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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 95

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 95)
Language
German
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No. 41 DiEMELr 1089 ■ I. Die Anfänge der Bewegung. Die ersten Kolonien. Die ersten zerstreuten ,,Chowewe-Ziona-Vereine Das uralte Volksgefühl von dem engen, wurzelfesten Zusammenhange des Volksdaseins mit der historischen Heimat, wie es in der unerlöschlicheri Sehnsucht und der Unerschütterlichen Hoffnung auf die Wiederaufrichtung Ziöns zum Ausdruck kam, hatte sich während des neunzehnten Jahrhunderts mit dem Eindringen;der europäischen Kultur in die Judengasse vielfach in neuer, zeitgemäßer Form kundgegeben. Bei adeligen, feinfühligen Naturen hat die von Europa in schwerem Ringen erkämpfte Freiheit und Souveränität des menschlichen Geistes den Drang nach nationaler Freiheit und Eigenpersönlichkeit erzeugen müssen. Und so ist es kein Wunder, daß eine führende Persönlichkeit der Zeitkultur, ein markanter Typus des neuzeitlichen Ringens nach individueller Freiheit und Unbedingtheit, der „Kommunistenrabbi" Moses Heß, der erste wissenschaftliche Wortfürher des modernen judischen Staatsgedankens wufde. Es fehlte auch nicht än einzelnen mehr oder weniger zielbewußten praktischen Versuchen nationaler Regenerationsarbeit, Mordechai Manuel Noahs kühne Staatspläne, Moses Montefiores Bemühungen, die materielle und moralische Lage der Juden im alten Heimatlande zu heben, die Propagandader Kolonisation Palästinas durch orthodoxe Führer des Judentums, wie Rabbi Hirsch Kalischer, Rabbi Elias Hutmacher u. a., die zur Qrüdung eines „Israelitischen Vereins zur Kolonisation von Palästina" führte, die 1870 durch Karl Netter erfolgte Gründung der jüdischen Ackerbauschule Mikweh-Israel bei Jaffa, die einen Ausgangs- und Anhaltspunkt für die zukünftige landwirtschaftliche Besiedelung Palästina bilden sollte: es waren dies alles vereinzelte Vorboten der neuen jüdischen Renaissancebewegung. Allein die Bewegung selbst war noch nicht in Sicht. Jene Männer und Taten blieben vereinzelt, — die ersten, allzufrühen Schwalben eines allerdings nicht mehr fernen Frühlings. Die neue Saat hatte freilich in der Volksseele Keime gelassen, die aber zunächst unter der schweren Eisdecke der alten, dumpfen Galuth-Passivität starr und regungslos blieben. Allmählich wurden aber die berufenen Wortführer und Wegweiser der öffentlichen Meinung des östlichen Judentums von der nationalen Renaissanceidee durchdrungen. David Gordon beginnt in seinem „Hamagid" die Kolonisation Palästinas als notwendiges Mittel zur politischen Wiedergeburt des jüdischen Volkes zu predigen. In der einflußreichen hebräischen Monatsschrift „Haschachar" tritt Ben-Jehudah mit jugendlicher Begeisterung für die Palästinaidee ein. Und was von viel größerer Bedeutung werden sollte, — der Redakteur dieser Zeitschrift* Peres Smolensky, wird zum eigentlichen Apostel der nationalen Idee. Mit hinreißender Verve und Überzeugungskraft, mit eiserner Logik und glühendem Pathos zieht dieser einflußreichste hebräische Schriftsteller gegen die Assimilatiönslüge zu Feld und predigt dieser gegenüber die aktive nationale Selbsthilfe. So wurde die öffentliche jüdische Meinung allmählich für die neuen Ideen vorbereitet, und es bedurfte nur noch eines äußern Anstoßes, damit die Massen in Bewegung gerieten. * * * Dieser äußere Anstoß war nicht mehr fern. Im Frühling 1881 erschien am jüdischen Horizont in Rußland jenes blutige „Mene tekel upharsin," das auf das Volk markerschütternd und bluterstarrend wirkte. Die Aera der furchtbaren Pogrome setzte ein. Es begann der Hexensabbath russischer Bestialität. Die bete humaine feierte ihre wildesten Orgien, und die Juden Südrußlands erlebten wieder einmal die Zeiten Chmelnitzkys und Hontas. Nun war aber auch das erlösende Wort gesprochen. Lilienblum verkündete jetzt, in drei Sprachen gleichzeitig, mit hinreißender Begeisterung und mit der ihm eigentümlichen seltenen Energie und Klarheit das. positive Ideal der „Wiedergeburt des jüdischen Volkes im Lande seiner Väter". Die Lehre wirkte in weiten Kreisen zündend. Gleichzeitig mit der ungeheuren plan- und ziellosen Massenemigration nach allen Richtungen der Windrose, entsteht unter den Massen, und namentlich unter der gebildeten Jugend, das zielbewußte Töchterschule des Odessaer Komitees in Jaffa, Vorderfront Bestreben, durch die landwirtschaftliche Besiedelung Palästinas die Grundlage für die nationale Selbständigkeit des jüdischen Volkes zu schaffen. Am 15 Ab 5642 (1882) geschah der entscheidendste Schritt in der Geschichte der neuen nationalen Bewegung. Auf dem Wege zwischen Jaffa und Jerusalem wurde von einer kleinen Gruppe junger gebildeter Leute, die ihr Geburtsland verlassen hatten, um dem jüdischen Volke ein Beispiel praktischer Regenerationsarbeit zu geben, die erste landwirtschaftliche Kolonie „Rischon- JLe'zion" gegründet. Dieser Gruppe, in deren Mittelpunkt der jetzige Direktor der A. P. C., S. D. Lewontin, und Joseph Feinberg standen, schlössen sich die, unter dem Namen „Bilu" bekannten Pioniergruppen an. Bereits im Januar 1882 war nämlich in Charkow der erste Studentenverein mit der Losung „Beth Jacob l'chu w'nelchoh" (in Abbreviatur: Bilu) gegründet worden, der sich zur Aufgabe gestellt hatte, die ersten Pioniere der Palästina-Kolonisation zu stellen. Dieser Pionierver band wuchs zusehends. Zwanzig Delegierte des Charkower Vereins unternahmen eine Werbetournee in Rußland, und bald betrug die Zahl der organisierten „Bilu"-Mitgljeder ca. 500. In ihrer idealen Begeisterung übersahen die edlen Enthusiasten die ungeheuren Schwierigkeiten einer Kolonisationsarbeit ohne alle Vorbereitung, ohne Mittel, ohne Fachbildung, ohne

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