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Die Welt · 1910-12-23 · 51 (23.12.1910) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
51 (23.12.1910)
Date
1910-12-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 31 ELT ERSCHEINT IEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRG. KÖLN, 23. Dezember 1910?mnb 30"nn'N 1^>DD 3*3 No. 51. DREI EREIGNISSE Von Israel Cohen Drei Dinge haben sich in den letzten Wochen ereignet, welche von besonderem Interesse für alle diejenigen sind, die sich mit der modernen jüdischen Frage beschäftigen. Erstens die Rede, die Herr Claude Montefiore, der Präsident der Anglo-Jewish Association, in London bei der Jahresversammlung dieser Gesellschaft gehalten hat, zweitens die Konferenz des Bundes * jüdischer Farmer in New York, und drittens ein Artikel über die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas, der im „Economist", der bedeutendsten volkswirtschaftlichen Zeitschrift Englands erschienen ist. Die Rede Claude Montefiores gab eine Übersicht über die erzieherische Tätigkeit, die die Anglo-Jewish Association im letzten Jahre unter den jüdischen Gemeinden des Orients entfaltet hat, und brachte ferner das Geständnis der Machtlosigkeit, die politische Lage* der Juden Osteuropas zu verbessern. Die Konferenz der jüdischen Farmer in New York, die drei Tage lang dauerte und von 50 Delegierten aus verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten besucht war, ließ erkennen, welchen Nutzen die jüdischen Einwanderer ihrer neuen amerikanischen Heimat gebracht haben, und befaßte sich mit den Methoden, durch die man die Arbeit der jüdischen Farmer in Zukunft noch erfolgreicher gestalten könnte. Der Artikel im „Economist" gibt eine unparteiische, auf zuverlässigen Informationen beruhende Übersicht über die jüngste whtschaftliche Entwicklung Palästinas, wobei die wertvolle Arbeit der jüdischen Ansiedler ganz besonders hervorgehoben wird. Diese drei Ereignisse haben sich ganz unabhängig voneinander abgespielt und man würde einen Zusammenhang zwischen ihnen kaum vermuten. Eine kurze Betrachtung wird uns indessen zeigen, daß die besprochenen Vorfälle allerdings einen gewissen inneren Zusammenhang aufweisen, und zwar durch ihre unmittelbare Beziehung zu dem Problem, das so viele denkende Köpfe unter uns beschäftigt, der Schicksalsfrage: Was soll aus dem jüdischen Volke werden? Die Rede Claude Montefiore war insbesondere wegen ihres pessimistischen Grundtones bemerkenswert. Er sprach in bekümmerten Worten von der Lage in Rußland und Rumänien und beklagte die Tatsache, daß es, obgleich wir in einem Zeitalter der Zivilisation leben, schlechterdings unmöglich sei, irgend eine Linderung der Notlage unserer Brüder in diesen Ländern durch die Mithilfe der Großmächte zu erzielen. Er kritisierte die gegenwärtige Richtung der internationalen Politik, welche, indem sie darauf ausgeht, das Gleichgewicht zu erhalten und den Ausbruch eines Krieges zu verhindern, die Leiden so vieler Millionen von Juden gänzlich vernachlässigt. Er stellte fest, daß das russischjüdische Problem von einer Lösung in Rußland selbst mehr als je entfernt sei. Dies ist in der Tat ein bedeutsames Eingeständnis, da andere Mitglieder der Anglo-Jewish Association wiederholt mit hartnäckigem Optimismus erklärt haben, die Lösung des russischjüdischen Problems liege in Rußland selbst. Aber welche Aussichten hat Herr Montefiore uns für die Beseitigung des gegenwärtigen Elends eröffnet, welche Mittel und Wege gab er an, durch die es wenigstens zu mildern wäre? Er gab weder Trost noch Rat, begnügte sich vielmehr einfach damit, daß er erklärte, die Gesellschaft, deren Vorsitz er führe, sei heute so nötig wie je zuvor, und sie werde wahrscheinlich noch für viele Jahre hinaus notwendig sein. Die Übersicht jedoch, die er über die Tätigkeit der Gesellschaft in der Vergangenheit bot, soweit sie die großen Massen der bedrückten Juden betraf, konnte die Hoffnung kaum rechtfertigen, daß sie in Zukunft mehr Erfolge erzielen wird. Hat Herr Montefiore aus den langjährigen Erfahrungen noch immer nichts gelernt? Begreift er nicht, daß die Tätigkeit dieser und ähnlicher Hilfsorganisationen lediglich eine vorübergehende Besserung in der Lage der einen oder andern Gemeinde schaffen kann, daß sie aber niemals eine dauernde Wirkung hinsichtlich der Linderung des jüdischen Massenelends erreichen wird? Fürwahr, es müßte schon für ihn und die Leiter gleichartiger Körperschaften die Zeit gekommen sein, einzusehen, daß ihre philanthropische Tätigkeit, so ausgedehnt und hochherzig sie auch sein mag, das wirkliche jüdische Problem ganz unberührt läßt. Ihre Bestrebungen konzentrieren sich lediglich auf die Heilung von Wunden, sie denken aber gar nicht daran, einen Plan zu entwerfen, — ab-

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