Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 47 (25.11.1910)
- Date
- 1910-11-25
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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festzusetzenden Norm für dieselben Zwecke zur Verfügung stellen. Im weitern Verlauf der Verhandlung wurde folgender An-, trag Friede mann angenommen: Das Actions-Cornite ersucht den Aufsichtsrat der Bank, Bestimmungen zu treffen, wonach die vierjähr igen Kückstände in Dividenden der Bank für verfallen erklärt werden. Dr. Katzenelsohn stellte folgenden Antrag, den das* A. C. zum Beschluß erhob: Unter Boibehaltung des Schekels als obligatorische Leistung zur Erlangung des Kongreßwahlrechts wird ein Zentralfonds zur Befriedigung der Bedürfnisse der Organisation gebildet. Zur Ausarbeitung der Details wird eine fünfgliedrige Kommission in Berlin gebildet, welche die im A. C, gemachten Anregungen in Erwägung ziehen soll. Die Kommission bestellt aus den Herren Dr. Friedemann, Harn-; bürg, Dr. Hantke, Dr. Heymann und Dr. Münk. Mehrere weitere Anträge wurden dieser Kommission übei? wiesen.;» Die nächste Sitzung des A. C. soll im März stattfinden. Präsident Wolffsojin schreitet sodann zum Schluß der Beratungen. Herr Podiischewski spricht dem Präsidenten den Dank der Versammlung aus. Der Präsident schließt darauf nach einer kurzen Ansprache um 91« Uhr die Sitzung. Die Hilfsaktion in üaiizien Wir haben bereits die Nachricht wiedergegeben, daß in Wien eine Konferenz von Vertretern verschiedener jüdischer Organisationen stattgefunden hat die die Notlage der Juden Galiziens zum Gegenstand hatte. Über Inhalt und Zweck dieser Besprechung sowie über die Zahl der Teilnehmer wurden von verschiedenen Seiten Gerüchte in Umlauf gesetzt, die den Tatsachen nicht entsprechen. Ihr Berichterstatter ist in der Lage, auf Grund sicherer und zuverlässiger Informationen die in der Nr. 45 der „Welt" veröffentlichte Mitteilung zu ergänzen. An der Konferenz waren lediglich die in dieser Notiz angeführten Korporationen beteiligt. Die Konferenz wurde von der Jewish Coionization Association (I. C. A.) einberufen, die durch die Herren Direktor Sonnenfeld (Paris), Generalkonsul Philipp. sohn (Brüssel), James Simon (Berlin1*, Justizrat Blau (Frankfurt a. M.) un d Baron Hatvanyi-Deutsch (Bud a p e st), den Aufsichtsriiten der Gesellschaft, vertreten war. Herr I)r Paul Nathan erschien für den Hilfsverein der Deutschen Juden, die Israelitische Allianz entsendete die Herren Baron David Gutmann, Dr. Alfred Stern und Dr. Kaminka, der Galizische Hilfsverein delegierte die Herren Simon Meyer und Dr. Löwy. Baron Deut sch vertrat auch die Pariser Alliance; von den eingeladenen galizischen Herren erschienen Dr. Thon (Krakau) und D r. Marguli es; die Herren Samuel v. Horowitz und Abg. Dr. v.Löwe nst ein entschuldigten ihre Abwesenheit. Die Konferenz ist noch nicht abgeschlossen, vor allem infolge der relativ unzureichenden Vertretung der Judenheit Galiziens selbst. Zu der* zweiten, Ende dieses Monats abzuhaltenden Beratung ist eine bedeutende Anzahl von hervorragenden und sachverständigen Vertretern beinahe aller Schichten und Kreise des galizischen Judentums eingeladen. Es wäre irrig, anzunehmen, daß es sich schlechthin um eine Hilfsaktion auswärtiger Organisationen für die notleidende jüdische Bevölkerung Galiziens handelt. Es will uns scheinen, daß die Verbreitung derartiger Gerüchte, die mehr auf Vermutungen beruhen, einer eventuellen Notstandsaktion und den galizischen Juden eher zum Schaden gereichen kann. Es handelt sich bei diesen Bestrebungen um die Förderung einer Organisation der galizischen Juden zum Zwecke der Selbsthilfe, der geistigen und materiellen