde schössen. Also vier Elemente innig vereint, aus denen die rechtsstehende Presse Englands die Forderung nach einer Verschärfung der Einwanderungsvorschriften für die russischen Juden ableitet, aus denen heraus sie einer Beschränkung des Asylrechtes das Wort redet, die gegen die jüdischen Flüchtlinge aus Rußland angewendet werden soll. Man gibt sich gar keine Mühe mehr, dieses Verlangen irgendwie zu verbrämen, es für Einwanderer überhaupt zu steilen. Klipp und klar wird von den Jiddisch sprechenden Elementen des Ostends geredet, deren Rasse oder Nation die bisher noch gar nicht bekannten Mörder angeblich angehört haben. Daß diese Folgerungen in nichts von dem wahren Verlauf der Dinge unterstützt werden, daß sich auf der verdüsterten Bühne des Großstadtlebens ein Drama abgespielt hat, dessen Akteure unbekannt sind, deren nationale Zugehörigkeit aber keinesfalls für die Beurteilung ihrer Tat einen Anhaltspunkt bietet, weil eben solche Geschehnisse sich überall dort ereignen können, wo an der Peripherie einer großen und reichen Kultur arme, ausgehungerte, unterernährte, und vielleicht auch moralkranke Menschen leben, — das läßt diese Argumentation der lärmenden Presse außer Betracht. Alle diese vier Elemente werden von den Wortführern einer maßgebenden Partei in ein politisches Schlagwort umgeprägt, das dazu dienen soll, den Chauvinismus anzufachen und den Blick der Steuerträger, die ihr Land in großen innern Schwierigkeiten sehen, auf die Juden des Ostends abzulenken. Nicht ein paar Mörder haben gegen Eigentum und staatliche Autorität gefrevelt, sondern „jüdische Anarchisten aus dem Ostend" haben — das ist der Tenor dieser Preßäußerungen — der Staatsordnung Englands den Krieg erklärt; Menschen, denen man großmütig Asyl gewährt hat und die nun mit Revolverschüssen danken. Diese Fälschung der öffentlichen Meinung greift auch schon von England nach dem europäischen Kontinent hinüber, und die antisemitische Preßmeute aller Staaten wittert Morgenluft. Man denkt unwillkürlich an die Bluthunde, mit denen einstmals, als Onkel Toms Hütte geschrieben wurde, die Südstaatler hinter den entlaufenen Niggers her waren. Keine der vielen Zeitungen, welche das Feuergefecht vom 3. Januar in Vorgeschichte, Verlauf und Folgen zum Gegenstand eingehender Berichte, Untersuchungen und Erörterungen gemacht hat, hat bisher noch auf die Gefahr aufmerksam gemacht, von der ruhiges Denken und freiheitliches Bewußtsein nicht nur in England, sondern überall in aller Welt bedroht ist. Denn der Chauvinismus, das Aufflammen der gefährlichsten Massensuggestion, ist so gut eine Seuche wie irgendeine Bakterienkrankheit, und er macht in seiner konsequenten Durchführung nicht bei den Juden Halt, sondern wirft sich auf arme Flüchtlinge überhaupt. Als wenn es noch eines Beweises bedurft hätte für die hallende Resonanz und die blitzähnliche Schnelligkeit, mit d&r nationalistische Hetzereien die Grenzen überschreiten, und für die Brutalität, mit der sie sich auf die wehrlosen jüdischenOpfer werfen, kommt gerade zu gleicher Zeit die Nachricht von der neuerlichen Ausweisung einiger Dutzend jüdischer Familien aus Ostrau, dem Mittelpunkt eines großen Kohlenreviers in dem österreichischen Kronlande Mähren. Die Umstände stimmen fast bis ins Detail mit den Londoner Vorkommnissen überein. Es hat in Ostrau einige Wochen lang Einbrüche und mörderische Überfälle gegeben. Die beleidigte Ortsbehörde, die aus einem Kommissär und drei Gendarmen besteht, hatte sich ein paar Wiener Detektivs verschrieben, und auf Grund der Feststellungen dieser ortsfremden Funktionäre hat man jüdische Familien, die seit langen Jahren im Ort wohnen und gegen die nichts anderes vorliegt, als daß sie aus Rußland stammen, über die Grenze gejagt. Diese Maßregel, zu der die große sozusagen liberale österreichische Presse in tiefstes Schweigen versunken ist, hat das liberale Organ der betreffenden Stadt zu einem Artikel begeistert, der mit dem. so verständlichen Ruf schließt: „Hinaus mit den Russen!" Und so wird wohl das Verbrechen, das im Namen der beleidigten staatlichen Autorität an ruhigen Bürgern, an Frauen und Kindern begangen wird, nicht nur ungesühnt bleiben, sondern auch anderwärts zu den gleichen Erscheinungen führen. Die jüdische Wanderung kommt immer an Abgründe. Ob diese Abgründe in englisch sprechenden oder deutschen oder slawischen Landen klaffen, ist ein nebensächliches Detail, das wie so viele andere von der grotesken Ironie der jüdischen Geschichte erzeugt wird. Kann man denn anders als mit wehem Lächeln davon Kenntnis nehmen, daß der russische Ministerpräsident eigenhändig auf das Gesuch eines Juden aus dem Ansiedlungsrayon, der sich in Petersburg ein Holzbein machen lassen will und zu diesem Zwecke um die Aufenthaltsbewilligung ersucht, anmerkt: „Bewilligt, aber wenn du das Holzbein hast, mußt du wieder fort." Oder wenn man von dem Telegramm des Petersburger Stadthauptmannes hört, der den Hörern der Technik in Odessa den Besuch einiger Petersburger Etablissements gestattete und außerdem nachtelegraphierte: „Mit Ausnahme der Juden und Jüdinnen." Ob sich also die Pariser Boulevardpresse plötzlich in tiefgründigen Untersuchungen über die Gründe der Masseneinwanderung östlicher Juden in Paris ergeht ob man in London die Maßregelung der russischen Juden verlangt, ob man sie irgendwo in Österreich ausweist, ob man die Juden Rußlands sinnlos hetzt, ist nur etwas, was den Geographen oder Historiographen der jüdischen Wanderung interessiert, da es nur dazu