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Die Welt · 1910-10-17 · 41-42 (17.10.1910) · page 64

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
41-42 (17.10.1910)
Date
1910-10-17
Page
– (sequence 64)
Language
German
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I 1060 DIE^ELT No. 41 i). 4\ liUi \-. j\ 2 T^C^'W < "'S^n^. . - -.■ i^3*r—- ■ .- - Eine jabnehistische Akademie Von Rabbiner Dr. J. J. Nieroirower, Jassy Wir leben in einem Zeitalter, in welchem man — nach dem Talmudausdrucke — die ganze Lehre „auf einem Fuße stehend" erfassen will, die verwickeltsten Probleme in der knappsten Form dargestellt haben möchte. Ich will daher im Dienste des Jabnehismus den Inhalt meiner in deutscher, hebräischer, jüdischer und rumänischer Sprache publizierten Schrift „eine moderne Jabnehakademie" in möglichster Kürze wiedergeben. Seit dem Jahre 1902 mache ich für die Gründung einer jüdischen Akademie als Geisteszentrum des Judentums Propaganda. Vor acht Jahren habe ich in allgemeinen Zügen das Warum und Wie einer modernen Jabnehakademie, die sowohl der Wissenschaft als auch dem großen Zwecke der Einigung Israels dienen sollte, geschildert. In meiner Broschüre, die Ende des vorigen Jahres erschien, habe ich folgende sieben Punkte behandelt: I. Eine jüdische Zentralakademie istalsdas Resultat unserer kulturellen und sozialpolitischen Entwicklung zu betrachten. Im 19. Jahrhundert hat die jüdische Kultur große Fortschritte gemacht. Die hebräische Sprache ist weltlich modern geworden. Der jüdisch-deutsche Dialekt erzeugte eine bedeutsame Literatur. Unsere Chronik entwickelte sich zu einer Geschichte, unsere Gelehrsamkeit zu einer Wissenschaft. Unser Schulwesen hat eine moderne Gestalt angenommen. Die Rabbinerschulen sind in gewissem Sinne jüdische Universitäten. Jüdische Bibliotheken und Museen wurden gegründet; große Zeitschriften, gelehrte Gesellschaften und Kulturvereine verschiedener Art entstanden. Gewiß ist auch manches Talmiwissenschaft, Talmiliteratur; allein es ist auch viel Großes geschaffen und noch Größeres angebahnt worden, so daß es uns gestattet ist, von einer goldenen Zukunft unserer Kultur zu träumen und auch an eine jüdische Akademie als Renaissancekonsequenz zu denken. Auch Dr. Singer in Amerika und der hebräische Schriftsteller R. Brainin schlugen die Gründung ähnlicher Gesellschaften vor. Das Charakteristische in meinem Vorschlage ist, daß für mich eine derartige Zentralakademie eine gebieterische Forderung unserer ganzen Entwicklung zwecks Erhaltung der Einheit Israels ist. Die Differenzierung unseres Volkes zwingt uns einen Einigungspunkt zu suchen. Niemals war unser Stamm in religiöser, kultureller und sozialpolitischer Beziehung so zerklüftet als jetzt. In meiner Schrift zählte ich die verschiedenartigen Gruppen auf. Soll sich Israel nicht in unzählige Judenatome auflösen, müssen wir ein Mittel zur Vereinigung suchen. Der Tempel zu Jerusalem, die Bibel, der Talmud und der Schulchanaruch waren und sind bis zu einem gewissen Punkte Zentralmomente des Judentums. Da aber die Auslegung der Bibel, die Würdigung des Talmuds und die Anerkennung des Schulchan-aruchs verschiedenartig sind, bedürfen wir einer Institution, welche uns auch in moderner Zeit zu einigen vermag. Wie Rabbi Jochanan ben Sakkai bei der Zerstörung des Tempels die Lehranstalt und Akademie zu Jabneh zum Zentrum des jüdischen Stammes erhob, so sollen auch wir ein geistiges Zentrum ein „altneu" Jabneh schaffen, das uns vereinigt. Trotz des Differenzierungsprozesses, trotz allerDezentralisierungsbestrebungen will unser Stamm eine Einheit bleiben. Die verschiedenartigen Vereinigungen, welche Erzeugnisse des Solidaritätsgedankens sind, bezeugen es. Es gibt jedoch verschiedene Arten von Einheiten. In meiner Schrift zeigte ich, daß nur eine wahrhaft historische Einheit eine organische ist, welche allen Arten des Judentums ihre Sonderexistenz wahrt, und sie dennoch auf der Grundlage des Gesamtjudaismtis einigt. Nur die Wissenschaft des Judentums und die Geschichte der Juden kann ein Zentrum, wenn auch nicht für alle, so doch für die meisten Juden werden. Die bestehenden Gesellschaften und Organisationen müssen sich aus idealen und praktischen Gründen in ihrer Tätigkeit eine Beschränkung auferlegen, können teils infolge ihrer Theorien, teils wegen der Form ihrer Organisation, nicht Allisrael umspannen. Nur die Geistesmacht einer Zentralakademie kann die Kluft, die sich in unserer Mitte auftut, überbrücken. II. Der geistige Panjudaismus. Eine Zentralakademie soll sich auf der Grundlage des Alljudentums erheben. Die Vokabel Alljudentum hat keinen politischen Inhalt, deutet in keiner Weise auf eine Absicht geistiger Unterdrückung anderer Nationen hin, sondern es gilt, die Juden, die eine ethnische Einheit bilden, durch den Geistesschatz, den sie besitzen, zu einer ethischen Einheit zu gestalten. Ethnos sind diejenigen Juden, in deren Adern jüdisches Blut fließt; kulturelle Juden sind alle diejenigen, deren Bewußtsein mehr oder weniger ein jüdisches ist und deren Unbewußtes von jüdischem Geiste beherrscht wird. Wenn sich nicht alle, die jüdischer Abstammung sind, zur jüdischen Konfession zählen können, als politische Nation betrachten wollen, fast alle können als kulturelle Einheit genommen werden, als ein Stamm, der seine eigne, eigenartige, wenn auch vielfach variirende Kultur besitzt, die als besonderer Zweig am Geistesbaum der Gesamtmenschheit gelten kann. Einen dem von mir vertretenen Alljudentum ähnlichen Standpunkt fand ich bei Dubnow, der die Ansicht vertritt, daß die Juden eine geistige Nation bilden. In meiner Schrift suchte ich zu zeigen, warum ich den 'Ausdruck Jabnehismus wähle, welcher auf eine Auffassung hinweist, die das Hauptgewicht auf das Kulturelle legt, aber das Religiöse nicht vernachlässigt und das

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