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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 116

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 116)
Language
German
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Tel-Awiw . . der Hügel des Frühlings Jaffa, — der Schönen, — geht man entgegen, wenn man die Barke verläßt und das Ufer des Landes beiritt. Ach, und welche Gefühle lösen sich in einem aus, wenn man noch nicht ganz festen Fußes den Hafen passiert und durch die schwarzen Bogen alter Gebäude, die noch schmatziger als alt sind, auf den Platz der Regierungsgebäude kommt, um von da aus die Hauptstraße lang nach dem jüdischen Viertel zu gelangen. Blinde und lahme Araber, übelriechende Kamele, Esel und Droschken, Dominikaner, Juden, russische Pilger, elegante Araber und in Schwarz gehüllte Frauen, Schnellverkäufer mit Bohnen, Trauben, Feigen und Süßigkeiten versperren den Weg. Zwischen vor den Kaffeehäusern auf niedrigen Korbstühlen sitzenden Arabern geht der mühselige, über alles betrühende Fußweg. Denn, kommt man nicht als flüc htiger Touristhierher, für den alles Reize hat, so bleibt einem das Herz stillstehen. Also hier! . . . Hier soll ich wohnen, hier, wo der Kehricht hauft-nweise aufgestapelt auf der Straße liegt, wo ausjcdem K< »lonialwarengeschäft der abstoßendste aller Düfte strömt, — und wo die Menschen so trostlos arm und verwahrlost herumschlendern . . . Einweihung von Tel-Awiw Und ein Gefühl des Staunens und des Wimderns bemächtigt ^ich meiner, als ich meine Freunde so lustig und zufrieden neben mir sehe und als sie mir erzählen, daß Jaffa wirklich sehr hübsch ist und überhaupt die hübscheste Stadt Palästinas ist. Und in den ersten Monaten wollte das Staunen keinem andern Gefühle weichen, und qs ging in tiefen Schmerz über, so oft ich die jüdischen Viertel passierte. Ich ging oft hin, ich wollte mich an ihren Anblick gewöhnen, ich wollte mich zwingen, dort nicht gesenkten Hauptes herumzugehen, um aus dem Herzen und den Augen nicht die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu verlieren. Es gelang mir damals nicht, und es geht auch heute nicht, nach knappen drei Jahren meines Aufenthaltes in Jaffa. Damals wohnte ich in der deutschen Kolonie und fühlte mich jedesmal, wenn ich das Tor der Kolonie betrat, beglückt und befreit vom Alp, der auf meiner Brust lastete. Ich konnte atmen und mich freuen am schönen Himmel und an den Palmen, die am Horizont zu ihm emporstrebten. Ich mußte aber ganz mutlos unaufhörlich daran denken, daß wir es nicht so haben, daß wir überall, wo wir sind, ein Ghetto bilden und die gegebene Freiheit nicht ausnutzen, sondern immer dicht beisammen gedrän.t . unsere Armut durch Schmutz und elendes Aussehen vergrößern. Damals klagten alle über die Notwendigkeit, im Schmutz des jüdischen Viertels wohnen zu müssen, mit den Arabern denselben Hof zu teilen und die Kinder entweder in der Stube eingeschlossen zu halten oder sie auf den Kehrichthaufen mit den wilden, ungezogenen arabischen Kindern spielen lassen zu müs-en. Der einzige Lichtpunkt war für das Kind der Strand, aber auch dort mußte es den Geruch der Kadaver einatmen und dicht daneben im Sande spielen. Es glaubte keiner daran, daß es besser werden wird, wiewohl es schon eine Gesellschaft Achusath- Bait gab. Daß man sich zu einer wirklichem Tat aufraffen wird,erschien ebenso unglaublich, wie daß Newe-Sehaiom eines Tages verschwinden könnte. Und noch im vorigen Jahre, um diese Zeit, versprachen die zwei kleinen Häuschen, die gebaut wurden, unsern mütterlichen Herzen nicht viel Und he^te? Kann sich das jemand, der in Europa wohnt, ausmalen, mit welchen Gefühlen des Stolzes und der Befreiung wir Bewohner von Tel-Awiw atmen. In den Augen des Touristen, der unsere Stadt besucht und dem man Tel-Awiw als Sehenswürdigkeit zeigt, lese ich immer ein Staunen. Freilich ist unser Tel-Awiw klein und hat unansehnliche Häuschen; es ist aber unser, und wir sind hier entre-nous, und unsere Kinder spielen ringsherum um ihren Kindergarien und ihre Schule und spielen in der Herzlstraße. Hätte Herzl diese lärmenden, hebräisch sprechenden und hebräisch schimpfenden Kinder in seiner Straße gehört, so hätte er gewiß auf viele seiner Träume in Altneuland verzichtet. Er hätte vor seinen Augen ein realisiertes Altneuland gesehen und hätte gefühlt, daß wir den realen, natürlichen Weg gegangen sind. Denn wir Bewohner von Jaffa hatten nicht die Bedürfnisse des Bewohners einer Weltstadt, wir wollten uns nicht aus einer hypermodernen Kultur in eine noch raffiniertere herüberreiten. Wir wollten sauber wohnen, gute Luft einatmen und gutes, gesundes Wasser trinken können. Und an alledem fehlt es uns nicht! Es gibt in Tel-Awiw keinen einzigen unzufriedenen Bewohner, und das will was heißen/

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