Selbsthebung. Wenn in Galizien eine derartige Organisation entsteht, werden die finanziell kraftigen jüdischen Gesellschaften des Westens alle lebensfähigen Anstalten und aussichtsreichen Unternehmungen willig unterstützen Es wird von mancher Seite die Einberufung dieser Konferenz mit einem angeblichen Plan der I. CA. in Verbindung gebracht, dem galizischen Landesausschuß nicht unbeträchtliche Mittel zur Industrialisierung Galiziens zur Verfügung zu stellen. In der volkswirtschaftlichen Kommission des galizischen Landtags machte der Abg. Baron Battaglia Mitteilungen in diesem Sinne, Er behauptete, die I. G. Awäre bereit, eine Industriali. sierungsaktion der Landesregierung zu fördern, mit der Bedingung, daß in den mit ihrem Gelde zu errichtenden Etablissements und Betrieben die Hälfte der Arbeiter Juden sein müßten. Wir haben diese wenn auch entschieden klingenden Äußerungen und Enunziationen des Abgeordneten Barons Battaglia nicht angeführt, weil wir sie init der größten Skepsis aufgenommen haben. Wir erfahren, daß bei der Wiener Konferenz derartige Pläne der Ica gar nicht zur Sprache gekommen sind. Die verantwortlichen Leiter der Jüdischen Kolonisationsgesellschaft, die Mitglieder des Aufsichtsrats, erklärten auf eine an sie gerichtete Anfrage, von derartigen Unterhandlungen nichts zu wissen. Auch aus den Erklärungen des Abgeordneten Barons Battaglia . ist ersichtlich, daß der polnische Landtagsabgeordnete nicht als Vertreter irgendeiner Körperschaft oder Behörde, 'sondern als Privatmann während eines Pauiser Aufenthalts mit der Jewish Coionization Association FühlWng suchte. Es kann sich also wahrscheinlich nur um unverbindliche Besprechungen handeln, oder die Aufsehen erregende Rede des Barons Battaglia ist gar ein Versuchsballon, die Darlegung von gehegten Wünschen^ die sich in den Köpfen einiger polnischer Landtagspolitiker allzu rasch zu fertigen Projekten verdichtet haben. Mit dem Schlagwort der Industrialisierung eines Landes, das mit Erzeugnissen der westlichen industriellen Gebiete des Staates überschwemmt wird, sollte man überhaupt sehr umsichtig zu Werke gehen. Um so mehr, wenn der Verwalterin des Hirschschen Volksvermögens, einer großen jüdischen Gesellschaft, zugemutet wird, daß sie einem seiner Gesinnung nach antisemitischen Landesausschuß, — alle führenden polnischen Parteien, die des Herrn Battaglia voran, sind offen oder versteckt judenfeindlich, — auch nur einen Bruchteil ihres Vermögens anvertrauen wird. Ebensogut könnte der Ica vorgeschlagen werden, dem Wiener Magistrat oder Stadtrat das Verfügungsrecht über eine Stiftung zu übertragen, die zum Teil auch Juden zugute kommen würde. Man kann sich denken, welcher Nutzen den Juden Wiens aus einer derartigen Vereinbarung erwachsen würde. Den treff lichen Plänesehmieden in Lemberg scheint aber die Finanzierung von industriellen Unternehmungen im Lande durch eine jüdische Organisation noch keine willkommene Hebung der Landesindustrie zu sein, wenn nur jüdische Arbeiter ihr Brot verdienen. Die Hälfte des jüdischen Geldes beanspruchen sie für nichtjüdische Zwecke. Es ist bloß erstaunlieh, daß man im galizischen Landtag nicht verlangt, es dem polnisch-schlachzizischen Edelmut und Gerechtigkeitssinn zu überlassen, den Prozentsatz von Juden in diesen leabetrieben zu bestimmen. Die Herren um Baron B a ttaglia scheinen zu glauben, daß eine Notstandsaktion für „ihre" Juden der Erlaubnis der polnischen Herren des Landes bedarf, für die sie Kompensationen zu verlangen berechtigt sind. Wie man die Auslassungen des Herrn Barons Battaglia im galizischen Landtag, seine Pläne und Vorschläge nehmen mag, sie machen den Eindruck einer Geschmacklosigkeit. *